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Artenvielfalt: Wildblumen erwecken englischen Rasen zum Leben

England ist bekannt für makellosen Rasen. Eine Forschungsgruppe der University of Cambridge hat eine bereits 1772 angelegte, historische Grünfläche in eine blühende Wiese verwandelt - mit überraschenden Ergebnissen.
Wildblumenwiese vor dem King's College in Cambridge
Wunderbare Blumenvermehrung: Obwohl ursprünglich nur 33 verschiedene Wildblumenarten ausgesät wurden, fanden sich drei Jahre später insgesamt 84 Pflanzenarten auf der Wiese.

Vom englischen Essen kann man halten, was man möchte. Aber wenn die Engländerinnen und Engländer eins fast flächendeckend kultiviert haben, dann ist es ein makelloser Rasen. So kommt nicht von ungefähr, dass man im deutschen Volksmund von einem englischen Rasen spricht, wenn dieser besonders frisch-grün, dichtwüchsig und belastbar ist. Und einen ebensolchen, bereits im Jahr 1772 angelegten ikonischen Rasen am King's College Cambridge nahe London hat eine Forschungsgruppe nun in eine ganz und gar nicht englische Wildblumenwiese voller Klatschmohn, Margeriten und Kornblumen verwandelt – zu Forschungszwecken.

Das 22-köpfige Team um Erstautorin und Botanikerin Cicely Marshall berichtet im Fachmagazin »Ecological Solutions and Evidence« von den Ergebnissen der dreijährigen Studie. Dabei habe sich herausgestellt, dass sich auf der Wiese im Gegensatz zum übrigen Rasen nicht nur die pflanzliche Artenvielfalt drastisch erhöhte, sondern auch die tierische. Trotz der geringen Größe von nur 3600 Quadratmetern fanden die Forscherinnen und Forscher auf der Wildblumenwiese etwa dreimal mehr Pflanzenarten sowie dreimal mehr Spinnen- und Käferarten als auf der benachbarten Rasenfläche. Insgesamt ermittelten sie eine um das 25-Fache erhöhte Biomasse an terrestrischen Wirbellosen. Fledermäuse wurden dreimal häufiger auf der Wiese gesichtet. Es wurden 14 Arten, die unter Naturschutz stehen, auf der Wiese gezählt – hingegen nur 6 auf dem Rasen.

Zudem reduzierten der geringere Pflegeaufwand und die unterlassene Düngung der Wiese die Treibhausgasemissionen im Vergleich zum Rasen um schätzungsweise 1,36 Tonnen CO2-Äquivalente pro Hektar und Jahr. Und die Wiese hatte noch einen weiteren klimatischen Vorteil: Sie reflektierte 25 Prozent mehr Sonnenlicht als der Rasen und trug so dazu bei, dem so genannten städtischen Wärmeinseleffekt entgegenzuwirken.

»Die Wiese kommt der biologischen Vielfalt extrem zugute«, sagte Cicely Marshall laut einer Pressemitteilung der University of Cambridge. »Ich war wirklich überrascht über das Ausmaß der Veränderung auf einer so kleinen Fläche.« Ebenfalls erstaunlich sei, wie sehr die Wiese das Verhalten der Fledermäuse beeinflusst habe. Andere Studien sind zuvor bereits zu ähnlichen Ergebnissen gekommen.

Auch die Studenten und Mitarbeiter in Cambridge zeigten sich aufgeschlossen. In einer Umfrage stellten die Forscher fest, dass eine Mehrheit der 278 Befragten eine Mischung aus Wildblumenwiese und Rasen gegenüber reinen Rasenflächen bevorzugen. Einige sagten, sie fänden Rasenflächen »prätentiös« oder »steril und wenig einladend«. Die meisten empfanden die Wildblumenwiese als ästhetisch ansprechender.

»Wenn Nachbarn oder Freunde alle einen gepflegten Rasen haben, kann das ein Hindernis sein, eine Wildblumenwiese anzulegen. Der Mensch hat ein starkes Bedürfnis, dazuzugehören und sich akzeptiert zu fühlen«Claudia Schneider, Psychologin

Doch reichen die nackten Fakten zur gestiegenen Biodiversität aus, um auch andere Menschen davon zu überzeugen, den Rasenmäher im Schuppen zu lassen? Claudia Schneider, eine Forscherin im Fachbereich Psychologie der Universität, sagt, ihre Forschung zeige, dass Informationen allein nicht immer ausreichen, um Menschen zu motivieren, ihr Verhalten zu ändern – aber sie seien ein wichtiger erster Schritt. »Menschen lassen sich stark davon beeinflussen, was andere um sie herum tun und welches Verhalten akzeptiert wird«, sagt sie. »Wenn also Nachbarn oder Freunde alle einen gepflegten Rasen haben, kann das ein Hindernis sein, eine Wildblumenwiese anzulegen. Der Mensch hat ein starkes Bedürfnis, dazuzugehören und sich akzeptiert zu fühlen.«

Und Steve Coghill, Landschaftspfleger am King’s College, ergänzt: »Viele Leute mähen außerdem ihren Rasen, weil sie das schon immer so gemacht haben.« Es gebe die verbreitete Auffassung, dass ein ordentlich gemähter Rasen zeige, wie sehr man sich um seinen Garten kümmert. »Großbritannien ist eines der am stärksten entwaldeten Länder in Europa. Alles, was wir tun können, um die Artenvielfalt wiederherzustellen, ist einen Versuch wert.« Auch wenn es den gesellschaftlichen Gepflogenheiten widerspricht.

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