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Das aktuelle Stichwort: Wirbelsturm "Katrina"

Ein Wirbelsturm der zweitstärksten Kategorie steuerte auf New Orleans im Süden der USA zu. Schäden entstanden nicht nur durch die starken Winde, sondern mehr noch durch Sturmfluten.
Hurrikan KatrinaLaden...
Hurrikan "Katrina", der zeitweise als gefürchteter Kategorie-5-Sturm scheinbar unabänderlich Kurs auf die Metropole New Orleans eingeschlagen hatte, hat zwar inzwischen viel an seiner Stärke verloren, aber dennoch eine Spur der Verwüstung hinterlassen und mindestens fünfzig Menschenleben gefordert. Das Ausmaß der Schäden durch Wind und Wasser ist noch nicht absehbar, Straßen stehen meterhoch unter Wasser, weite Landesteile waren ohne Strom, selbst das Telefonnetz brach zusammen. In der Nacht kollabierte nun auch ein Damm zum Lake Pontchartrain, sodass hier nun sich der See ins Stadtzentrum ergießt und ein Krankenhaus vor den steigenden Fluten geräumt werden muss. Die evakuierten Bewohner New Orleans werden aufgefordert, noch nicht zurückzukehren. Katrina hätte damit fast eine Stärke erreichen können wie zuvor bereits Gilbert 1988, Andrew 1992 und Mitch 1998, die zum Teil tausende Todesopfer und Schäden in Milliardenhöhe in der Karibik, Mittelamerika und den USA verursacht hatten.

Dabei beginnen diese Stürme zumeist harmlos als tropische Störung weit vor Afrikas Westküste – etwa bei den Kapverden. Wenn dort die Wassertemperaturen mindestens 26,5 Grad Celsius überschreiten, die Luft zudem stark mit Wasserdampf gesättigt ist und warme Luft rasch aufsteigt, können sich daraus tropische Tiefdruckgebilde entwickeln. Das ist im Atlantik nur von Juni bis November in einem relativ schmalen Band zwischen dem fünften und dreißigsten Breitengrad nördlich des Äquators möglich, südlich davon bis zum Äquator selbst verhindert die hier sehr schwache Coriolis-Kraft eine Entstehung – sie ist nötig, um die Luftmassen überhaupt in Rotation zu versetzen.

Beim Aufsteigen der feuchten Luft kühlt sich diese in der Atmosphäre ab und setzt dabei große Mengen an Energie in Form von Kondensationswärme frei, wodurch wiederum das Zentrum des beginnenden Sturms aufgeheizt, noch mehr Luft in diesem Bereich angesaugt und das aufkommende Gebilde gekräftigt wird. Damit aus diesen Stürmen aber echte Hurrikane werden, muss in der Höhe ein antizyklonales Ausströmen erfolgen: Erst dieser "Luftverlust" in der Troposphäre ermöglicht den sehr tiefen Druck in Bodennähe und die daraus resultierenden hohen Windgeschwindigkeiten.

Da die Generalströmung in den Tropen von Ost nach West verläuft, bewegen sich sowohl die relativ harmlosen Störungen als auch die gefürchteten Hurrikans immer von Ost nach West am Rande des Bermuda-Hochs und durch die Coriolis-Kraft unter leichten Kursänderungen nach Norden. Im warmen Wasser der relativ flachen Karibik angelangt, können die Zyklone dann reichlich Energie tanken. Und je intensiver der Luftdruck in Bodennähe dabei absinkt, desto stärker wird der Sturm, dessen Intensität mit der so genannten Saffir-Simpson-Hurrikan-Skala angegeben wird. Erreichen seine Spitzengeschwindigkeiten etwa 120 Kilometer pro Stunde, fällt er in die niedrigste Hurrikan-Kategorie 1, die mit leichten Überschwemmungen und Schäden an Bäumen oder Wohnwägen noch relativ harmlos ist.

