Direkt zum Inhalt

Bundestagswahl 2009: "Wir sind die Einäugigen unter den Blinden"

Mojib Latif, geboren 1954 in Hamburg, ist Professor für Klimaphysik am Leibniz-Institut für Meereswissenschaften an der Universität Kiel. Er ist Träger mehrerer Wissenschaftspreise und Mitautor der IPCC-Berichte von 2001 und 2007. spektrumdirekt sprach mit ihm anlässlich der Bundestagswahl 2009.
Laden...
spektrumdirekt: Wie bewerten Sie die aktuelle Wissenschafts- und Forschungspolitik der Großen Koalition?

Mojib LatifLaden...
Mojib Latif | Prof. Dr. Mojib Latif, geboren 1954 in Hamburg, ist Professor für Klimaphysik am Leibniz-Institut für Meereswissenschaften an der Universität Kiel (IFM-Geomar).
Mojib Latif: So speziell möchte ich das nicht beurteilen, sondern die letzten zehn Jahre betrachten. Da fallen mir zwei Dinge auf: Erstens sehe ich, dass trotz anders lautender Statements immer weniger Geld für die Forschung da ist. Das merkt man vor allem an den Universitäten, wo der Mittelbau stark abgebaut wurde – obwohl er einen Großteil der Forschung und der Lehre trägt. Zweitens ist deutlich geworden, dass wir im internationalen Vergleich in vielen Bereichen keine Spitzenstellung einnehmen, obwohl das eigentlich unser Anspruch ist.

spektrumdirekt: Wie sehen Sie Deutschland denn im internationalen Vergleich?

Latif: Insgesamt finde ich unser System nicht schlecht. Aber die finanzielle Förderung ist im Vergleich zu anderen Ländern, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, nicht an der Spitze. Ich würde mir wünschen, dass hier mehr Geld investiert wird – von der Regierung, aber auch von der Industrie. Deren Forschungsengagement ist in anderen Ländern wesentlich höher.

spektrumdirekt: Wo sehen Sie den dringendsten Handlungsbedarf für die Politik?

Latif: Ein Beispiel: An vielen Universitäten ist die Lehrverpflichtung hochgesetzt worden, auf typischerweise neun Stunden die Woche.
"In Deutschland wird viel zu wenig für die Universitäten ausgegeben"
Wenn man das ernst nimmt und die Stunden auch vor- und nachbereitet, bleibt für die Forschung kaum noch Zeit. Gleichzeitig wandert die Forschung aus den Universitäten ab zu den Forschungsinstitutionen wie der Helmholtz-, der Max-Planck- oder der Leibniz-Gesellschaft. Das ist keine gute Entwicklung. In Deutschland wird viel zu wenig für die Universitäten ausgegeben, das geht zu Lasten der Forschung. Forschung und Lehre gehören zusammen.

spektrumdirekt: Was sollte in der nächsten Legislaturperiode gezielt gefördert werden?

Latif: Der eine Bereich, der mir unter den Nägeln brennt, ist die integrative Forschung als Antwort auf das immer stärker verbreitete Fachidiotentum.
"Das Bachelor-Studium verhindert, dass man auch nach links oder rechts guckt"
Das Bachelor-Studium zum Beispiel gibt es gar nicht mehr her, dass man auch einmal nach links oder nach rechts guckt. Das ist ganz klar politisch gewollt: Die Ausbildungszeiten sollen verkürzt und der Anwendungsbezug gestärkt werden. Das aber geht zu Lasten der Studenten und der Grundlagenforschung.

spektrumdirekt: Und außerhalb der Universitäten?

Latif: Wir haben ein Nachhaltigkeitsproblem. So steuern wir auf eine Energiekrise zu. Atomkraft und fossile Energien sind Auslaufmodelle und nicht mehr zukunftsfähig, zumindest, wenn man mehrere Jahrzehnte vorausschaut. Da stellt sich zwangsläufig die Frage, wie man regenerative Energien besser nutzen, aber auch speichern kann. Darum glaube ich, dass gerade im Bereich der Nachhaltigkeitsforschung sehr viel gemacht werden muss.

spektrumdirekt: Hat Deutschland genug für den Klimaschutz getan?

Latif: Nein, natürlich nicht. Unter der Kohl-Regierung hat man Ende der 1980er Jahre im Rahmen der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags formuliert, 30 Prozent der Treibhausgas-Emissionen bis 2005 zu senken.
"Atomkraft und fossile Energien sind Auslaufmodelle und nicht mehr zukunftsfähig"
Aber das bezog sich auf die nicht wiedervereinte Bundesrepublik, auf ein westliches Industrieland. Was haben wir heute geschafft? 23 Prozent bis 2009, und die Hälfte davon geht auf das Konto der Wiedervereinigung. Wir sind also weit hinter dem zurückgeblieben, was wir uns ursprünglich vorgenommen hatten. Diesen Vorwurf muss ich aber allen Parteien machen. Gleichwohl sind wir das einzige Land auf der Welt, das sein Kioto-Ziel erreicht hat. Wir sind sozusagen die Einäugigen unter den Blinden.

spektrumdirekt: Was sollte sich ändern?

Latif: Der Umdenkprozess hat ja eingesetzt. Wenn ich sehe, dass sich die Münchner Rück oder Siemens mit Sahara-Strom beschäftigen, dann muss ich schon sagen, dass das Thema Nachhaltigkeit auch bei Menschen angekommen ist, die sich weder als Grüne noch als Träumer bezeichnen würden. Bloß: Je länger es dauert, umso schneller müssen wir den Umbau der Wirtschaft hin zu den erneuerbaren Energien am Ende realisieren.

spektrumdirekt: Was könnte die Politik hier konkret tun?

Latif: Die Politik muss die Anreize verbessern. Wenn Energieverschwender belohnt werden, kann man nicht erwarten, dass Sparpotenziale genutzt werden.
"Ein Trauerspiel ist der schlechte Zustand der Schulen in Deutschland"
Hinzu kommt, dass wir zwar gute Leute haben, die neue Technologien entwickeln, diese dann aber nicht selbst umsetzen. Das beste Beispiel ist der Hybridmotor. Der wurde in Deutschland erfunden und nun von den Japanern gebaut. Auch hier ist die Politik gefragt.

spektrumdirekt: Welche Aufgabe legen Sie der zukünftigen Regierung besonders ans Herz?

Latif: Eklatant in Deutschland ist der schlechte Zustand der Schulen. Das ist wirklich ein Trauerspiel. Manche Schulen können sich nicht mal Laptops leisten. Mich stört besonders, dass es keinen Politiker gibt, der nicht immer wieder betont, dass Kinder unsere Zukunft sind, dass man in Bildung und Forschung investieren müsse. Es passiert aber nicht. Das ist ja keine subjektive Sicht, sondern wird auch von den OECD-Studien bestätigt, wo wir immer wieder nur mittlere bis untere Plätze belegen.
39. KW 2009

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 39. KW 2009

Lesermeinung

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Leserzuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Leserzuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmer sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Lesermeinungen können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!

Partnervideos