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Brandenburgs Wilsnack im Mittelalter: Wie ein Dorf in die erste Liga der Wallfahrtsorte aufstieg

Im Spätmittelalter pilgerten die Gläubigen in Scharen nach Jerusalem, nach Rom, nach Santiago de Compostela – und nach Wilsnack. Wilsnack? Ja, denn dort sei ein Wunder geschehen.
Eine große Backsteinkirche mit einem hohen, spitzen Turm und einem roten Ziegeldach steht im Mittelpunkt des Bildes. Vor der Kirche sind mehrere Bäume und ein kleiner Platz mit Bänken und Blumenbeeten zu sehen. Der Himmel ist bewölkt.
Zu den Sehenswürdigkeiten in Bad Wilsnack – so heißt der Ort seit 1929 – gehört die Wunderblutkirche St. Nikolai. Die dort aufbewahrten Bluthostien lockten im Spätmittelalter Scharen von Pilgern.

Im Jahr 1411 schickte Margarethe I., Herrscherin über Dänemark, Norwegen und Schweden, 130 Pilger auf die Reise. Sie sollten die bedeutendsten Gnadenstätten der Christenheit aufsuchen. Wie viele Wallfahrer jeweils an einen Ort entsandt wurden, hing von Rang und Bedeutung der Pilgerstätte ab. Allein neun zogen nach Aachen, wo unter anderem die angeblichen Windeln Jesu aufbewahrt wurden. Sieben zu den Gräbern der Apostelfürsten Petrus und Paulus nach Rom. Sechs ins Heilige Land und jeweils drei zum Grab des Apostels Jakobus nach Santiago de Compostela und zum Schrein der Heiligen Drei Könige in Köln. Hingegen sollten fünf Pilger, nur einer weniger als ins Heilige Land, in ein Dörfchen im Nordwesten der Mark Brandenburg aufbrechen. Sein Name: Wilsnack.

Der Ort war seit mittlerweile fast drei Jahrzehnten Schauplatz eines immer weiter anwachsenden frommen Massenbetriebs. In hellen Scharen machten sich Menschen aus dem ganzen nördlichen und östlichen Europa, aus England, den Niederlanden, Skandinavien, dem Baltikum bis nach Polen, Ungarn und Böhmen, auf den Weg, um in der brandenburgischen Einöde drei vermeintlich wundertätige Hostien zu verehren. Diese wurden unter Verschluss in einer separaten Kapelle verwahrt und im Gottesdienst den Gläubigen zur Schau gestellt.

Am Feiertag des heiligen Bartholomäus, dem 24. August, habe es den größten Zulauf gegeben, schrieb rückblickend 1583 der Chronist Matthäus Ludecus (1517–1606), der als strenggläubiger Protestant das ganze Wallfahrtstreiben für Teufelszeug hielt. Manchmal, so Ludecus weiter, »wenn der Abgott aus seinem Behältnis hat getragen werden sollen«, sei ein solches Gedränge unter den Wallfahrern entstanden, »dass oftmals ihrer Etliche in schwere Ohnmacht plötzlich gefallen sind, die man mit geweihtem Wasser, dessen in der Kirche allenthalb viel vorhanden war …, hat aufkühlen … müssen«.

Wundersame Hostien im Schutt

Auf der ersten deutschen Straßenkarte, die zum Heiligen Jahr 1500 in Nürnberg erschien, um Pilgern aus Mitteleuropa den Weg nach Rom zu weisen, war neben Bremen, Hamburg und Berlin selbstverständlich auch »Welsnach« verzeichnet.

