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Nobelpreis für Wirtschaft 2022: Eine sichere Bank in panischen Zeiten

Wie lässt sich der Kollaps von Banken in Krisenzeiten verhindern? Die diesjährigen Träger des Nobel-Gedächtnispreises für Wirtschaftswissenschaften, Ben Bernanke, Douglas Diamond und Philip Dybvig, haben Antworten auf diese Frage gefunden.
Stilisierte Darstellung eines Börsencrashs
»Bank Runs« haben in der Geschichte schon häufiger zum Kollaps von Geldinstituten geführt.

Bankähnliche Systeme begleiten die Menschheit bereits seit Jahrtausenden: Sowohl in einigen asiatischen Reichen, im alten Ägypten, in Mesopotamien als auch bei den antiken Römern und Griechen gab es Konzepte, um Geld zu verleihen und in Projekte zu investieren. Große Finanzinstitute, wie wir sie heute kennen, entstanden im 17. Jahrhundert in Italien. Dennoch sorgen die Geldinstitute heutzutage immer wieder für Diskussionen: Wie stark sollte man sie regulieren? Wie viele Reserven sollten sie halten? Und auch die Rettung von Banken während der Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009 löste hitzige Debatten  aus.

Eine Bank an ihre Grenze zu bringen, ist (zumindest theoretisch) recht einfach: Es genügt, wenn alle Kunden gleichzeitig ihr Geld einfordern. Solche »Bank Runs« haben in der Geschichte schon häufiger zum Kollaps von Geldinstituten geführt. Welche Auswirkungen das auf eine Gesellschaft und das restliche Wirtschaftssystem haben kann, hat der Ökonom Ben Bernanke, ehemaliger Präsident der US-Notenbank Fed, in den 1980er Jahren ausführlich untersucht. Seine beiden Kollegen Douglas Diamond und Philip Dybvig haben etwa zeitgleich die wirtschaftliche Notwendigkeit von Banken nachgewiesen – aber auch ihre unumgänglichen Schwachpunkte. Dank ihrer Analyse konnten die drei Wirtschaftswissenschaftler zudem Möglichkeiten ausmachen, wie sich Finanzsysteme stabilisieren lassen. Für ihre Arbeiten auf diesem Gebiet hat ihnen die schwedische Reichsbank den diesjährigen Preis für Wirtschaftswissenschaften im Gedenken an Alfred Nobel verliehen.

Wirtschaftsnobelpreisträger 2022 | Die amerikanischen Ökonomen Ben Bernanke (von links), Douglas Diamond und Philip Dybvig erhalten den diesjährigen Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften.

Etliche Forscherinnen und Forscher haben sich in der Vergangenheit bereits mit Fragen zum Geld- und Bankwesen beschäftigt. Doch diese nahmen die Geldinstitute meist als gegeben an und untersuchten lediglich deren Auswirkungen auf den Finanzmarkt. In den 1980er Jahren wählten Diamond und Dybvig einen wesentlich grundlegenderen Ansatz: Sie nutzten mikroökonomische Modelle, um daraus abzuleiten, dass Banken die optimale Lösung ihrer untersuchten Probleme darstellen.

Ein vereinfachtes Investitionsmodell

Für ihr Modell betrachteten die zwei Ökonomen mehrere Akteure zu drei verschiedenen Zeitpunkten: T = 0, 1, 2. Bei T = 0 verfügen alle über das gleiche Kapital, das sie in ein Projekt investieren möchten. Das Projekt ist bei T = 2 beendet, und die Anleger erhalten entsprechend einen größeren Geldwert als die Investitionssumme zurück. Der Wert, den ein Anleger dem Geld zu verschiedenen Zeitpunkten beimisst, kann allerdings variieren: je weiter in der Zukunft, desto risikobehafteter ist der Betrag (schließlich könnte das Projekt fehlschlagen – dann wäre alles weg). Daher gibt es eine gewisse Wahrscheinlichkeit λ, dass ein Anleger bereits zum Zeitpunkt T = 1 sein Geld zurückfordert. Da das Investitionsprojekt bis dahin nicht beendet ist, entspricht das Geld dem eingesetzten Kapital – ohne Gewinn. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 1 − λ lassen es die Anleger allerdings bis zum Ende (T = 2) liegen und erhalten die Chance auf einen Gewinn R, der größer ist als das investierte Kapital.

