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Erderwärmung: Wir nehmen Fahrt auf

Der neue Abschlussbericht des UNO-Klimarats wird am Freitag alarmierende Zahlen und Prognosen zur Aufheizung der Erde vorlegen. Aktuelle Daten bestätigen derweil die vor fünf Jahren vorhergesagten Trends - und übertreffen sie sogar.
Wohin führt der Weg der Erde?Laden...
Es wird wohl wieder nur eine weichgespülte Version herauskommen, wenn die 500 beteiligten Klimatologen, Biologen, Geowissenschaftler und Ozeanologen aus aller Welt ihre Erkenntnisse zusammen mit Regierungsvertretern aus hundert Staaten in Worte gefasst haben. Schließlich haben Erdölexporteure, boomende Schwellenländer und noch amtierende skeptische Relikte der Bush-Regierung kaum ein Interesse, zu drastische Aussagen zum Klimawandel zuzulassen – könnten doch die Forderungen nach konsequenteren Einsparmaßnahmen endgültig überhand nehmen und lukrative Geschäfte schmälern.

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Meeresspiegel steigen schneller, Stürme werden heftiger | Meeresspiegel steigen schneller, Stürme werden heftiger: eine der Folgen des Klimawandels.
Dennoch fällt wohl der neue Abschlussbericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) der Vereinten Nationen deutlich schärfer und beängstigender aus als seine Vorgängerversion aus dem Jahre 2001. Das besagt zumindest ein Bericht der Süddeutschen Zeitung, der vorab bereits die Schlussfassung des wissenschaftlichen Kapitels vorliegt. Demnach bestätigt diese Zusammenfassung des in den vergangenen Jahren ermittelten Wissens, dass der Mensch nun zweifelsfrei als Verursacher des Klimawandels feststünde. Der Anstieg der Treibhausgase in der Erdatmosphäre seit 1750 sei hauptsächlich auf die Verbrennung von Öl, Gas und Kohle sowie die moderne Landwirtschaft mit Brandrodung, falscher Bodennutzung und Überdüngung zurückzuführen. Sie hätten einen fünfmal so großen Einfluss auf die Erderwärmung wie Schwankungen der Sonneneinstrahlung.

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Gewitter über der Stadt | Gewitter über der Stadt: Extreme Wetterereignisse häufen sich bereits.
Die Folgen zeigen sich weltweit: So liegen elf der zwölf wärmsten Jahre seit Beginn der Klimaaufzeichnungen um 1850 im Zeitraum zwischen 1994 und 2005. In den Meeren lässt sich ein allgemeiner Temperaturanstieg bis in 3000 Meter Tiefe nachweisen, ihre Spiegel steigen gegenwärtig mehr als drei Millimeter pro Jahr. In den Gebirgen, der Arktis und Teilen der Antarktis schmelzen die Gletscher immer rascher – allein 2005 büßten sie in den Alpen und Anden oder im Himalaja im Schnitt sechzig Zentimeter an Mächtigkeit ein, während auf Grönland mittlerweile jährlich etwa 100 Gigatonnen abtauen. Weltweit häufen sich extreme Wetterereignisse wie Dürren, Hitzewellen oder Starkniederschläge, selbst die steigende Intensität von Wirbelstürmen könnte auf die globale Aufheizung zurückzuführen sein. Und alle Trends sollen sich zukünftig noch beschleunigen.

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Meereis schwindet | Der Pol schmilzt: Im Jahr 2005 erreichte das arktische Meereis vorerst einen Tiefststand für den Monat Juni (rot bedeutet Rückgang, blau dagegen Zuwachs) – immer zu dieser Zeit beginnt die saisonale Tauphase.
Vereinzelte Skeptiker – die es zum Thema Klimawandel in der Wissenschaft fast nicht mehr gibt – werfen an dieser Stelle meist ein, dass es sich bei diesen Prognosen nur um Computerberechnungen handle, die aufgrund unzureichender Datenmengen und unverstandener Zusammenhänge nicht die Realität abbildeten. Wie häufig zuvor schon belegt, ist aber auch hier das Gegenteil der Fall, wie eine neue Analyse von Wissenschaftlern um Stefan Rahmstorf vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung bezeugt [1].

