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Transparente Forschung: "Wir setzen auf den Schwarmcharakter"

Zuletzt haben spektakuläre Stammzellergebnisse Schlagzeilen gemacht - aus denkbar falschen Gründen, denn die Forschungsarbeit war wahrscheinlich mangelhaft. Muss die Qualitätssicherung im Wissenschaftsbetrieb verbessert werden? Wie könnte das gelingen? Das soziale Forschungsnetzwerk ResearchGate aus Berlin zeigt einen möglichen Weg: Vergangene Woche startete es sein neues Feature "Open Review". Es sollen Wissenschaftlern ein Werkzeug an die Hand geben, mit dem sie in einem transparenten Gutachterprozess ihre Forschungsergebnisse gegenseitig prüfen.

Nun wird das erste Open-Review-Gutachten gleich zum Prüfstein: Ein renommierter chinesischer Forscher spricht darin der zweifelhaften Stammzellstudie von Ende Januar die Reproduzierbarkeit ab. Spektrum.de sprach darüber mit Ijad Madisch (33). Der Arzt schrieb seine Doktorarbeit in Virologie und studierte nebenbei Computerwissenschaften. 2008 gründete er gemeinsam mit zwei Freunden das Netzwerk ResearchGate.

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Spektrum.de: Herr Madisch, wie sind sie auf die Idee für ResearchGate gekommen?

Ijad Madisch: Ich habe selbst geforscht, bevor ich gemeinsam mit meinen Freunden, dem Arzt Sören Hofmayer und dem Informatiker Horst Fickenscher 2008 ResearchGate gründete. Damals stieß ich im Labor auf ein Problem, auf das ich selbst keine Antwort fand. Im Web, in der Literatur und auch unter meinen Kollegen wusste niemand etwas dazu. So kam ich auf die Idee für ResearchGate.

Welche Ziele haben Sie damals verfolgt?

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Ijad Madisch | Der Mediziner Ijad Madisch (33) hat in Virologie promoviert und zudem Computerwissenschaften studiert. 2008 gründete er gemeinsam mit zwei Freunden das soziale Forschungsnetzwerk ResearchGate.

Wir wollten Wissenschaft effizienter gestalten. Durch ResearchGate können Wissenschaftler zeitnah Feedbacks zu Forschungsarbeiten austauschen und sich einen Namen machen. Uns ist es dabei wichtig, dass sie verstehen, dass jedes ihrer Ergebnisse wertvoll ist – egal ob es ihre Hypothese bestätigt oder nicht. Denn nur wenn alle Ergebnisse öffentlich sind, können sie auf dem Wissen anderer aufbauen. Und beinahe nebenbei wird dadurch die Forschung transparenter.

Und wie hat sich das Projekt ResearchGate in sechs Jahren entwickelt?

Anfang dieses Jahres haben wir die 4-Millionen-Marke bei den Mitgliedern überschritten; sie kommen aus 193 Ländern. Das ist sehr viel, nach Zahlen der Unesco gibt es nur rund acht Millionen Wissenschaftler weltweit. Und wir wachsen weiter stark: Jeden Tag melden sich rund 10 000 Wissenschaftler neu an. Dabei haben wir nie Werbung gemacht.

Mit Open Review – einer Anwendung für gemeinschaftlichen Gutachterprozess – starten Sie nun etwas Neues. War das schon lange in Planung oder mussten Sie, Stichwort Stammzellstudie, mit heißer Nadel stricken?

Wir hatten Open Review schon rund drei Monate geplant. Um eine so komplizierte Anwendung zu entwickeln, braucht man Zeit. Wir waren bereits in der letzten heißen Phase, als wir in einem unserer Q&As, wo Forscher öffentlich Fragen stellen und beantworten können, den Beitrag von Kenneth Lee von der Chinesischen Universität Hongkong entdeckten. Er hatte sich mit anderen Forschern in der Diskussion über die Ende Januar publizierte Stammzellstudie ausgetauscht und gesagt, dass er dabei war zu versuchen, sie eins zu eins zu reproduzieren. Die Autoren dieser Studie hatten ein neues Verfahren vorgestellt, mit dem sich Stammzellen mit Hilfe einer Säurebehandlung einfacher und ethischer herstellen ließen. Das wäre ein Riesenvorteil und ein wichtiger Schritt für die regenerative Medizin. Leider sind schon kurz nach Erscheinen der Studie Zweifel aufgekommen, ob das Verfahren tatsächlich funktioniert. Und Kenneth Lee wollte nun Fakten schaffen, auch um unnötige Hetze auf die Autoren der Studie zu vermeiden.

Wir sind auf Herrn Lee zugekommen und haben ihn gefragt, ob er seine Ergebnisse nicht mit Open Review veröffentlichen wollte. Natürlich war es von ihm mutig, Open Review zu nutzen, schon allein, weil wir zu dem Zeitpunkt das Produkt noch gar nicht fertig gebaut hatten. Überzeugt hat ihn das Potenzial des Netzwerks zum offenen Austausch mit anderen Wissenschaftlern und die Tatsache, dass Wissenschaftler, anders als bei den meisten Journals, die Rechte an ihren Veröffentlichungen auf ResearchGate behalten. Als Kenneth Lee dann "Ja" sagte, hat das ganze ResearchGate-Team – 120 Leute! – in einer Art Hackathon alles daran gesetzt, Open Review rechtzeitig für die Veröffentlichung fertigzustellen.

Wie stellen Sie sicher, dass Unabhängigkeit beim Open-Reviewing-Prozess besteht?

