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Wildbienen: Die Biene mit der Maske

Mehr als 590 Arten Wildbienen leben in Deutschland, und eine ist nun Wildbiene des Jahres. Mit ihrem Titel soll die Rainfarn-Maskenbiene auf die Vielfalt und Bedeutung von Wildbienen aufmerksam machen.
Eine Rainfarn-Maskenbiene auf einer gelben Blüte. Typisch ist die elfenbeinfarbene Kopfzeichnung und der weitgehend haarlose Körper. Dadurch muss diese Biene Nektar und Pollen in ihrem Kropf transportieren..

Sie haben Namen wie Runzelwangige Schmalbiene, Gelbbindige Furchenbiene, Mohnbiene, Efeu-Seidenbiene oder auch Blauschwarze Holzbiene. Mehr als 590 Wildbienenarten gibt es in Deutschland. Eine von ihnen ist die Rainfarn-Maskenbiene. Klein und schwarz, mit elfenbeinfarbener Gesichtsmaske und hohem Wiedererkennungswert ist sie die im Januar frisch gekürte Wildbiene 2022. Ihr Name verrät bereits ihre Vorliebe für den Rainfarn.

Anders als Honigbienen, die alle Arten von Nektar und sogar schon mal die Produktionsabfälle der Süßwarenindustrie naschen, sind Wildbienen gemeinhin spezialisiert auf eine oder wenige Wirtspflanzen. Auch sonst unterscheiden sie sich von dem, was man sich normalerweise unter dem Begriff Biene vorstellt; Wildbienen leben nicht in Völkern zusammen und produzieren keinen Honig. Sie zeigen eine große Bandbreite von Anpassungen und Verhaltensweisen.

So ist die Rainfarn-Maskenbiene weitgehend unbehaart und kann deswegen keine Pollen in den Bein- oder Bauchhaaren sammeln und transportieren. Die Natur musste andere Lösungen finden, nun wird der Pollen »verschluckt«, im Kropf zum Nest getragen, wo er gemeinsam mit dem Nektar wieder ausgespuckt wird und dann dem Nachwuchs als Nahrung dient. »Dieses Verhalten gibt es nur bei den Maskenbienen«, erklärt Mare Haider, promovierte Biologin und Wildbienenspezialistin, die sich schon seit elf Jahren mit den Insekten beschäftigt.

Fast genauso lang küren die Experten des Kuratoriums »Wildbiene des Jahres« schon die Wildbiene des Jahres, um diese Insekten mehr in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Das Gremium wählt dabei in erster Linie Arten aus, »die auch für den Laien zu erkennen und möglichst auch vor der eigenen Haustür beobachtbar sind«, so Haider. »Da gab es die Zaunrüben-Sandbiene, die ausschließlich die Pollen der Zaunrübe sammelt, oder die Auen-Schenkelbiene, die als eine von zwei heimischen Arten Pflanzenöl zur Versorgung ihres Nachwuchses sammelt«, erklärt die Expertin. Solche Öl sammelnden Bienen kenne man sonst nur in den Tropen und Subtropen Südamerikas, die Auen-Schenkelbiene sei somit eine echte Rarität unter den heimischen Wildbienen. Zu jeder gekürten Wildbiene gibt es einen Flyer mit den wichtigsten Fakten, wie jetzt auch für die Rainfarn-Maskenbiene, und man bittet die Leute in dem Jahr um Meldungen, wenn sie die Biene beobachten.

Mehr als 240 000 Datensätze über Wildbienen

Dem Kuratorium »Wildbiene des Jahres« gehören sechs Expertinnen und Experten an und es ist bei dem Arbeitskreis (AK) Wildbienen-Kataster, einer Sektion des Entomologischen Vereins Stuttgart 1869 e.V., angesiedelt. Mare Haider ist Sprecherin dieses Arbeitskreises. »Das Kataster wurde bereits im Jahr 2003 auf Initiative von Hans Schwenninger und Rainer Prosi mit dem Ziel gegründet, eine Bienen-Datenbank für Baden-Württemberg aufzubauen«, so Haider.