Zwischen dem 3. und dem 10. Oktober geben die Nobelkomitees die Nobelpreisträger des Jahres 2022 bekannt. Auf unserer Themenseite »Nobelpreise – die höchste Auszeichnung« erfahren Sie, wer einen der renommierten Preise erhalten hat. Dort können Sie außerdem das Wesentliche über die Laureaten und ihre Forschung nachlesen.

Nun haben Diamond und Dybvig den erwarteten Gewinn der Anleger berechnet, wenn alle Akteure unabhängig voneinander handeln: Ein Teil λ der Personen springt zum Zeitpunkt T = 1 ab und macht dadurch keinen Gewinn, während die Risikofreudigen zu T = 2, wenn das Projekt beendet ist, eine lukrative Belohnung erhalten. Dieses Ergebnis haben die Ökonomen mit dem Fall verglichen, dass eine übergeordnete Instanz (etwa eine Bank) die gesamte Projektsumme vorfinanziert. Anleger können der Instanz ihr Geld geben und zum Zeitpunkt T = 1 bereits einen gewissen Gewinn G1 einstreichen, der jedoch kleiner ausfällt, als wenn sie ihr Kapital bis T = 2 liegen lassen. Geduldige Investoren erhalten nach Ablauf von T = 2 einen Betrag G2. Wichtig ist hierbei: G2 ist kleiner als R im ersten Szenario.

Banken können das Vermögen steigern

Das heißt: Auch risikoarme Investoren, die ihr Geld zum Zeitpunkt T = 1 zurückfordern, erhalten einen Teil des Gewinns von der Bank, der sich erst in Zukunft bei T = 2 ergeben wird, falls das Projekt glückt. Wie sich herausstellt, ist der Erwartungswert des Gewinns, den eine Person dabei macht, größer als im ersten Fall.

Mit einer Instanz, die zwischen kurzfristigen Anlagen und langfristigen Krediten vermittelt, kann man also den Erwartungswert des Vermögens einzelner Akteure steigern. Das gilt allerdings nur unter der Voraussetzung, dass man den Anteil λ der Menschen abschätzen kann, die nicht risikofreudig sind. Wie Diamond und Dybvig durch spieltheoretische Analysen zeigen konnten, besitzt ihr Modell jedoch zwei Nash-Gleichgewichte – die auch noch komplett gegensätzlich sind. Das bedeutet, es gibt zwei Strategien, die jeweils eine optimale Lösung für die Anleger darstellen. Entweder handelt jeder risikofreudige Akteur auch risikofreudig und vertraut darauf, dass die meisten anderen Anleger ebenso handeln. Das entspricht dem positiven Szenario, dass sie ihr Geld bis T = 2 liegen lassen. Andererseits könnten die Anleger befürchten, dass viele bei T = 1 ihr Geld zurückfordern und das Projekt dadurch scheitert. Um keinen Verlust zu erzielen, handeln die Risikofreudigen plötzlich ebenfalls sicherheitsbewusst, was zu einem Bank Run bei T = 1 führt. Da die Bank aber allen einen gewissen Gewinn auszahlt, den sie quasi »von der Zukunft geborgt« hat, kann sie das Projekt im zweiten Szenario nicht bis zum Abschluss finanzieren und geht pleite.

Diesen Schwachpunkt weisen Banken zwangsweise in solchen Modellen auf. Diamond und Dybvig lieferten aber auch Vorschläge, wie sich Panikhandlungen der Anleger vermeiden lassen. Einen Ausweg bieten beispielsweise staatliche Versicherungen, bei denen sich ein Land verpflichtet, die Anleger auszuzahlen, falls eine Bank dazu nicht mehr in der Lage ist. Die Hoffnung ist, dass Bank Runs durch diese Sicherheit überhaupt nicht vorkommen – und die Versicherung dadurch niemals eingelöst werden muss. Leider ist das in der Realität nicht immer der Fall, besonders wenn das Vertrauen in den Staat nicht groß genug ist.

