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News: Wirkt es oder wirkt es nicht?

Sekretin ist seit kurzem der große Hoffnungsträger für die Eltern autistischer Kinder. Als 1998 eine Mutter im amerikanischen Fernsehen berichtete, wie sich der Zustand ihres Sohnes dank dieses Hormons verbessert habe, trat sie eine Lawine los. Immer mehr Eltern ließen ihre Kinder mit Sekretin behandeln und meinten danach, dass ihre Söhne und Töchter ebenfalls auflebten und zugänglicher wurden. Allerdings fließen bei solchen Projekten die hohen Erwartungen schnell in die Beobachtungen mit ein und erschweren somit, den Erfolg der Therapie objektiv zu beurteilen. Eine Gruppe von Medizinern hat nun zwanzig Kinder mit dem Hormon behandelt und auf eine verbesserte Sprachkompetenz getestet. Ihre Ergebnisse stellen aber die Wirksamkeit von Sekretin in Frage.
Autismus ist eine schwere, in den ersten Lebensjahren einsetzende Verhaltensstörung, in deren Folge die betroffenen Kinder Informationen aus der Umwelt nicht situationsgerecht verarbeiten können. Sie sind daher oft teilnahmslos, reagieren nicht auf Ansprache, und nur die Hälfte von ihnen lernt selbst sprechen. In manchen Fällen bessern sich die Sprach- und sozialen Fähigkeiten, wenn Betreuer mit den Kindern über längere Zeit therapeutisch arbeiten. Eine stets erfolgreiche medikamentöse Behandlung gibt es bis heute allerdings nicht.

Viele Eltern sahen jedoch Licht am Ende des Tunnels, als 1998 eine Mutter erklärte, dass sich die Fähigkeiten bei ihrem Sohn besserten, nachdem er Sekretin erhalten hatte. Sekretin ist ein Verdauungs-Hormon, das unter anderem in der Bauchspeicheldrüse vorkommt. Es führt zu einer erhöhten Sekretion von Wasser und Bicarbonat in den Darm und ermöglicht letztlich die Arbeit der Verdauungsenzyme. Ein Kinderarzt veröffentlichte noch im selben Jahr die Ergebnisse aus der Therapie des Jungen sowie zweier weiterer Kinder in einer Fachzeitschrift.

Diesen ersten Versuchen einer Behandlung mit Sekretin folgten auf Drängen der Eltern weitere, weil sie für ihre Kinder große Chancen sahen, die Autismus-Symptome zu lindern. Zwar meinten viele Eltern, dass sich der Zustand ihres Kindes durch das Hormon bessern würde, aber eine erste, im Dezember 1999 veröffentlichte wissenschaftliche Untersuchung konnte diese Erfolgsmeldungen nicht bestätigen. Die Forscher hatten Kinder im Alter von drei bis 14 Jahren behandelt, die entweder autistisch waren oder an der verwandten, so genannten pervasiven Entwicklungsstörung litten. Die eine Hälfte der Gruppe bekam Sekretin verabreicht, die andere nur ein Placebo. Obwohl die Wissenschaftler keine Wirkung von Sekretin feststellten, wollten die Eltern an der Therapie festhalten.

Um fundierte Aussagen über die Wirksamkeit von Sekretin treffen zu können, haben Forscher um Melvin Heyman und Jenifer Lightdale von der University of California in San Francisco eine weitere Arbeit vorgelegt. Sie gaben 20 autistischen Kindern im Alter von drei bis sechs Jahren jeweils die gleiche intravenöse Dosis an Sekretin, die auch die Kinder aus der ersten publizierten Untersuchung erhalten hatten. Die Forscher verglichen die Leistungen der Kinder ein, zwei, drei und fünf Wochen nach der Infusion mit denen vor der Behandlung. Dafür wurden die Kinder dem standardisierten so genannten Preschool Language Scale-III unterzogen, und mit Video haben die Wissenschaftler das Spielen und Hinweise auf autistisches Verhalten festgehalten. Der PLS-III ließ keine Fortschritte erkennen, weder im Verstehen von Sprache noch beim Sprechen. Zudem konnten neutrale Beobachter nicht entscheiden, in welcher Reihenfolge die Videoaufnahmen gemacht worden waren.

Eine echte, dramatische Veränderung hinsichtlich der Fähigkeiten und des Verhaltens nach einer einmaligen Dosis wäre ein überraschendes Ergebnis gewesen, meinten die Wissenschaftler auf dem Treffen der Pediatric Academic Societies und der American Academy of Pediatrics in Boston am 13. Mai 2000. "Die Ansprüche an das Medikament passen nicht gerade zu einem Neuro-Entwicklungsmodell, das erklärt, wie neue Fähigkeiten angeeignet werden", sagt die Psychiaterin Bryna S. Siegel, die als Autismus-Expertin an der Untersuchung teilgenommen hat. Sprachliche Fähigkeiten hängen von Veränderungen im Gehirn ab, die zu Stande kommen, wenn ein Kind stimuliert wird, sich Vokabeln und grammatische Strukturen anzueignen. Eine Pille kann ihm das nicht abnehmen. Im Gegensatz zu der Einschätzung der Wissenschaftler meinten viele Eltern, der Zustand ihrer Kinder hätte sich auf Grund der Sekretin-Infusionen gebessert.

Woher kommt dieser Widerspruch zwischen subjektiv Gesehenem und objektiv Feststellbarem? "Das ist ein sehr gutes Beispiel für einen Placebo-Effekt", sagt Siegel. Der Definition nach kann ein Placebo erwartungsgemäß alles heilen, was einen plagt. In den Sekretin-Studien haben die Eltern Unterschiede im Blickkontakt gesehen, in der Aufmerksamkeit und im Wortgebrauch – jede Aktivität, die eine Verbesserung andeutete, haben sie mit dem Wirkstoff in Verbindung gebracht", erläutert Siegel. "Hoffnung ist notwendig, wenn sie sich um ein Kind mit einer chronischen Behinderung kümmern und es keine endgültige Behandlung gibt." Aber manchmal macht die Hoffnung die Menschen blind für das, was tatsächlich möglich ist, und am Ende ist die Enttäuschung nur umso größer.

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