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Wissen: Das Internet als Neuroprothese

Inhalte im Internet zu »ergoogeln«, ähnelt unserem Denken. Wir neigen daher dazu, die uns so angeeigneten Informationen fälschlicherweise dem eigenen Wissen zuzuschreiben.
Nachdenklicher Mann abgebildet mit digitalen Informationen

Der Zugang zu Informationen hat sich in den letzten Jahrzehnten radikal verändert. Vor dem Siegeszug des Internets musste man sich auf den Brockhaus im Bücherregal verlassen oder in der Bibliothek recherchieren. Heute ist der Computer oder das Smartphone in der Hosentasche unser Tor zum Wissen der Welt. Allerdings können wir aus dem Internet gezogene Erkenntnis bisweilen nicht von der eigenen unterscheiden, wie eine Studie von Adrian Ward von der University of Texas zeigt.

Der Marketingforscher führte acht verschiedene Experimente durch. In den ersten Versuchen demonstrierte er Folgendes: Probanden, die zum Beantworten von Fragen eine Suchmaschine wie Google zu Rate ziehen durften, überschätzten anschließend ihr eigenes Wissen im Vergleich zu jenen, die ohne Unterstützung arbeiten mussten. Um genauer zu untersuchen, wie Hilfsmittel aus dem Internet die Wahrnehmung des eigenen Kenntnisstands beeinflussen, teilte Ward im achten Experiment 156 Freiwillige in zwei Gruppen ein, die er jeweils mit 50 Fragen konfrontierte.

Dem eigenen Denken ähnlicher

Die eine Hälfte durfte frei googeln, wenn sie nicht weiterwusste. Die andere bekam für diesen Fall Links zu den passenden Wikipedia-Artikeln bereitgestellt, musste also nicht selbst danach suchen. Anschließend präsentierte der Forscher allen Versuchspersonen 70 Fragen, darunter auch jene, die sie zuvor bearbeitet hatten. Für jede davon sollten sie angeben, ob sie zur Beantwortung auf externe Quellen zurückgegriffen hatten. Die Wikipedia-Gruppe schrieb durchschnittlich nur eine Antwort fälschlicherweise dem eigenen Wissen zu. Bei der Google-Gruppe verdreifachte sich der Wert fast.

Etwas in einer unserem Sprachgebrauch angepassten Suchmaschine zu recherchieren, ähnele mehr dem eigenen Denken als das »Nachschlagen« in einem Lexikon wie Wikipedia, vermutet Ward. Zumal Google versuche, Informationen so »beiläufig wie möglich« bereitzustellen. Deshalb könne es schneller passieren, dass man recherchiertes Wissen für das eigene hält. »Vielleicht ist das Internet für uns weniger wie eine Bibliothek, sondern mehr wie eine Neuroprothese, mit der wir nicht durch Drähte, sondern durch Datenströme verbunden sind«, sagt der Psychologe.

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