Auch Katrina fing so klein an und suchte Florida in dieser Stärke letzte Woche heim. Doch selbst dies kostete bereits sieben Menschen das Leben und brachte wirtschaftliche Schäden in Millionenhöhe. Nach dem Überqueren der Südspitze der Halbinsel konnte der Wirbelsturm allerdings im warmen Golf von Mexiko an Kraft zulegen und wurde daher mehrfach auf der Skala hochgestuft.

Was die Situation für die Jazz-Metropole noch kritischer machte, ist die exponierte wie fragile Lage der Stadt: Sie ist an drei Seiten von Wasser umgeben – dem Mississippi, dem Golf von Mexiko und dem Lake Pontchartrain, der die Stadt nach Norden abgegrenzt – und sie liegt in weiten Teilen unterhalb des Meeresspiegels. Die Dämme der Stadt sind allerdings nur auf maximale fünfeinhalb Meter hohe Überschwemmungen ausgelegt, während der amerikanische Wetterdienst und das Nationale Hurrikan-Zentrum vor mehr als acht Meter hohen Sturmfluten warnten. Die Stadt gleicht damit einer riesigen Badewanne, die schon bei schwächeren Stürmen als Katrina vollzulaufen droht – Pumpen und Abwasserkanäle hatten schon früher versagt. Entsprechend standen schon weite Teile der Stadt vor Ankunft Katrinas unter Wasser. Durch den Totalausfall der Elektrizität haben die Pumpen den Dienst eingestellt. Ohnehin ist ihre Leistung weit schwächer als das nachströmende Wasser es erfordern würde – sie sind nicht auf derartige Volumina eingestellt.

Dazu kommen noch die ständigen Verluste an Marschen und Sumpfwäldern vor den Toren New Orleans, denen der steigende Meeresspiegel im Golf und mehr noch die ausbleibenden Sedimente aus dem Mississippi die Lebensgrundlage rauben. Durch Eindeichungen, Ausbaggerungen und Stichkanäle haben die Ingenieure des American Corps of Engineers in den letzten Jahrzehnten zunehmend die Strömungsdynamik des größten nordamerikanischen Flusses vom Oberlauf bis zur Mündung verändert, sodass er seine verringerten Sedimentfrachten nicht mehr in ausreichendem Maße in seinem Delta aufschütten kann. Zudem bilden die vertieften Gräben günstige Angriffspunkte für Stürme, die damit die Bodenverluste beschleunigen können.

Auch aus Pelzfarmen entflohene südamerikanische Nutrias – eine Nagetierart – verursachten starke Schäden am Ökosystem, denn sie fressen häufig an den Wurzeln wichtiger Marschpflanzen und bringen damit die Vegetation zum Absterben: Ohne diese Verankerung können Wind und Wasser nun den Schlick leichter erodieren, wordurch wiederum neue Bereiche der Küstenvegetation dem schädlichen Einfluss reinen Salzwassers ausgesetzt werden. Und schließlich tragen auch noch natürliche Absenkbewegungen des frischen, unbefestigten Neulandes – bei fehlendem Sedimentnachschub – ebenfalls zum Küstenabtrag bei. Auf diese Weise verlor diese natürliche Barriere der Stadt zum Meer im 20. Jahrhundert mehr als 4900 Quadratkilometer Fläche.

Dieser Schutzraum wäre aber nicht nur als natürlicher Deich dringend nötig, denn ein Hurrikan tankt eben seine gesamte Kraft aus warmem Ozeanwasser – über Land schwächt er sich rasch ab. Er zieht dann zwar noch als tropisches Tiefdruckgebiet mit ergiebigen Niederschlägen weiter, aber seine verheerenden Windböen reduzieren sich bald auf "nur" noch maximal Orkanstärke (weniger als 120 Kilometer pro Stunde). Die Regenmengen können allerdings immer noch enorm sein: 600 Millimeter in einer Stunde sind durchaus möglich – das entspricht dem Jahresniederschlag von Berlin.
30.08.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 30.08.2005

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