Runzelwangige Schmalbiene | Eine Runzelwangige Schmalbiene (Lasioglossum puncticolle) besucht eine Distelblüte. Im Allgemeinen leben Schmalbienen in wärmeren Gebieten in kleinen Völkern und Nestern. Manche Arten in kühleren Gebieten sind aber Einzelgänger; so wie auch die seltene und gefährdete Runzelwangige Schmalbiene.

Es gab zwar einige Wildbienenkenner im Land, aber keine gemeinsame Datenbank, in der die Informationen zu Vorkommen und Verbreitung zu den zirka 490 in Baden-Württemberg vorkommenden Arten gesammelt wurden. Die Informationen, auf die man heute zurückgreifen kann, wurden in den letzten 20 Jahren von den Mitgliedern des AK Wildbienen-Kataster erfasst und durch Rainer Prosi in einer digitalen Datenbank zusammengetragen, für die er spezielle Computerprogramme geschrieben hat.

»Viele Daten werden heute von den jungen Biologen in Gutachterbüros geliefert. Mittlerweile haben wir im Kataster mehr als 240 000 Datensätze erfasst, darunter rund 100 000 Blütenbesuchsdaten. Das ermöglicht zum einen eine genauere Einschätzung der Entwicklung der Artenzahlen, und zum anderen, welche Pflanzen eine besondere Bedeutung für die Wildbienen haben«, erklärt Prosi. Und es zeige sich hier ebenfalls der allgemeine Trend, dass Struktur und Vielfalt aus der Landschaft verschwinden und demzufolge die Wildbienen.

Im Arbeitskreis bemüht man sich um eine möglichst einfache Darstellung der Sachverhalte, die auch für Laien verständlich sind. Das ist durchaus eine kleine Herausforderung, da es bei den Wildbienen eben nicht nur viele Arten, sondern ebenso viele Besonderheiten gibt.

»Viele Wildbienen sind nicht nur in puncto Bestäubung Spezialisten, sondern auch hinsichtlich ihres Lebensraums. Die einen bauen ihre Nester in Sandboden, die anderen in Lehm- oder Mörtelwänden und wieder andere brauchen Holz, Steinstrukturen oder Schneckenhäuser zum Nisten, wie beispielsweise die Zweifarbige Schneckenhausbiene, die im Jahr 2013 die erste Wildbiene des Jahres war«, erklärt der Wildbienenexperte und Biologe Arno Schanowski, ebenfalls Mitglied des Wildbienen-Katasters.

1140 Blüten für den Nachwuchs

Das unterscheidet sie von der Honigbiene, die ursprünglich eine Waldbiene war und in Baumhöhlungen oder Ähnlichem lebte. Da es im Wald viel Schatten und wenige Blütenpflanzen gab, konnte es sich die Honigbiene nicht »erlauben«, sich nur auf einige wenige Pflanzen zu spezialisieren, wenngleich sie mit rund fünf Kilometern einen großen Flug- und damit Suchradius um das Nest bewältigt. Die Sammelstrategie der Honigbiene heißt: Nutzung von Massenangeboten zu gegebener Zeit. Daher ist phasenweise zum Beispiel die Lindenblüte das Sammelziel Nummer eins. Der Honig ist dann entsprechend »sortenrein« – aber zu anderen Zeiten kommt er aus anderen Quellen.

»Ganz anders die Wildbienen, die keinen Honig produzieren; sie sind Einzelgänger, haben eine Flugzeit von vier bis sechs Wochen und in dieser Zeit muss es ihnen gelingen, ihre Brut mit Nektar und Pollen zu versorgen. Deswegen sind die Wildbienen auf die passenden Pflanzen in ihrer direkten Umgebung angewiesen«, erklärt Schanowski. »Und auch bei den Nahrungspflanzen gibt es sehr oft enge Abhängigkeiten. Ein Drittel der mitteleuropäischen Arten sammelt den Pollen fast ausschließlich auf einer einzigen Pflanzengattung oder -familie wie zum Beispiel die Knautien-Sandbiene, deren Hauptnahrungsquelle die Acker-Witwenblume ist.«

Blühstreifen versorgen Insekten mit reichhaltigem Angebot | Ein vielfältiges Blütenangebot entscheidet auch über Vielfalt und Artenreichtum unter den Bestäubern. Denn: Viele Blüten besuchende Insekten, darunter auch Wildbienen, sind ausgesprochene Spezialisten und sammeln nur an wenigen oder sogar nur einer Pflanzenart.

