Wikipedia: »Für uns ist es okay, wenn KI unsere Inhalte nutzt«

Am 16. März 2001 ging die deutschsprachige Wikipedia online. Eine Enzyklopädie ohne zentrale Steuerung, geschrieben und kuratiert von einer Gemeinschaft aus Freiwilligen, der man jederzeit beitreten kann. Ein Vierteljahrhundert später ist daraus eine unverzichtbare Institution geworden, die Hunderte Millionen Menschen regelmäßig nutzen – oft, ohne darüber nachzudenken, was eigentlich dahintersteckt. Im Interview erklärt Claudia Garád, Geschäftsführerin von Wikimedia Österreich, wie es heute um die deutschsprachige Wikipedia steht. Und wie die Idee der gemeinsamen, freien und unabhängigen Wissensdatenbank in der Zeit von KI, Fake News und globalen Konflikten bestehen kann.
Frau Garád, was ist heute anders als beim Start von Wikipedia?
Alles ist professioneller geworden. Am Anfang waren die Vereine komplett ehrenamtlich getrieben, irgendwann sind hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dazugekommen. Das Thema Geld wird immer wichtiger – vor allem jetzt, wo die Wikipedia auch politisch im Kreuzfeuer ist. Wir stehen, glaube ich, auf der richtigen Seite der Geschichte, weil uns Menschen auf einmal aus politischen Motiven heraus angehen.
Man sieht jetzt außerdem, dass wir ein wichtiger Teil der Informationslandschaft geworden sind. Früher wurde diskutiert, ob man in der Schule oder in der Uni die Wikipedia benutzen darf. Heutzutage sind die Lehrerinnen eher froh, wenn Kinder und Jugendliche noch die Lesekompetenz haben, einen ganzen Wikipedia-Artikel durchzulesen und zu verstehen.
Seit 2012 ist die Kommunikationswissenschaftlerin Geschäftsführerin von Wikimedia Österreich, legt die Grundlagen für die Arbeit der aktiven Wikipedia-Community und setzt sich auf Konferenzen für freies und offenes Wissen ein. Seit 2022 ist sie außerdem Präsidentin von Wikimedia Europe.
Positiv verändert hat sich die Zusammenarbeit mit großen Institutionen. Wo früher Berührungsängste waren, ist es mittlerweile ganz normaler Alltag für uns, mit Universitäten, Archiven oder Museen zusammenzuarbeiten, zum Beispiel bei der Digitalisierung von Kulturerbe. Da mussten wir am Anfang viel mehr kämpfen, jetzt ist das Mainstream.
Ein großes Thema ist auch, den Leuten immer wieder zu erklären, wie wir arbeiten, wer wir sind, aber auch, dass dieses Ökosystem, in dem wir existieren, erhalten bleiben muss. Als ich angefangen habe, war freies, offenes Internet noch sexy. Da gab es Menschen, die diese Utopie sofort verstanden und sich engagierten. Die Realität der neuen Generationen ist eine ganz andere. Wir müssen neue Narrative finden, um wieder junge Menschen an diese Ideen vom offenen Internet heranzuführen.
Wie entwickelt sich denn die aktive Wikipedia-Community? Sind das immer die Gleichen, oder kommen neue Leute nach?
Im deutschsprachigen Raum beobachte ich eine Tendenz zu älteren Menschen. Das ist natürlich schwer genau zu sagen, denn ein Teil unseres Konzepts ist es, dass wir keine Daten abfragen. Aber man sieht es auf Events, gerade in Österreich. Oft sitzen kaum junge Menschen mit am Tisch, und das ist natürlich auch ein biologisches Problem. In 20 Jahren wird der Tisch leerer sein, wenn man nicht schaut, dass neue Leute nachkommen.
Und wegen der KI-Zusammenfassungen landen immer weniger Menschen direkt auf der Wikipedia. Spenden werden dadurch schwieriger, aber es drücken dann auch weniger Menschen das erste Mal den Edit-Button und finden so den Weg in die aktive Community. Viele Leute wissen nicht, dass sie unsere Inhalte stark nutzen, weil die ganzen KI-Anwendungen zwar massiv darauf aufbauen, aber mittlerweile oft nicht mehr darauf hinweisen, wo die Information herkommt.
Wir bemerken jetzt noch keinen Mega-Einbruch, aber wir müssen uns mit solchen Themen auseinandersetzen, bevor die Krise da ist. Wir müssen schauen, wie man Menschen wieder neu erreicht. Menschen kommen nicht mehr wie bisher von selbst zu uns.
