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Binokulare Rivalität: Wir sehen, was wir sehen wollen

Sehen beide Augen unterschiedliche Dinge, setzt sich abwechselnd eines gegen das andere durch. Wo wird in solchen Fällen bestimmt, was wir gerade sehen?
AugenLaden...
Sehen heißt nicht gleich wirklich sehen. Bis man einen vor sich stehenden Menschen bewusst wahrnimmt, muss im Kopf einiges passieren: Als erstes wird ein winziges, auf dem Kopf stehendes Abbild der Person auf der Netzhaut im Auge erzeugt. Dieses senden dann die lichtempfindlichen Sehzellen in Form elektrischer Reize ans Gehirn weiter. Erste Station ist dort der laterale Kniehöcker, wo die Information auf weiterleitende Nerven umgeschaltet und dann zum primären Sehzentrum am hinteren Pol des Gehirns weitergereicht wird. Dieses Sehzentrum ist mit mehr als zwei Dutzend weiteren Hirnregionen verknüpft – durch regen Informationsaustausch zwischen diesen Hirnbereichen entsteht schließlich der wahrgenommene Eindruck: Vor mir steht ein Mensch. Der räumliche Eindruck entsteht, da beide Augen die Person aus einem geringfügig unterschiedlichen Blickwinkel betrachten – das Gehirn verschmilzt beide Bilder zu einer einzigen, dreidimensionalen Abbildung.

Sehen beide Augen jedoch einmal vollkommen Unterschiedliches, geraten beide Eindrücke miteinander in Konflikt: Innerhalb von Sekunden springt das wahrgenommene Bild zwischen dem, was das linke Auge sieht und dem Eindruck des rechten Sehorgans hin und her. Wie es zu diesem Phänomen, der binokularen Rivalität, kommt, wurde bisher noch nicht geklärt. Findet der Wettstreit auf einer niedrigen Ebene zwischen den Nerven aus den einzelnen Augen im Kniehöcker oder im primären Sehzentrum statt, oder entscheiden Rückkopplungsprozesse aus höheren Zentren über die Dominanz eines Auges? Dieser Frage gingen nun Tamara Watson, Joel Pearson und Colin Clifford von der Universität Sydney nach.

Um sicher zu gehen, dass die binokulare Rivalität nicht schon bei den ersten Schritten der Reizverarbeitung entsteht, arbeiteten die Wissenschaftler mit komplizierten Bildern. Sie zeigten den sechs Versuchspersonen gehende Menschen, die lediglich durch leuchtende Punkte an den Gelenken dargestellt waren. Das Gehirn baut sich aus dieser Minimalinformation eine menschliche Figur zusammen – allerdings nur, wenn diese läuft. Unbewegt erkennt man nur eine Ansammlung leuchtender Flecken.

Dem linken Auge führten die Forscher nun eine aus roten Punkten zusammengesetzte Figur vor, dem rechten Auge eine durch grüne Punkte dargestellte. Beide Männchen waren geringfügig gegeneinander verschoben, damit sie sich nicht gegenseitig verdecken konnten; zudem liefen sie in entgegengesetzte Richtung. In einem weiteren Versuchsteil wurden die beiden Männchen entlang der Längsachse aufgeteilt; jedes Auge sah dann eine falsch zusammengesetzte Chimäre aus beiden Figuren, deren einzelne Hälften in entgegengesetzte Richtung marschierten. Die Testpersonen sollten nun während einer Minute Beobachtungszeit angeben, ob sie gerade nur rote oder nur grüne Punkte oder ob sie beide Farben sahen.

Die Ergebnisse waren eindeutig: Lediglich, wenn beide Augen die intakten Figuren sahen, dominierte in gut der Hälfte des Beobachtungszeitraumes eines der beiden Männchen. Bei den gesplitteten Punktmännchen blieb die binokulare Rivalität aus, und die Probanden sahen praktisch die ganze Zeit eine zweifarbige Punktwolke.

Wie kommt es zu diesem Unterschied? Das Gehirn erkennt erst sehr spät in der Bildverarbeitung, dass es sich bei den sich bewegenden Punkten um laufende Menschen handelt. Zu diesem Zeitpunkt sind längst die Informationen aus beiden Augen eingeflossen – und dennoch kommt es nicht immer zur binokularen Rivalität, sondern nur dann, wenn sich in den Punkten ein Mensch erkennen lässt.

Offensichtlich entsteht der Wettstreit zwischen den Augen erst durch Rückkopplungsprozesse aus höheren Zentren, die auf einer niedrigeren Stufe – der primären Hirnrinde – den Eindruck aus einem Auge nachträglich unterdrücken. Erst die Interpretation der Punktwolke als menschliche Figur führt zu der Dominanz des Bildes aus einem Auge über das andere – die Wahrnehmung ist in diesem Fall also recht subjektiv geprägt.
22.09.2004

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 22.09.2004

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