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News: Wildkaninchen mit der Infrarotkamera ins Nest geschaut

Erstmalig gelang es Gießener Wissenschaftlern mittels Infrarot-Videotechnik die Geburt und das Säugeverhalten bei Wildkaninchen zu filmen. Die Aufnahmen beweisen, dass es bereits während des Geburtsvorganges und unmittelbar nach der Geburt zu neuen Deckversuchen durch den anwesenden Rammler kommt. Es zeigte sich, dass die Überlagerung von Trächtigkeit und Säugezeit in der Rasse- und Wirtschaftskaninchenhaltung dem arttypischen Verhalten der Kaninchen entspricht. Die dementsprechend kurzen Fortpflanzungsintervalle bei den Wildkaninchen sind biologisch sinnvoll im Sinne der Arterhaltung.
Bereits seit 1996 finden am Institut für Tierzucht und Haustiergenetik der Justus-Liebig-Universität Gießen Verhaltensuntersuchungen an Kaninchen statt. Vor zwei Jahren dehnten Diplom-Biologe Dieter Selzer und Prof. Dr. Steffen Hoy ihre Arbeiten zur Verhaltensforschung auch auf Wildkaninchen aus, um Vergleiche mit Hauskaninchen anstellen zu können. Auf der Lehr- und Forschungsstation Oberer Hardthof wurden dazu zwei 150 m2 große Freigehege – eines für Wild- und eines für Hauskaninchen – eingerichtet. Die Zäune wurden 60 cm tief eingegraben, um ein Entweichen der Wildkaninchen zu verhindern. In den Gehegen wurden den Tieren durch Röhren und Kisten Deckungsmöglichkeiten angeboten. Das Kernstück der Anlage bildeten in jedem Gehege zwei Nestboxen, die die Kaninchen über 1,50 Meter lange Röhren in einem Kunstbau erreichen konnten.

Über den Nestboxen und im Außenbereich installierten die Wissenschaftler der Justus-Liebig Universität Gießen Infrarot-Kameras und -Strahler mit einer für Kaninchen nicht sichtbaren Wellenlänge von 880 bzw. 950 Nanometer, so dass das Verhalten der Tiere im Nest und außerhalb des Baues 24 Stunden lang – am Tage und auch nachts bei Dunkelheit – aufgezeichnet werden konnte. Dies war eine wesentliche Voraussetzung für die Verhaltensbeobachtungen, da Kaninchen (vor allem Wildkaninchen) dämmerungs- und nachtaktive Tiere sind.

In jedem Gehege wurden je zwei Häsinnen und ein Rammler mit Nachzucht gehalten. Insgesamt elf Wildkaninchen- und 15 Hauskaninchenwürfe konnten beobachtet werden. Erstmalig war es mittels Infrarot-Videotechnik möglich, die Geburt und das Säugeverhalten bei Wildkaninchen zu filmen. Die Geburt dauerte bei den Wildkaninchen im Mittel 12 Minuten bei einer Wurfgröße von sechs Jungen. Bei allen beobachteten Wildkaninchengeburten war der Rammler anwesend. Er beschnupperte die Häsin intensiv, und es kam bereits während des Geburtsvorganges zu Deckversuchen. Nach der Geburt wurden die Kopulationen fortgesetzt.

Diese Deckakte müssen erfolgreich gewesen sein, denn nach durchschnittlich 30 Tagen Trächtigkeit (Minimum 29 Tage) erfolgte die nächste Geburt. Ein Bedecken der weiblichen Tiere unmittelbar nach der Geburt ist demzufolge arttypisch und bei Wildkaninchen biologisch zweckmäßig, um angesichts zahlreicher Luft- und Bodenfeinde die Erhaltung der Art sicher zu stellen. Die Geburten fanden von Ende Februar bis Ende August vorzugsweise in den Nachtstunden statt.

Bei den Hauskaninchen war ein sehr ähnliches Verhalten zu beobachten. Auch hier war der Rammler bei den meisten Geburten anwesend und unternahm bereits während und nach dem Werfen erfolgreich Deckversuche (mittlere Trächtigkeitsdauer 31 Tage).

Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchungen demonstrieren, dass die Überlagerung von Trächtigkeit und Säugezeit in der Rasse- und Wirtschaftskaninchenhaltung dem arttypischen Verhalten der Kaninchen entspricht. Die Wildkaninchen säugten ihre Jungen im Durch-schnitt 1,3 mal in 24 Stunden mit einer mittleren Dauer des Saugaktes von etwa 180 Sekunden. Das Säugen fand überwiegend in der Nacht statt, mit einem Anstieg der Säugeaktivität nach der Abenddämmerung. Auch bei den Hauskaninchen war der Licht-Dunkel-Wechsel am Abend ein starker Zeitgeber für das Säugeverhalten – ein Drittel aller Saugakte erfolgte in der abendlichen Dämmerungsphase. Die Trennung der Mutter von den Jungen über Nacht – wie gelegentlich praktiziert – stellt demnach einen Eingriff in das typische Verhaltensrepertoire dar und sollte unterbleiben.

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