Welche Funktion hat Wikimedia, bei der Sie Geschäftsführerin sind?
Ursprünglich ist Wikimedia die Grundsicherung der Wikipedia. Wikipedia-Gründer Jimmy Wales hat die Wikimedia Foundation ins Leben gerufen, um die rechtlichen Grundlagen zu sichern, zum Beispiel eine Trademark für das Globus-Logo, und um sicherzustellen, dass die Server und die Technik und so weiter in guten Händen sind. Und natürlich, dass die finanzielle Zukunft der Wikipedia gewährleistet ist. Das sind die originären drei Säulen von Wikimedia.
Sehr bald hat sich die Wikimedia dann in andere Sprachversionen mit eigenen Wikimedia-Organisationen ausdifferenziert. Wie kleine Sporen, die durch die ganze Welt geflogen sind. Gerade Deutschland war ganz vorn mit dabei. Dort gab es nur wenige Monate später eine eigene Organisation.
Unterscheiden sich die drei deutschsprachigen Wikimedia-Organisationen?
Die deutschen Kolleginnen und Kollegen haben schnell verstanden, dass Fundraising ein wichtiges Thema ist. Jahrelang hat Wikimedia Deutschland fast erfolgreicher als die ursprüngliche Wikimedia Foundation Gelder aufgetrieben, was man bis heute sieht. Die rechtliche Struktur in Deutschland hat dabei auch geholfen. Wikimedia Deutschland ist ein Riesenverein mit Tausenden Mitgliedern und Fördermitgliedern. Die Schweiz ist ebenfalls relativ erfolgreich.
»Man sieht jetzt, dass wir ein wichtiger Teil der Informationslandschaft geworden sind«
Wir in Österreich stehen ein bisschen anders da. Wir hatten insbesondere bis vor Kurzem nicht so die guten Strukturen, um Spenden oder Mitgliedschaften steuerlich abzusetzen. Dafür sind wir sehr nah an der Community geblieben, die über den ehrenamtlichen Vorstand und die Gremien stark an der Verwaltung beteiligt ist. So haben sich alle drei Chapter im deutschsprachigen Raum sehr unterschiedlich entwickelt.
Wie schützt sich die Wikipedia vor politischer Einflussnahme?
Für die Community war Einflussnahme schon immer ein Problem. Vor über zehn Jahren zum Beispiel haben Rechtsextreme mit Hunderten Fake-Accounts Artikel zur deutschen Geschichte umgeschrieben. Irgendwann haben dann Mitglieder der Community angefangen, sich dagegen zu wehren.
Da wurden neue Zugriffsrechte eingeführt, um etwa sicherzustellen, dass nicht einige wenige Leute Hunderte Accounts anlegen und damit so tun, als seien sie die Mehrheit. Damals beim Angriff von Rechtsaußen hatte am Ende nur eine Handvoll Menschen unheimlich viele Profile angelegt.
Dieser Vorfall hilft uns bis heute, weil damals Prozesse in die Community gekommen sind, die verhindern, dass die Wikipedia übernommen wird. Sei es von politischen Gruppierungen, sei es aus aktivistischen Motiven heraus. Wir haben uns quasi schon jahrelang auf die Situation vorbereitet, die heute sehr ernst ist.
Das heißt, die aktive Community schützt die Wikipedia vor Manipulation?
Ein wichtiger Faktor ist auch, dass wir so viele sind. Sowohl die unabhängige Finanzierung durch viele Kleinspenden als auch das Editieren durch eine Vielfalt von Menschen aus dem ganzen Spektrum von Politik und Weltanschauung machen uns resilient. Wir haben es jahrelang geschafft, dass sich die meisten recht gut repräsentiert fühlen.
Die Wikipedia ist einer der wenigen produktiven Aushandlungsprozesse, in denen sich Menschen noch begegnen und gemeinsam eine Wahrheit aushandeln. Hier müssen die Menschen wirklich auf einen gemeinsamen Nenner kommen – und wenn dieser gemeinsame Nenner nur ist, dass man mehrere Perspektiven angemessen abbildet. Das ist einer der schönen Aspekte der Wikipedia, die sie auch so wichtig macht, finde ich.
Das macht die Gemeinschaft ein Stück weit resilient, weil sie weder nach links noch nach rechts oder anderweitig einen besonderen Drall hat. Ich persönlich finde die deutschsprachige Wikipedia eher konservativ. Aber ich glaube, wir decken ein schönes Spektrum ab, und alles wird gut ausverhandelt.
