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Haustiere: Wird Einfluss jagender Katzen unterschätzt?

Katzen sind nicht nur harmlose Stubentiger, sondern effiziente Jäger. Zahlen einer nordamerikanischen Wildtierklinik offenbaren ein erschreckendes Ausmaß.
Wildernde Katze mit totem Singvogel im MaulLaden...

Jedes Jahr behandelt das Wildlife Center of Virginia tausende verletzte Säugetiere und Vögel, viele davon sterben trotz der Hilfe. Dave McRuer vom Center und sein Team nutzten ihren über ein Jahrzehnt gesammelten Datenschatz, um zu sehen, weswegen die meisten der Tiere bei ihnen abgeliefert wurden. Ihre Auswertung belegt erneut, welchen massiven Einfluss wildernde Hauskatzen auf einheimische Tiere haben können: Rund ein Siebtel der 21 000 verletzten Tiere ging auf das Konto der Katzen. Sie waren die zweithäufigste Einzelursache, warum Säuger abgegeben wurden, und der vierthäufigste Grund bei Vögeln. Bei den Todeszahlen sehen die Verhältnisse ähnlich schlecht aus, denn 70 Prozent der Säugetiere und 80 Prozent der Vögel, die Opfer einer Katzenattacke waren, starben an ihren Wunden. Bei Waldsängern und Co übertrafen nur Traumata mit unbekannter Ursache – beispielsweise durch einen Flug gegen eine Fensterscheibe – die jagenden Katzen. Insgesamt waren über 80 Arten betroffen, darunter auch größere wie Enten, Krähen und Elstern, Schnepfen oder Gleithörnchen.

Dabei werteten die Wissenschaftler nur solche Fälle, bei denen Katzen sicher beteiligt waren, etwa wenn die Attacke beobachtet wurde oder die Tiere ihr Opfer nach Hause brachten. Wo nur ein vager Verdacht bestand, ordneten McRuer und Kollegen die verletzten Vögel und Säuger unter "unbekannte Ursachen" ein. "Anders als vielfach von den Haltern angenommen jagen Katzen weit mehr als nur Ratten und Mäuse", so McRuer gegenüber der "Washington Post". Selbst ein Falke befand sich unter den erwiesenen Katzenopfern, was den Biologen durchaus beeindruckte: "Es ist erstaunlich, was diese Tiere alles erbeuten." Ihre Arbeit zeige, wie viele Arten betroffen sein können. Meist werde das in ähnlichen Studien nicht derart genau erhoben, so der Forscher.

Die Arbeit von McRuer und seinem Team dürfte den Streit zwischen Katzenliebhabern und Naturschützern in den USA weiter anheizen. Hochrechnungen zeigen, dass die Katzen jährlich bis zu vier Milliarden Vögel in den Vereinigten Staaten erlegen – was sie zu einem der größten Einflussfaktoren für die Bestände macht. "Wildtierzentren im ganzen Land bestätigen, dass viele ihrer Patienten von Katzen gejagt wurden. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs", sagt Peter Marra vom Smithsonian Migratory Bird Center ebenfalls gegenüber der "Washington Post": "Die Indizien gegen Katzen und ihren Einfluss auf die Artenvielfalt sind überwältigend. Und dennoch erlauben wir ihnen, weiter in der Natur zu jagen." Erschwerend kommt hinzu, dass viele Halter die Schäden durch ihre Lieblinge ignorieren oder zumindest kleinreden.

Natürlich erfährt die Studie von McRuer wie andere zuvor heftigen Widerspruch. Rebekah DeHaven von der Katzenschutzorganisation "Alley Cat Allies" moniert beispielsweise, dass die Studie zwar Hin-, aber keine Beweise liefere: "Wir wissen nicht, welche der eingelieferten Tiere zuvor schon verletzt oder krank waren und auch ohne die Katzen gestorben wären", so DeHaven in der "Washington Post". Viele Katzenfreunde argumentieren damit, ihre Haustiere beeinflussten die Bestände nicht nennenswert, weil sie nur schwache Exemplare schlügen – eine Ansicht, die unter Wissenschaftlern durchaus umstritten ist. Doch DeHavens Organisation wehrt sich gegen die aktive Bekämpfung verwilderter Hauskatzen. Stattdessen baut sie darauf, dass Veterinäre die Tiere einfangen, sterilisieren und wieder frei lassen und sich das Problem so zumindest nicht verschlimmert. Schon heute leben in den USA neben 77 Millionen Hauskatzen weitere 80 bis 100 Millionen verwilderte Exemplare. Sie gehören damit zu den häufigsten Raubtieren des Landes.

Naturschutzorganisationen wie die American Bird Conservancy fordern dagegen, Katzen sollten im Haus bleiben und verwilderte Streuner eliminiert werden. So würden die einheimischen Arten geschützt. Um zumindest die Zahl der Opfer etwas zu reduzieren, können Katzenhalter auf relativ einfache Maßnahmen zurückgreifen, statt die Tiere gleich ins Haus zu verbannen. Bunte Halsbänder, die sich leicht öffnen, machen Vögel auf den nahenden Fressfeind aufmerksam und verringern laut ersten Tests die Zahl getöteter Tiere.

43/2016

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 43/2016

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