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Verhaltensforschung: Wilde Schimpansen nutzen kulturell vermittelte Techniken

Schimpanse mit KulturLaden...
Einen weiteren Hinweis darauf, dass es auch bei wilden Schimpansen eine Form von Kultur gibt, bei der spezielle Techniken von Generation zu Generation weitergegeben werden, liefern jetzt die Untersuchungen von Thibaud Gruber von der University of St Andrews in Schottland und seinen Kollegen. Sie konnten zeigen, dass zwei benachbarte Schimpansengruppen in Uganda unterschiedliche Werkzeuge benutzen, um ein neuartiges Problem zu lösen.

Während die Schimpansen aus der Kibale-Region häufig Stöcke als Werkzeuge verwenden, benutzen die Schimpansen in der Budongo-Region lieber ihre Hände oder selbst gemachte Schwämme aus zerkauten Blättern.
Schimpansenmutter mit KulturLaden...
Schimpansenmutter im Kibale-Regenwald | Die Schimpansen im Kibale-Regenwald nutzen Stöcke als Werkzeuge.
Um zu untersuchen, ob dieser Unterschied sich ebenfalls bei einer ungewohnten Problemstellung zeigen würde, bohrten die Forscher schmale Löcher in Baumstämme und füllten sie mit Honig.

Tatsächlich benutzten die Tiere der Kibale-Gruppe auch hier überwiegend Stöcke, um an den Honig zu gelangen. Die Budongo-Schimpansen dagegen versuchten bei dieser Herausforderung erst mit den Fingern und dann mit der Schwamm-Methode zum Erfolg zu kommen. Da nahezu alle Tiere der jeweiligen Gruppen die gleiche Technik anwendeten, scheint es sich hierbei um sozial erworbenes Verhalten und damit kulturelles Wissen zu handeln.

"Kultur" bedeutet in diesem Zusammenhang, dass sich Mitglieder einer Gruppe typische Verhaltensweisen durch soziales Lernen wie beispielsweise Imitation aneignen. Im Gegensatz dazu steht das selbstständige Lernen durch Versuch und Irrtum sowie angeborene Instinkte. Bei Schimpansen in Gefangenschaft ist soziales Lernen nicht ungewöhnlich. Ob auch wild lebende Tiere ein solches Verhalten zeigen, war bisher jedoch umstritten.

Bei früheren Untersuchungen konnte nicht ausgeschlossen werden, dass die Verhaltensunterschiede verschiedener Gruppen durch genetische Abweichungen oder die Umwelt verursacht werden. Eine klare Aussage über einen kulturellen Ursprung zu treffen, blieb problematisch. Die beiden Schimpansengruppen in Uganda leben jedoch in sehr ähnlichen Lebensräumen und gehören zu derselben Unterart. Außerdem war für beide Gruppen die zu lösende Aufgabe völlig unbekannt. Die Fähigkeit der Kibale-Schimpansen, mit Stöcken zu arbeiten, sei daher vermutlich tatsächlich ein frühes Beispiel von Kultur, so die Schlussfolgerung der Forscher. (jvs)
43. KW 2009

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 43. KW 2009

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  • Quellen
Gruber, T. et al.: Report: Wild Chimpanzees Rely on Cultural Knowledge to Solve an Experimental Honey Acquisition Task. In: Current Biology 19, S. 1–5, 2009.

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