Zu all dem wäre es nicht gekommen ohne eine Gewalttat, die sich der Überlieferung zufolge am 16. August 1383 ereignete. Die Wilsnacker hatten den Tag in der 20 Kilometer entfernten Domstadt Havelberg verbracht, wo das Patronatsfest der Bischofskirche gefeiert wurde. Bei der Rückkehr fanden sie von ihren Behausungen nur noch rauchenden Schutt. Ein Raubritter aus Mecklenburg und seine Spießgesellen hatten die Gelegenheit ergriffen, um elf Dörfer des Havelberger Bischofs niederzubrennen, darunter Wilsnack. Indes, oh Wunder: In den Trümmern der Dorfkirche fanden sich unversehrt drei geweihte Hostien, die der Pfarrer auf dem Altar zurückgelassen hatte. Und Wunder über Wunder: Jede dieser Hostien wies einen großen Blutfleck auf.

Wunderblutschrein | In einer Nische der Kirche St. Nikolai ist dieser bemalte Schrein eingebaut. Er entstand in der Mitte des 15. Jahrhunderts und enthielt die drei blutbefleckten Hostien.

So ist die Erzählung erstmals 1509 in niederdeutscher Sprache im Druck erschienen. Sie war allerdings zuvor schon schriftlich überliefert. Der Magdeburger Domherr Heinrich Tocke (1390–1454), ein zeitgenössischer Kritiker der Wilsnack-Wallfahrt, hat sie 1443 bei einem Besuch der Kirche in einem dort ausliegenden Buch nachgelesen, umrankt von weiteren wundersamen Episoden. Die Rede war von einer Stimme, die den Pfarrer in drei Nächten hintereinander im Traum aufgefordert habe, im zerstörten Wilsnack die Messe zu feiern. Von Kerzen, die sich von selbst entzündeten und auch bei Wind und Wetter nicht erloschen. Davon, dass die Hostien in einem Gottesdienst in Anwesenheit des Havelberger Bischofs erneut heftig zu bluten begonnen hätten.

Dass sich solche und ähnliche Geschichten wie ein Lauffeuer verbreiten konnten, hatte gewiss mit der Glaubensbereitschaft der Zeitgenossen zu tun, wohl aber auch mit erfolgreicher Lobbyarbeit des Bischofs von Havelberg. Dieser erwirkte bereits im März 1384, gerade mal ein gutes halbes Jahr nach dem Ursprungsereignis, von Papst Urban VI. (um 1318 bis 1389) einen Ablass für Beteiligte am Wiederaufbau der Wilsnacker Kirche.

Nicht zu unterschätzen ist wohl auch die Rolle des Pfarrers Johannes Cabbuez, den schon Zeitgenossen nicht über jeden Fälschungsverdacht erhaben wähnten. Er soll später den Franziskanern wie den Dominikanern in Magdeburg angeboten haben, ihnen eine noch lukrativere Wallfahrt zu organisieren, als ihm dies in Wilsnack gelungen sei.

Ein Ziel für Berufspilger und Straftäter

Zur prominenten Schar der Wilsnack-Pilger zählten eine verwitwete Kaiserin des Heiligen Römischen Reichs, Elisabeth von Pommern, mehrere dänische Könige, Angehörige der in Böhmen herrschenden luxemburgischen Dynastie, Herzöge von Mecklenburg und Pommern, brandenburgische Kurfürsten. Als Treffpunkt nord- und mitteleuropäischer Potentaten war der Ort im 15. Jahrhundert immer wieder auch ein Schauplatz der Diplomatie.

Verurteilte Straftäter, Mörder und Totschläger fanden notgedrungen ebenfalls den Weg, weil das Gericht ihnen als Buße auferlegt hatte, zu einer oder mehreren Wallfahrtsstätten zu pilgern, um für das Seelenheil ihrer Opfer zu beten. Vermögende Bürger ordneten in ihren Testamenten an, dass die Hinterbliebenen ihrer an einem Gnadenort wie Wilsnack gedenken sollten. Man konnte sich dabei vertreten lassen; es gab Berufspilger, die solche Dienstleistungen anboten.