Was lernen wir aus der Wirtschaftskrise der 1930er Jahre?

Ein weiterer Punkt, der für mehr Sicherheit sorgt, ist die Kreditprüfung. Bevor man einem Kunden Geld leiht, sollte man seine Kreditwürdigkeit untersuchen. Wenn es keine vermittelnden Institute zwischen einzelnen Akteuren gäbe, müsste ein Anleger bei jeder Investition selbst eine Prüfung tätigen. Diamonds hat 1984 gezeigt, dass Banken das als zentrale Einheit wesentlich effizienter umsetzen können. Indem sie zudem in viele Projekte aus möglichst unterschiedlichen Bereichen investieren, können sie das Risiko ihrer Anleger weiter minimieren. In realen Szenarien werden einige Investitionen immer fehlschlagen, doch bei einer Bank, die breit aufgestellt ist, fällt das (solange nicht zu viele Projekte scheitern) nicht allzu sehr ins Gewicht. Investiert hingegen ein einzelner Anleger in nur wenige Projekte, riskiert der Akteur erheblich mehr.

Anders als seine zwei Kollegen Diamonds und Dybvig beschäftigte sich Bernanke intensiv mit geschichtlichen Ereignissen, insbesondere mit der großen Depression der 1930er Jahre – die bis heute schwerwiegendste weltweite Wirtschaftskrise. Bernanke konnte belegen, dass das Scheitern der Banken nicht, wie bislang angenommen, eine Folge der extremen Rezession war, sondern umgekehrt: Die Bankenkrise hatte diese teilweise verursacht. Damals gab es zahlreiche Bank Runs, wodurch viele Finanzinstitute schließen mussten. In den kommenden Jahren wurde insbesondere der US-amerikanischen Zentralbank vorgeworfen, sie hätte die Krise mildern können, wenn sie mehr Geld gedruckt hätte. Denn die Ökonomen machten die geringe Geldmenge für die lang anhaltende wirtschaftliche Flaute verantwortlich.

Diese Meinung teilte Bernanke ebenfalls, doch er sah noch einen weiteren, wesentlich wichtigeren Faktor für die Rezession: die Bankenkrise selbst. Aus Angst vor weiteren Bank Runs vergaben die Geldinstitute nur noch wenige Kredite und tätigten kaum langfristige Investitionen. Mit Hilfe einer Regressionsanalyse, einem statistischen Verfahren, mit dem man die Abhängigkeit einzelner Variablen untersuchen kann, stützte er seine historischen Untersuchungen: In den USA vergaben die Banken kaum noch Kredite, wodurch kleinere Firmen, Haushalte und Farmen nicht mehr an Geld kamen, und stürzten das Land somit in eine lange Rezession. Größere Unternehmen konnten sich hingegen wenigstens über den Aktienmarkt Geld leihen.

Die Arbeiten der drei Ökonomen haben maßgeblich zu den modernen wirtschaftlichen Modellen geführt, die heute im Bankenwesen genutzt werden. Auch die Regulierungsbestimmungen vieler Staaten fußen auf den Erkenntnissen von Bernanke, Diamond und Dybvig. Um die Finanzkrise des Jahres 2008 und 2009 einzudämmen, vertrauten viele Länder auf die Ergebnisse und beschlossen, etliche Banken zu retten, um eine lang anhaltende Rezession wie zur großen Depression der 1930er Jahre zu vermeiden. Ebenso zu Beginn der Coronakrise im Jahr 2020. Nun bleibt abzuwarten, ob das genügt, den aktuellen ökonomischen Herausforderungen, etwa der derzeit stark steigenden Inflation, etwas entgegensetzen zu können.

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