Im Gegensatz zum traditionellen System ist Open Review transparent, offen und in "real-time". Hier kann jeder sehen, wer die Reviews schreibt und ob die Wissenschaftler vielleicht schon zusammengearbeitet oder gemeinsam veröffentlicht haben. Beim Peer-Review-Prozess, wie er heute abläuft, ist die Unabhängigkeit nicht gesichert. Wer weiß, wer wessen Arbeit reviewed und auf welchen Gründen die Entscheidung zur Veröffentlichung oder Nichtveröffentlichung beruht? Das ist heute größtenteils nicht publik.

Wie wird die Qualität der Open-Review-Beiträge sichergestellt? Wird Open Review selbst "gereviewt"?

Wir setzen auf den Schwarmcharakter. Das klappt an anderen Stellen bereits gut, insbesondere weil sich bei ResearchGate nur Wissenschaftler anmelden können und weil auf allem, was sie tun, ihr Name steht. Wissenschaftler bauen sich mit hochqualitativen Reviews über die Zeit so auch einen guten Ruf auf. In der Tech-Welt, mit Open Source, ist das so ähnlich. Auch hier läuft alles transparent und öffentlich ab. Wer guten Kode schreibt, setzt sich durch. Das Prinzip Open Science, was wir auch mit Open Review verfolgen, soll ähnlich funktionieren.

Die Hauptautorin der umstrittenen Stammzellstudie, die Forscherin Haruko Obokata, ist stark unter Druck geraten; sie will nun ihre Dissertation zurückziehen. Nach diesem Skandal und ohne Doktortitel wird ihre Karriere wohl zu Ende sein. Provokante Frage: Fühlen Sie Genugtuung, einen solchen Betrug über "Open Review" mit aufgedeckt zu haben? Oder tut Ihnen Frau Obokata trotz ihrer Fehlleistung auch leid?

Meiner Meinung nach ist Kenneth Lee verantwortungsvoll mit der Situation umgegangen. Er war der Erste, der die Ergebnisse seines Reproduktionsversuchs veröffentlicht hat – er hat nicht angeklagt, sondern transparent Fakten geschaffen. Wir geben Wissenschaftlern mit Open Review eine Möglichkeit, schneller Feedback auf Forschungsarbeiten zu geben. Das ist unser Beitrag – der Rest liegt in der Hand der Wissenschaftler.

Das Magazin "Nature", das die Stammzellstudie veröffentlicht hatte, findet einige Kritikpunkte an Peer-Review-Verfahren im Netz ("Dilemma of online Peer Review"). Und auch auf Twitter wurde Kritik laut: ResearchGate schmücke sich mit fremden Federn, denn eigentlich sei der Stein durch andere Plattformen ins Rollen gekommen. Sie würden das unterschlagen.

Ich bin Kritik gewöhnt. Wer wirklich etwas Neues schaffen will, tritt gegen das Establishment an, da darf man nicht zu sensibel sein. Als ich meinen damaligen Professor nach einer Halbtagsstelle fragte, um den Rest der Zeit ResearchGate zu widmen, sagte er mir: "Kriegen Sie den Firlefanz aus dem Kopf und konzentrieren sie sich auf ihre wissenschaftliche Karriere. Wissenschaftler werden sich nicht ändern." Die Kritik nimmt seit damals nicht ab.

"Open Review ist transparent, offen und in "real-time"(Ijad Madisch)

Natürlich gab es auch schon vor Kenneth Lees Ergebnissen öffentliche Zweifel an der Stammzellstudie, und das hat die Untersuchung am Riken ins Rollen gebracht. Kenneth Lee hat aber mit seiner Review und seinen Ergebnisse Fakten geschaffen. Unsere Rolle war, Lee das richtige Werkzeug für die Veröffentlichung an die Hand zu geben. So konnte er seine Ergebnisse zeitnah publizieren. Ansonsten hätte er sie sicherlich woanders veröffentlicht, aber wahrscheinlich nicht so schnell, und womöglich wäre bis dahin schon Gras über die ganze Geschichte gewachsen.

Sie bieten den Forschern eine schnell zugängliche Plattform. Wie finanzieren Sie das? Wie sehen also die Einnahmequellen von ResearchGate aus?

Das Netzwerk ist für Wissenschaftler kostenlos und wird immer kostenlos bleiben. ResearchGate verkauft keine Nutzerdaten an Dritte, das haben wir auch in unseren "Terms and Conditions" so festgehalten. Vielmehr sind alle Finanzierungswege von ResearchGate darauf bedacht, dass alle Seiten von ihnen profitieren. Wissenschaftler sind zum Beispiel immer auf der Suche nach Laborprodukten oder wissenschaftlichen Dienstleitungen für ihre Studien. Hierfür planen wir einen Marktplatz. Bereits jetzt können Wissenschaftler auf unserer Stellenbörse mit über 11 000 Angeboten aus der universitären Forschung und privatwirtschaftlicher Forschung und Entwicklung nach neuen Jobs suchen. Hier zahlen Arbeitgeber nur für bestimmte Anzeigenformate. Einfache Annoncen und die Suche sind kostenlos.

Was werden die nächsten Schritte für Open Review sein? Sind bereits weitere "Enthüllungen" in der Spur?

Wir haben schon viel Resonanz von Wissenschaftlern erhalten und viele Ideen, die wir jetzt Schritt für Schritt umsetzen. Open Review funktioniert in beide Richtungen. Ich denke, ein Großteil der Reviews wird bislang unbeachtete, gute Forschung ins rechte Licht rücken und ihr die Anerkennung und Aufmerksamkeit verschaffen, die ihr gebührt.

Herr Madisch, ich bedanke mich für das Gespräch.

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