Pilgermarke | Die mittelalterlichen Wallfahrtsorte gaben Abzeichen an die Pilger heraus. Freilich gegen Geld. In Wilsnack bildete die Marke aus einer Blei-Zinn-Legierung die drei Hostien ab. Dieses Exemplar fand sich in der Hansestadt Stade in Niedersachsen.

Seit dem späten 15. Jahrhundert kam es zudem immer wieder zu spontanen Massenwallfahrten, die schon Zeitgenossen in Erstaunen setzten: »Denn die Leute … so häufig und aus vielen Orten und Nationen zugelaufen sind, als wenn sie ihrer Vernunft beraubt … gewesen wären«, notierte Matthäus Ludecus. Der Erfurter Chronist Konrad Stolle beobachtete 1475 eine Gruppe jugendlicher Wilsnack-Fahrer: »Die Kinder entliefen mit Gewalt ihren Eltern, die Töchter ihren Müttern, dass die Mütter nachfolgten, weinend und schreiend.« Die jungen Leute seien losgelaufen, »barfuß, halb nackt, in Hemden, in Kitteln, barhaupt, ohne Geld, ohne Brot und ohne alle Vorsichtigkeit«.

Die seit 1384 wiederaufgebaute Dorfkirche konnte den Andrang der Pilger bald nicht mehr fassen. Um 1450 entstand ein Neubau in für diese ländliche Gegend gewaltigen Dimensionen, der bis heute wuchtig über den Ort hinausragt. Finanziell war das kein Problem. Die Wallfahrt hatte dem von Natur aus kargen Landstrich einen nie da gewesenen Boom beschert. Pilger wollten verköstigt und beherbergt werden. Ludecus zählte später nicht weniger als 18 Gasthäuser am Ort. Auch die Kirche verdiente kräftig, nicht nur an den Geldbeträgen, die die Gläubigen in den Opferstöcken hinterließen, sondern auch am Verkauf der aus einer Blei-Zinn-Legierung gefertigten Pilgerzeichen, die sie auf dem Rückweg an ihre Kleidung hefteten, und auf deren Herstellung das Havelberger Domkapitel das Monopol besaß.

Nach einer bischöflichen Verfügung aus dem Jahr 1396 sollten die Einkünfte zu je einem Drittel dem Bischof, dem Domkapitel und der Wilsnacker Kirche zufließen. Bis heute zeugt der prächtige gotische Lettner aus der Zeit um 1400 im Havelberger Dom vom unverhofft erworbenen Wohlstand des Bistums, das unter den drei märkischen Diözesen zur weitaus reichsten gedieh. Für die brandenburgischen Kurfürsten aus der seit 1415 regierenden Hohenzollern-Dynastie wurde die Wilsnacker Kirche so etwas wie eine Hausbank, wo sie jederzeit günstige Kredite abrufen konnten.

Drei Hostien für eine Wallfahrt

Erstaunlich bleibt, wie ein namenloses Nest in der norddeutschen Tiefebene fast über Nacht in die erste Liga europäischer Wallfahrtsorte aufsteigen konnte. Von einem »singulären Ereignis« sprechen in einem gemeinsamen Aufsatz die Berliner Historiker Felix Escher und Hartmut Kühne. Wilsnack hatte ja nicht mehr als drei Hostien vorzuweisen, die obendrein im Lauf von Jahrzehnten in ihrem hölzernen Schrein zusehends vergammelten. Schon 60 Jahre nach dem vermeintlichen Wunder erblickte der Magdeburger Domherr Heinrich Tocke nur noch eine spinnwebenartige Struktur. Nach Spuren roten Blutes suchte er vergebens.