Sie verglichen die während der letzten fünf Jahre tatsächlich gemessenen Kohlendioxid-Werte in der Atmosphäre, die Entwicklung der globalen Durchschnittsstemperaturen und die Veränderungen der Meeresspiegel mit Vorhersagen aus dem Jahr 2001, die im damaligen IPCC-Bericht erschienen. Die darin vorgelegten Szenarien beginnen wiederum mit ihrer Aufzeichnung 1990, doch bleiben Modellrechnungen und die beobachteten Klimadaten unabhängig voneinander: Die langfristig angelegten Simulationen basieren auf physikalischen Parametern und werden nicht abgeglichen, um beispielsweise die aktuellsten Temperaturen wiederzugeben, so Rahmstorf. Zudem waren Anfang der 1990er Jahre noch keine weltweit zusammengefassten Zahlen zum Meeresspiegel verfügbar.

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Arktisches Meereis | Arktisches Meereis: Schon 2040 könnte der Nordpol im Sommer stets eisfrei sein.
Und in der Tat spiegeln die Projektionen der IPCC den globalen Anstieg des CO2 nahezu deckungsgleich wider. Die Computer kalkulierten damals für das Jahr 2005 einen Wert von etwas mehr als 380 ppm (parts per million), heute liegt er knapp über dieser Marke – mit beschleunigtem Zuwachs seit der Jahrtausendwende. Auch die reale Entwicklung der Durchschnittstemperaturen folgt den Modellrechnungen. Sie stiegen während der letzten 16 Jahre um 0,33 Grad Celsius, was sogar dem oberen Limit der von der IPCC für möglich gehaltenen Aufheizung entspricht.

Warum die planetarische Fieberkurve schon während des kurzen Vergleichszeitraums dem Verschmutzungsgrad vorauseilt, ist den Wissenschaftlern allerdings noch unklar – noch dazu weil das atmosphärische Plus anderer wärmesteigernder Treibhausgase wie Methan, Stickoxide und FCKW den IPCC-Schätzungen hinterher hinkt. Zu vermuten wäre eine höhere innere Variabilität im Klimasystem oder aber ein schwächerer Einfluss von Aerosolen, die als eine Art schmutziger Sonnenschirm abkühlend wirken. Womöglich reagiert aber auch das Kohlendioxid empfindlicher und hält mehr Wärmestrahlung in der Atmosphäre zurück, sodass seine Wirkung bislang unterschätzt wird.

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Extreme Hitzewelle | Im Frühsommer 2005 suchte eine extreme Hitzewelle Südasien heim, die mehrere hundert Menschenleben forderte.
Beim Anstieg der weltweiten Wasserstände hinkt jedoch die Projektion merklich der Realität hinterher, wie in großem Maßstab rekonstruierte und ausgewertete Daten aus Pegelaufzeichnungen sowie ab 1993 per Satelliten-Altimetrie gewonnene Zahlen zeigen. Während der IPCC-Bericht damals nur von weniger als 2 Millimetern pro Jahr ausging, maßen Satelliten und Pegel jeweils mehr als 3 Millimeter – Ausdruck der beschleunigten Gletscherschmelze in der Arktis und vor allem des sich ausdehnenden erwärmten Wassers. Die Zuwachsraten der letzten zwanzig Jahre sind zudem um ein Viertel höher als in allen vorherigen, gleich langen Intervallen seit 1890.

Auch hier geben die Wissenschaftler zu bedenken, dass innerozeanische Schwankungen – die sich über Jahrzehnte erstrecken können – den gegenwärtigen Status etwas verzerren: Die Pegel müssen also zukünftig nicht unbedingt weiter in diesem vergleichsweise extremen Tempo steigen; die Meere könnten auch wieder etwas langsamer gen Küsten vordringen. Dass Kohlendioxid-Konzentration, Temperaturen und Wasserstände weiterhin nach oben gehen und sich die entsprechenden negativen Konsequenzen einstellen, halten Rahmstorf, seine Kollegen und die in Paris tagenden IPCC-Fachgutachter für sicher – allen Einflussnahmen aus Politik und Wirtschaft zum Trotz.
02.02.2007

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 02.02.2007

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