Durch fortschreitenden Umbruch der Wiesen in Ackerland, die starke Düngung und häufige Mahd der noch verbliebenen Wiesen ist die Acker-Witwenblume massiv zurückgedrängt worden. Auch Straßen- und Wegränder sind auf Grund der häufigen Mulchmahd extrem an Blüten verarmt. Damit ging vielerorts die einzige Nahrungsquelle der Knautien-Sandbiene verloren. Die Art wird deshalb in der Roten Liste der Wildbienen Deutschlands als gefährdet (Kategorie 3) eingestuft.

Und nicht nur die Blütenvielfalt, sondern auch die Menge der Blüten beeinflusst den Fortpflanzungserfolg der Wildbienen, betont Schanowski. »Sie sind für die Ernährung ihrer Larven auf enorme Pollenmengen angewiesen. So braucht die Schwarze Mörtelbiene für die Erzeugung eines einzigen Nachkommens den gesamten Pollengehalt von 1140 Blüten der Futter-Esparsette, und eine Population von 50 Weibchen der Knautien-Sandbiene ist auf den Pollen von 920 Pflanzen der Acker-Witwenblume angewiesen, um sich selbst zu erhalten.«

Viele Pflanzen sind von Wildbienen abhängig

Die Abhängigkeit geht genauso in die andere Richtung. Viele Versuche haben mittlerweile gezeigt, dass für die Bestäubung von Wild- und Nutzpflanzen sowohl die Honig- als auch die Wildbienen wichtig sind. Die Wildbienen haben allerdings einige Vorteile, denn dank ihrer großen Vielfalt fliegen manche Arten selbst bei geringer Sonnenstrahlung oder niedrigen Temperaturen und spielen damit bei längeren Schlechtwetterperioden eine wichtige Rolle wie zum Beispiel die Hummeln.

Auch können manche Wildbienen Blüten bestäuben, die von Honigbienen kaum besucht werden, wie beispielsweise Tomatenpflanzen. »All dies zeigt die enorme Bedeutung einer vielfältigen Landschaft zur Erhaltung der Lebensgrundlagen für die Wildbienen«, betont Schanowski. In Mitteleuropa seien, je nach Land und Region, bereits zwischen 25 und 68 Prozent aller Wildbienenarten gefährdet. Die Tiere hätten aber eine Schlüsselfunktion für die Bestäubung der großen Mehrheit der Kultur- und Wildpflanzen.

Der alarmierende Rückgang der Insekten führe nicht nur zu einer Abnahme der biologischen Vielfalt und zum Verlust vielfältiger Ökosystemleistungen, sondern auch zu empfindlichen Ertragsverlusten in der Landwirtschaft. Deswegen sollten seines Erachtens blüten- und strukturreiche, naturnahe Flächen nicht nur aus der Sicht des Naturschutzes, sondern auch aus der Sicht der Landwirtschaft vermehrt werden, um das Überleben der Wildbienenarten und damit die Bestäubung zu sichern.

In Langzeitstudien hat Schanowski gemeinsam mit Kollegen die Auswirkungen von Blühmischungen in Ackerflächen auf die Wildbienen untersucht. Ab 2011 wurden Streifen mit verschiedenen Blühmischungen eingesät und die Veränderungen bei Wildbienen auf diesen Maßnahmenflächen Jahr für Jahr dokumentiert. Ab 2013 ist die Individuen- und Artenzahl auf den Maßnahmenflächen sprunghaft angestiegen, von durchschnittlich 50 Individuen pro Kontrollfläche auf mehr als 4500 Individuen, die die Biologen 2016 auf den eingesäten Flächen nachweisen konnten.

Das unterstreiche eindrücklich, wie wichtig die Kontinuität von ökologischen Aufwertungsmaßnahmen sei, bei nur einjährig bestehenden Pflanzenmischungen gebe es diesen Effekt nicht. Schanowski betont, dass es hier um sinnvolle Maßnahmen für mehr Biodiversität auf Ackerflächen gehe und nicht um die Umwandlung landwirtschaftlicher Flächen in Naturschutzflächen, denn der Landwirt müsse auch Erträge erwirtschaften können.