Im Jahr 1215 hatte das Vierte Laterankonzil das Dogma verkündet, dass in der Eucharistie durch die Wandlungsworte des Priesters in der Messe die leibliche Anwesenheit Christi bewirkt werde. Spätestens seit damals war der Gedanke in der Welt, in jeder geweihten Hostie den Erlöser selbst zu verehren. Papst Urban IV. (um 1195 bis 1264) bekräftigte diese Lehre, indem er 1264 das alljährlich zu feiernde Fest Fronleichnam einführte. Ein Jahr zuvor hatte eine Geschichte aus dem mittelitalienischen Bolsena Aufsehen erregt. Dort habe ein Geistlicher, der den Wahrheitsgehalt der behaupteten Wandlung von Brot und Wein in Fleisch und Blut Christi anzweifelte, in der Messfeier erlebt, wie während der Wandlung die Hostie heftig zu bluten begann.

Straßenkarte | Der Kartograf und Arzt Erhard Etzlaub fertigte um 1500 eine Straßenkarte. Sie sollte zum Heiligen Jahr den Pilgern den Weg nach Rom weisen. Da die Karte nach Süden ausgerichtet ist, befindet sich Rom am oberen Rand – und »Wilsnach« mittig in der unteren Hälfte. Der Ort ist mit einem Kirchensymbol markiert.

Vergleichbare Wunderereignisse wurden fortan aus vielen Orten berichtet. Wilsnack war kein Einzelfall, wenn auch der historisch wirkmächtigste. Oftmals handelte es sich bei solchen Erzählungen um Gräuelmärchen, um angeblich jüdischen »Hostienfrevel«. So fabrizierten um 1500, womöglich inspiriert durch den Wilsnacker Erfolg, die Nonnen des rund 45 Kilometer weiter nordöstlich gelegenen Zisterzienserinnenklosters Heiligengrabe eine Legende, die sie ins Gründungsjahr ihres Konvents 1287 datierten. Demnach habe damals ein Jude aus einer benachbarten Dorfkirche ein Gefäß mit geweihten Hostien gestohlen, sei damit aber nicht weiter gekommen als bis zum nächstgelegenen Richtplatz, wo er die Hostien zerstückelt und unter dem Galgen verscharrt habe. Zu seinem Entsetzen hätten sie dabei unversehens stark geblutet. Am Ort dieses Wunders sei dann das Kloster gegründet worden.

Das Ende eines Wallfahrtsorts

Weil die Eucharistie für die spätmittelalterlichen Gläubigen so wichtig war, gepaart mit energischer Förderung durch geistliche und weltliche Obrigkeiten, konnte Wilsnack als Pilgerziel so prominent werden. Obwohl es von Anfang an gewichtige theologische Stimmen gab, die das Blutwunder für Hokuspokus und faulen Zauber erklärten. Unter ihnen kein Geringerer als der böhmische Frühreformator Jan Hus (um 1370 bis 1415), der 1405 im Auftrag des Prager Erzbischofs vier angebliche Wunderheilungen untersuchte und fand, dass in keinem einzigen Fall eine nachhaltige Genesung eingetreten sei.

Der unermüdliche Heinrich Tocke, der jahrelang Beweise gegen Wilsnack sammelte, hatte die Rückendeckung des Magdeburger Erzbischofs und konnte 1451 den Bischöfen der Magdeburger Kirchenprovinz seine Argumente vortragen. Es nutzte nichts. Bei einem Besuch in Rom erwirkte 1453 der damalige brandenburgische Kurfürst Friedrich II. von Papst Nikolaus V. ein Machtwort, das die Kritiker endgültig zum Schweigen brachte.

Das Ende kam ein knappes Jahrhundert später mit der Reformation in Brandenburg. Im Mai 1552 ließ sich der seit vier Jahren amtierende evangelische Pfarrer von Wilsnack den Wunderblutschrein aufschließen und warf die Krümel, die von den Hostien noch übrig waren, kurzerhand ins Feuer.

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  • Quellen

Escher, F., Kühne, H. (Hg.), Die Wilsnackfahrt, 2006

Kühne, H., Ziesak, A. K. (Hg.), Wunder Wallfahrt Widersacher. Die Wilsnackfahrt, 2005

Kühne, H., Roth, G. (Hg.), Andacht oder Abenteuer, 2020

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