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News: Willkommen in der Neuen Welt

Sie gilt als eine Geißel Lateinamerikas: Mehr als zehn Millionen Menschen sind von der Chagas-Krankheit betroffen. Und das nicht erst seit gestern. Die Leidensgeschichte reicht 9000 Jahre zurück.
Trypanosoma cruzi
Trypanosoma cruzi heißt der Übeltäter – ein winziger tierischer Einzeller, der sich unangenehmerweise vor allem in Herz- und Skelettmuskelzellen, aber auch in anderen Organen des Menschen wohl fühlt. Der brasilianische Arzt Carlos Chagas entdeckte zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Erreger und benannte das Geißeltierchen nach seinem Lehrer Oswaldo Cruz. Die Krankheit selbst trägt inzwischen den Namen ihres Entdeckers.

Übertragen wird die Chagas-Krankheit, die nur in Mittel- und Südamerika vorkommt, durch Raubwanzen – vor allem durch die Art Triatoma infestans –, die sich in Wandritzen und Strohdächern menschlicher Behausungen heimisch fühlen. Nachts verlassen sie ihr Versteck, um sich an menschlichem Blut zu stärken. Während dieser Mahlzeit geben sie infizierten Kot ab, den das menschliche Opfer aufgrund des Juckreizes in die Wunde einreibt. Über Blut- und Lymphgefäße können sich die Trypanosomen schließlich über den ganzen Körper ausbreiten. Folge sind Fieber, Durchfall, Lymphknotenschwellungen, Bindehaut- und Herzmuskelentzündungen, die bis zum Herzversagen führen können. Zehn Prozent der Infizierten überleben die Krankheit nicht, wobei vor allem Säuglinge und Kleinkinder zu den Opfern zählen.

Schätzungsweise zwölf Millionen Menschen sind heute in Lateinamerika mit der Chagas-Krankheit infiziert. Doch auch die Vorfahren der heutigen Südamerikaner wurden von dem Geißeltierchen geplagt, wie Arthur Aufderheide jetzt herausgefunden hat.

Zusammen mit seinen Kollegen versuchte der Paläobiologe von der University of Minnesota die Geschichte der Chagas-Krankheit zu ergründen. Hilfreiche Dienste leisteten den Forschern dabei die Sitte der präkolumbianischen Kulturen, ihre Verstorbenen zu konservieren. In dem extrem trockenen Klima der Atacama-Wüste in Südperu und Nordchile blieben diese Mumien bis heute erstaunlich gut erhalten, sodass sich hier nach DNA-Spuren des Chagas-Erregers fahnden lässt. Insgesamt 283 Mumien standen den Forschern hierfür zur Verfügung, von der spanischen Kolonialzeit bis hin zur frühen Chinchorro-Kultur, die bis zum Jahr 7050 v. Chr. zurückreicht.

Die DNA-Analysen zeigten, dass die Menschen bereits vor 9000 Jahren mit T. cruzi infiziert waren und zwar zu einem erstaunlich hohen Prozentsatz: In 115 der 283 Mumien, also bei 40 Prozent, konnten die Forscher den Erreger nachweisen, wobei Männer, Frauen und Kinder bei allen untersuchten Kulturstufen etwa gleich stark betroffen waren. Die Durchseuchung überstieg damit die heutige Infektionsrate für Nordperu, die auf 20 Prozent geschätzt wird, allerdings in manchen ländlichen Gegenden 60 Prozent erreichen kann.

Es sieht damit so aus, als ob die Südamerikaner schon immer unter der Chagas-Krankheit litten. Vor Ankunft des Menschen hatte sie vermutlich unter Wildtieren gewütet. Dann schufen die Neuankömmlinge, die vor neun Jahrtausenden die Region erreichten, mit ihren Stroh gedeckten Hütten ideale Lebensbedingungen für die Raubwanzen, die ein übles Willkommenspräsent mit sich trugen: Trypanosoma cruzi.

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