Die Biene und der Klimawandel

Der Verlust der Vielfalt der Landschaft und des Blütenangebotes ist aber nur die eine Seite der Medaille; der Klimawandel ist ein weiterer Faktor, der auch den Wildbienen zu schaffen macht. Ungefähr ein Drittel von ihnen sind in ihrem Entwicklungszyklus an die Blühperiode ihrer Sammelpflanzen angepasst. Wenn dieses feine Timing auf Grund der globalen Erwärmung gestört wird, bekommen die Bienen ein Problem. Ein mögliches Szenario ist, dass die Insekten schlüpfen, bevor ihre Pflanzen blühen. Wissenschaftler konnten belegen, dass in der Synchronisation schon ein Missverhältnis von sechs Tagen schwere Fitnessverluste bei den früh fliegenden Mauerbienen verursachte, da nur wenige Bienen ohne Blüten überlebten und die Weibchen zudem eine stark reduzierte Aktivität und Reproduktionsleistung zeigten.

»Der Klimawandel begünstigt die Einwanderung von Wärme liebenden Arten nach Deutschland«(Mare Haider, Wildbienenspezialistin)

Auch die Zusammensetzung der Pflanzenarten wird sich in den nächsten Jahrzehnten wahrscheinlich sehr stark verändern, das trifft dann die Spezialisten, die auf »ihre« Pflanzen angewiesen sind, möglicherweise besonders hart. Hitze und Trockenheit oder Starkregenereignisse tun ein Übriges, bei starker Hitze fliegen die Wildbienen nicht, und bei Starkregen werden sie und ihre Bodenbruten weggespült, die Konsequenzen spüren wir dann an der fehlenden Ernte.

Die Gelbbindige Furchenbiene war Wildbiene des Jahres 2018 | Die Gelbbindige Furchenbiene lebte ursprünglich vor allem im westlichen Mittelmeerraum, breitet sich aber im Zuge des Klimawandels immer weiter nordwärts aus. 2018 ist sie hier zu Lande zur Wildbiene des Jahres gewählt worden.

»Der Klimawandel begünstigt aber auch die Einwanderung von Wärme liebenden Arten nach Deutschland«, erklärt Mare Haider, die vor sechs Jahren mit der Grünen Dörnchensandbiene beispielsweise erstmals eine eigentlich südeuropäische Art in Südbaden nachweisen konnte. Ebenfalls zu den Gewinnern des Klimawandels gehört die Gelbbindige Furchenbiene, deren ursprünglicher Verbreitungsschwerpunkt im westlichen Mittelmeerraum liegt. Bis in die 1990er Jahre kam sie bei uns nur in den südlichen Bundesländern vor. Mittlerweile hat sie sich ebenfalls immer weiter nach Norden ausgebreitet. Die Gelbbindige Furchenbiene war genau wegen dieser »Nordwanderung« 2018 zur Wildbiene des Jahres gewählt worden.

Und eine Wildbiene, die wohl jeder Laie sofort erkennt, ist die große Blauschwarze Holzbiene; und auch sie ändert ihr Verbreitungsgebiet mit zunehmender Erwärmung von Süd- und Mitteleuropa gen Norden, mittlerweile gibt es bereits Nachweise aus Hessen, Schleswig-Holstein oder Sachsen. Sie ist bei uns die größte heimische Bienenart – vor der sich manche Leute Ende der 2000er Jahre sogar fürchteten.

So berichtete die Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft noch 2007 davon, dass sich eine Bürgerin aus Feuchtwangen vor riesigen, unbekannten Fluginsekten in ihrem Obstgarten ängstigte und denselben nur noch mit einem Federballschläger bewaffnet betrat, um die Eindringlinge abwehren zu können. Das sieht heute ganz anders aus und aktuell bittet das Wildbienen-Kataster sogar um Onlinemeldungen zu der Blauschwarzen Holzbiene, um mehr Informationen über das sich verändernde Verbreitungsgebiet zu erhalten.

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