Wir als Organisationen unterstützen die Community bei diesen Aushandlungsprozessen, insbesondere Menschen, die dabei im Kreuzfeuer stehen. Sei es mit rechtlicher oder psychologischer Hilfe, sei es mit Aufklärung oder mit Mediation. Das ist unsere Rolle.
Wie steht die Wikipedia zu KI-generierten Inhalten?
Das Thema KI ist komplexer. Die deutschsprachige Wikipedia war die erste, die gesagt hat: Wir wollen keine KI-generierten Inhalte auf den Projekten haben. Dann schließt sich natürlich sofort die Frage an, wie man das erkennen will. Je besser die Systeme werden, desto schwieriger wird das. Aber die Community diskutiert das sehr differenziert. Zum Beispiel, dass KI für das Finden von Fehlern, für Recherchezwecke oder zum Übersetzen von Quellen nützlich sein kann. Aber eben nicht der Text selbst auf der Wikipedia – der soll nach wie vor von Menschen gemacht sein.
»Für die Community war Einflussnahme schon immer ein Problem«
Für meinen Geschmack agieren viele der großen Wikimedia-Organisationen da ein bisschen zu vorsichtig. Die wollen sich alle nicht die Finger verbrennen. Ich finde, man kann schon versuchen, unter Berücksichtigung all der Ängste und Sorgen, die Menschen mit KI haben, eine positive Strategie zu entwickeln. Etwa, indem man sagt: Lass uns schauen, welche Tools wir ethisch vertretbar nutzen können.
Meine Angst dabei ist, dass die Entwicklungen so schnell gehen und die Aushandlungsprozesse in der Community zu langsam sind. Die machen uns stabil und resilient, brauchen aber Zeit. Und die Zeit wird immer mehr zum Luxus, den man nicht hat.
Sie hatten erwähnt, dass die Wikipedia politischer wird. Wie betroffen sind die Wikipedien von internationalen Konflikten?
Das ist von Sprachversion zu Sprachversion verschieden. Wir sehen das gut im Bereich Zentral- und Osteuropa, weil wir mit den Organisationen eng zusammenarbeiten. Da gibt es immer wieder Konflikte. Aktuell ist es natürlich extrem schwierig mit Russland und den anderen Communitys.
Das hat in ganz vieler Hinsicht Einfluss auf die Art und Weise, wie Menschen zusammenarbeiten können. Zum Beispiel können die einen nicht so frei sprechen, wie sie wollen, andere wieder sind sehr empfindlich und nehmen vieles als Angriff wahr. Es gibt Befindlichkeiten und auch Gefahrenlagen.
In manchen Ländern riskieren Menschen sogar ihr Leben. Manche Wikipedianerinnen mussten große Opfer bringen, um freies Wissen zu generieren. Das ist natürlich eine ganz andere Liga, wenn man von heute auf morgen in einem Gefängnis landen kann. Das hatten wir schon. Für uns sollte es immer das Wichtigste sein, die Communitys so gut wie möglich zu schützen.
Die Wikimedia Foundation zum Beispiel hat deswegen bei Eingriffen durch die Trump-Regierung oft vorsichtiger agiert. Sie weiß, dass nicht sie als Erste in der Schusslinie steht, sondern individuelle Beitragende. Deswegen ergibt es auch wenig Sinn, sich groß aufzuspielen als eine Organisation, die laut dagegenhält.
Als die Trump-Regierung in den USA Webseiten und Datenbanken hat löschen lassen, gab es Rettungsaktionen von vielen Seiten. Aber die Wikimedia Foundation ist dabei nicht in Erscheinung getreten. Hat das damit zu tun?
Vielleicht. Ich glaube aber auch deshalb, weil die Foundation letztendlich nicht darüber bestimmt, welche Daten bei den Projekten genutzt werden. Das ist diese sehr klare, aber für die Außenwelt nicht immer sichtbare Trennlinie: Wir als Organisationen haben bei den Projekten nichts zu sagen. Es ist wirklich die Community, die inhaltlich arbeitet und selbst über die Prozesse und Prioritäten entscheidet.
»Manche Wikipedianerinnen mussten große Opfer bringen, um freies Wissen zu generieren«
Doch ich weiß, dass viele Bilder, die überall gelöscht wurden, auf Wikimedia Commons auftauchen. Beispielsweise von Diversity-Events beim amerikanischen Militär. Wir sind jetzt ein Stück weit das Archiv für solche Bilder, die es sonst nirgends mehr gibt. Etwa von People of Color, die auf einem Pride-Event vom Militär in einer Blaskapelle gespielt haben.
