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Wiederholungseffekt: Wissen schützt nicht vor der Wahrheitsillusion

Was wir schon einmal gehört haben, halten wir eher für richtig. Vor diesem Effekt bewahren uns weder Intelligenz noch Vorkenntnisse.
Frau tippt auf ihrem HandyLaden...

Wenn wir etwas ein zweites Mal hören, halten wir es eher für wahr als beim ersten Mal. Dieser Wiederholungseffekt, oft »Wahrheitseffekt« genannt, wurde schon vielfach belegt. Jetzt haben zwei Psychologinnen nachgewiesen, dass ihm Kinder und Erwachsene gleichermaßen unterliegen und somit auch unterschiedliche Vorkenntnisse nicht davor bewahren.

Lisa Fazio und Carrie Sherry von der Vanderbilt University in Nashville präsentierten ihren Versuchspersonen (knapp 50 Fünf- und Zehnjährigen sowie 32 Erwachsenen) wahre und falsche Informationen zum Thema Natur. Je nach Altersgruppe waren die Sachverhalte teils schon den Jüngsten bekannt, teils auch für die Erwachsenen neu, zum Beispiel »Tomaten (Kartoffeln) wachsen über der Erde« und »Die Antarktis (die Sahara) ist die größte Wüste der Erde«.

Die Kinder bekamen die Sätze stets von einer Figur vorgesprochen, während die Erwachsenen die Aussagen auf dem Bildschirm lasen. In einer ersten Runde wurde zunächst nur die Hälfte der (teils richtigen, teils falschen) Fakten präsentiert, in der zweiten Runde dann dieselben noch einmal sowie zusätzlich die übrigen unbekannten Aussagen. Nach jeder Aussage sollten die Versuchspersonen angeben, ob sie sie für wahr oder falsch hielten.

Die Fünfjährigen schätzten den Wahrheitsgehalt erwartungsgemäß öfter falsch ein als die Älteren; Erwachsene und Zehnjährige unterschieden sich hingegen kaum. Insgesamt wurden wahre Aussagen zu 78 Prozent als solche erkannt, falsche zu 52 Prozent für wahr gehalten. Die Wahrheitsillusion allerdings war universell: Alle drei Altersgruppen hielten die Aussagen – egal ob wahr oder falsch – beim zweiten Hören oder Lesen im Schnitt eher für zutreffend: 61 Prozent der unbekannten und 69 Prozent der bekannten Aussagen erschienen ihnen richtig.

Den Effekt erklären die Psychologinnen damit, dass wir Bekanntes leichter verarbeiten können und dies unbewusst als Hinweis auf die Wahrheit interpretieren. Dass diese Assoziation zwischen »bekannt« und »wahr« schon bei Fünfjährigen nachweisbar ist, werten die Autorinnen als Hinweis darauf, dass die Verknüpfung implizit wirkt. Mit Intelligenz oder einem intuitiven (versus analytischen) Denkstil habe das nichts zu tun, bestätigte kürzlich eine Studie mit mehr als 2000 Versuchspersonen.

Fazio und ihr Team hatten schon 2015 berichtet, dass Wissen nicht vor der Wahrheitsillusion schützt. Sogar offenkundig falsche Aussagen wie »Wespen sind Insekten, die Honig produzieren« würden beim zweiten Mal doppelt so oft für wahr gehalten wie nach erstmaligem Hören. Die Falschinformationen setzen sich selbst dann im Kopf fest, wenn sie von Fact-Checkern mit einer Warnung versehen werden. Nur bei extrem unplausiblen Aussagen wie »Die Erde ist perfekt quadratisch« stößt die Illusion offenbar an ihre Grenzen.

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