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Forschungsethik: Wissenschaftliches Fehlverhalten weit verbreitet

Ein Drittel von in der biomedizinischen Forschung tätigen US-Wissenschaftlern gibt zu, in den vergangenen drei Jahren mindestens einmal vorsätzlich gegen Grundsätze korrekten wissenschaftlichen Handelns verstoßen zu haben. Das geht aus einer anonymisiert ausgewerteten Umfrage der Health-Partners-Forschungsstiftung sowie der Universität von Minnesota unter der Leitung von Brian Martinson hervor. Die Autoren befragten mehrere tausend Wissenschaftler, die Unterstützung der US-Gesundheitsforschungsinstituten (NIH) erhalten – den US-Behörden, welche die dortige medizinische Grundlagenforschung finanziert.

Zwar gestanden weniger als ein Prozent der Forscher schwere Vergehen ein, wie bewusst Ergebnisse zu fälschen oder fremde Daten zu kopieren. Immerhin sechs Prozent räumten jedoch ein, bei eingereichten Forschungsanträgen oder Veröffentlichungen widersprechende Ergebnisse anderer Wissenschaftler verschwiegen zu haben. Sogar 15,5 Prozent bekennen, sie hätten ihr methodisches Vorgehen und die Auswahl von Ergebnissen auf den Druck von Geldgebern hin geändert. Zudem deuten die erhobenen Daten die Tendenz an, dass schon länger in der Forschung tätige Wissenschaftler weniger aufrichtig handeln als ihre Kollegen, die sich in einer frühen Karrierephase befinden – in den beiden Gruppen räumen 38 beziehungsweise 28 Prozent mindestens ein Vergehen ein.

Auch die Diziplin beim Experimentieren lässt zu wünschen übrig: Gut 15 Prozent der Wissenschaftler ignorierte unpassende Beobachtungen oder abweichende Werte einer Datenreihe, weil sie diese "aus dem Bauch heraus" für falsch hielten, und 27,5 Prozent gaben an, Daten eines Forschungsprojektes mangelhaft aufgezeichnet zu haben.

Die Autoren der Studie sehen die Hauptursache für das fahrlässige Verhalten in ungünstigen Aspekten des Forschungsumfeldes. Zum einen müssten sich die Wissenschaftler im harten Wettbewerb durch häufiges Publizieren gegenüber Konkurrenten behaupten. Darüber hinaus erwüchsen durch unübersichtliche Regularien sowie administrative und leitende Aufgaben zusätzliche Belastungen. Dadurch stünden die Wissenschaftler dann unter einem enormen Druck, der sie in Versuchung führe, sich unredlich zu verhalten.

Brian Martinson und seine Kollegen halten die vorgelegten Zahlen nur für vorsichtige Schätzungen des tatsächlichen Ausmaßes. Einerseits seien womöglich tendenziell eher untadelig arbeitende Wissenschaftler bereit, auf die Briefumfrage zu antworten. Andererseits könnten auch unter den Antwortern viele befangen gewesen sein, weil sie, trotz zugesicherter Anonymität, Sanktionen befürchtet hätten. Dennoch sollten schon diese Ergebnisse Anlass für die wissenschaftliche Gemeinde sein, nicht länger selbstgefällig mit dem Problem umzugehen und es auf wenige schwarze Schafe zu schieben, schreiben die Autoren.

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