Wenn Leute Dinge zu uns retten wollen, dann können sie das, denke ich, ganz gut machen. Und das fällt oft gar nicht so sehr auf. Aber es ist gut, dass das unter dem Radar passiert.
Welche Rolle spielt die Wikipedia in Zukunft in diesem Wissens-Ökosystem mit KI und veränderten Nutzungsmustern?
Ich glaube, dass wir für das Wissens-Ökosystem sehr zentral sind, vor allem als unabhängige Informationsquelle. Immer mehr Menschen wird klar, dass es immer weniger wirklich unabhängige Informationsquellen gibt. Es ist schon ein Wake-up-Call, wenn man sieht, wie Qualitätszeitschriften in den USA und anderen Ländern von heute auf morgen übernommen werden können.
Einen weiteren Aspekt zeigen die Angriffe von Elon Musk, der frustriert war, dass er die Wikipedia nicht so einfach beeinflussen kann. Sei es bei seinem eigenen Artikel, über den er angeblich in mancher Hinsicht nicht glücklich ist, sei es beim angeblichen Wokeism und was ihm eben sonst noch ein Dorn im Auge ist. Da hat man gesehen, dass es unheimlich wichtig ist, dass wir solche demokratischen Wissensräume haben: Räume, in denen Menschen nicht nur frei konsumieren können, sondern mitkuratieren und mitschaffen.
Bei der Diversität von Perspektiven können wir aber noch besser werden. Das ist immer eine der kritischen Fragen: Wie schaut es mit den Frauen aus und mit anderen marginalisierten Gruppen? Das ist nach wie vor ein Thema. Auch wenn das gerade etwas aus der Mode kommt, ist es für uns nach wie vor wichtig, darüber nachzudenken: Wer schreibt dieses Wissen, wer muss gehört werden, wer muss dabei sein?
Welche Auswirkungen auf Wikipedia sehen Sie durch KI-Zusammenfassungen?
Es ist erst einmal andersherum: Diese ganzen Systeme rund um künstliche Intelligenz hätten massive Schwierigkeiten, wenn es Dinge wie Wikipedia und Wikimedia-Inhalte nicht gäbe. Für uns ist es okay, wenn KI-Zusammenfassungen unsere Inhalte nutzen. Wenn das noch mehr Menschen Zugang zu Wissen eröffnet, dann ist das gut.
Gleichzeitig muss man schauen, dass man das Ökosystem, auf dem all das aufgebaut ist, nicht niederwirtschaftet. Das vermitteln wir auch jenen Menschen, die Gesetze machen und die Rahmenbedingungen fürs Internet festlegen. Dabei geht es nicht nur um die Tech-Giganten; das Internet besteht auch aus Zivilgesellschaft, aus nicht kommerziellen Räumen. Und es gibt nur wenige Stimmen, die sich dafür einsetzen. Mit Wikimedia Europa haben wir uns da etabliert.
»Die Wikipedia kann vielen Menschen ein Gefühl der Selbstermächtigung, der Wirksamkeit in der Welt geben«
Derzeit experimentiert die Wikimedia Foundation damit, Verträge mit großen Unternehmen wie Google abzuschließen. Damit kann man neue Einkommensquellen erschließen. Denn wenn wirklich irgendwann niemand mehr bei uns landet, kommen auch keine neuen Beitragenden mehr dazu, und wir können keine Spenden mehr generieren. Dann müssen wir uns über andere Modelle unterhalten.
Was bedeutet die Wikipedia für Sie persönlich?
Wir fühlen es alle heutzutage, glaube ich: An manchen Tagen will man gar nicht erst den Rechner aufklappen und die Nachrichten lesen. Aber jetzt, beim 25. Jubiläum der Wikipedia, haben wir es gemerkt, und auch, als wir so heftig angegriffen wurden: Es gibt ein Bewusstsein dafür, dass die Wikipedia wichtig für die Demokratie und die Zivilgesellschaft ist. Es ist ein guter Ort, um sich zu engagieren. Egal, ob man selbst mitmacht, Fördermitglied wird, mitschreibt oder spendet.
Für mich ist das Schöne an der Wikipedia das Gefühl: Ich kann meinen Teil dazu beitragen, dass die Welt doch ein bisschen besser wird. Und ich glaube, die Wikipedia kann vielen Menschen ein Gefühl der Selbstermächtigung, der Wirksamkeit in der Welt geben. Ich hoffe, dass Menschen das auch als Chance für sich selbst begreifen, positive Veränderungen zu bewirken, und das ein bisschen als ihre Bestimmung sehen.
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