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News: Wirtschaftsprognosen auf neuer Basis

Wenn die fünf Wirtschaftsweisen ihre Prognosen für das neue Jahr vorlegen, basieren diese auf traditionell erhobenen volkswirtschaftlichen Daten wie dem Bruttosozialprodukt. Dieser 'makroökonomische Summenaggregat' verschleiert jedoch Unterschiede und Schwankungen auf der Ebene einzelner Unternehmen. Eine neue Konjunkturtheorie berücksichtigt genau diese Punkte. Sie soll so neuartige Prognosen ermöglichen und nach Ansicht des Autors eine wichtige Lücke zwischen einzelnen Teilgebieten in der Ökonomik schließen.
Mit dem Bruttosozialprodukt als 'makroökonomischem Summenaggregat' wird versucht, die Schwankungen der wirtschaftlichen Aktivität ganzer Volkswirtschaften in einer Zahl zu fassen, erläutert Frank Schohl von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. "Das Wettbewerbsverhalten von Unternehmen und insbesondere die im Wettbewerb sinnvollen Verhaltensunterschiede zwischen den Unternehmen können und sollen im Rahmen der üblichen Konjunkturmodelle nicht behandelt werden", kritisiert der Wirtschaftswissenschaftler. In seiner Habilitationsschrift ergänzt Schohl die traditionelle Konjunkturtheorie daher um wettbewerbstheoretische Elemente, wodurch neuartige Konjunkturprognosen möglich werden.

Schohls Theorie basiert auf Vorarbeiten der so genannten "Frühen Mikrofundierer der Konjunkturtheorie", die schon in der Zwischenkriegszeit Zeitreihenanalysen von Jahresabschlußdaten für die Konjunkturforschung nutzten, aber später selbst in der Wirtschaftstheorie wieder in Vergessenheit gerieten. Zu Unrecht, meint Dr. Schohl, da der Ansatz, Konjunkturschwankungen als Resultate des Wettbewerbes von Unternehmen zu erklären, gerade heute aussagekräftigere Prognosen ermöglicht. Bereits die Frühen Mikrofundierer setzten auf die These, daß die Innovationsrate im Unternehmen dessen Wachstum bestimmt. Der Konjunkturaufschwung beginnt in dem Moment, wenn die Unternehmen in großer Zahl Innovationen produzieren oder zumindest erfolgreich nachahmen. Neuerungen werden allerdings häufig erst dann eingeführt, wenn das Unternehmenswachstum stagniert oder rückläufig ist. Dies kann schon in der Frühphase eines Abschwunges der Fall sein. In der traditionellen Konjunkturtheorie bleibt dieser beginnende Aufschwung in Zeiten des Niedergangs unberücksichtigt. "Die Zusammenfassung aller einzelwirtschaftlichen Tätigkeiten in einem gesamtwirtschaftlichen Wert wie dem Bruttosozialprodukt verdeckt die Unterschiede in der Firmenentwicklung und erschwert so die Konjunkturanalyse und -prognose", kritisiert Schohl.

Der Jenaer Wirtschaftswissenschaftler hat in seiner umfassenden Studie das Konjunkturverhalten von mehreren Hundert deutschen Industrie-AGs aus den Jahren 1961 bis 1993 untersucht und dazu mehr als 16 000 Jahresabschlüsse ausgewertet. Durch seinen Blick hinter die traditionellen volkswirtschaftlichen Aggregatindikatoren konnte Schohl zeigen, "daß im Verlauf eines Konjunkturabschwungs eine wachsende Zahl von Unternehmen ihre individuelle Krise überwindet und mitten in der Rezession wachsende Umsatzerlöse realisiert, die Produktionsleistung erhöht oder sogar expansiv investiert". Solche Unternehmen mit "konjunktur-konversem" Verhalten ändern ihr Produktangebot früher als andere und haben damit schon im Abschwung wachsenden wirtschaftlichen Erfolg. "Dies äußert sich in den Bilanzen als ein Steigen der Rentabilität", hat Dr. Schohl ermittelt.

"Solche wettbewerblichen Verhaltensunterschiede von Unternehmen im Konjunkturverlauf stellen eine neue Klasse stilisierter Fakten zur Mikrofundierung der Konjunkturtheorie dar", ist sich der Ökonom auf Grund seiner neuartigen empirischen Ergebnisse sicher. Auch mit dem an der Friedrich-Schiller-Universität Jena entwickelten mathematischen Konjunkturmodell wird theoretisches Neuland betreten. "Die Gleichungen des Modells basieren auf den Varianzen der Angebotsänderungsentscheidungen und auf den Varianzen der Renditenänderungen", erläutert Schohl seine Theorie. Dies erlaubt es, betriebswirtschaftliche und mikroökonomische Theorieelemente in die Konjunkturforschung einzubeziehen.

In seiner derzeitigen Form kann das Konjunkturmodell allerdings noch nicht für die Simulation wirtschaftspolitischer Maßnahmen eingesetzt werden. Daß die Wirtschaftsweisen jetzt nur noch auf seine Theorie zurückgreifen, glaubt Schohl daher nicht. Aber er ist davon überzeugt, "eine wichtige Lücke zwischen den verschiedenen Teilgebieten der Ökonomik geschlossen zu haben".

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