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Wissenschaftsbetrug: Falsche Studien, echtes Geschäft

Die Wissenschaft produziert Rekorde – und zugleich immer mehr Schrott. Zwischen Impact Factor und Publikationsdruck entsteht ein Markt, in dem Fälschungen wie Ware zirkulieren. Anna Abalkina, promovierte Ökonomin an der FU Berlin, kämpft gegen das illegale Geschäftsmodell der Paper Mills.
Eine Person in einem Anzug ist von einem großen Stapel Papier umgeben und streckt verzweifelt die Hand nach oben, als ob sie Hilfe sucht. Die Szene vermittelt ein Gefühl von Überforderung durch Büroarbeit oder Papierkram. Die Papiere sind unorganisiert und bedecken den gesamten Hintergrund.
Immer mehr Veröffentlichungen, und immer mehr davon sind manipuliert, gefälscht oder mehrfach veröffentlicht: Das wissenschaftliche Publikationssystem steckt in einer ernsten Krise.

Nie zuvor haben so viele Menschen so vieler Hintergründe in so vielen Ländern der Welt Wissenschaft betrieben und in kleinen und großen Schritten unser Bild des Universums verändert. Doch Sand sammelt sich im Getriebe der großen Erkenntnismaschine. Plagiate, Duplikate, fehlerhafte Veröffentlichungen, die über Jahre nicht zurückgezogen werden – all das nimmt zu und bedroht immer mehr die Basis neuer Forschung: die Glaubwürdigkeit und Integrität der bereits publizierten Literatur.

Ehrenamtliche Fachleute und zunehmend auch professionelle Fehlerjäger versuchen zwar, fehlerhafte Arbeiten aufzuspüren und aus dem Verkehr zu ziehen. Eigentlich dürfte es diese Tätigkeit gar nicht geben. Und wenn sie jemand leisten müsste, dann die milliardenschweren Wissenschaftsverlage. Doch die Flut problematischer Paper ist größer als ihr Wille (oder ihre Fähigkeit), konsequent einzugreifen.

Das Publikationssystem, in dem Verlage Forschungsergebnisse in unzähligen Fachzeitschriften vermarkten, lässt zu viele Lücken und übernimmt zu selten Verantwortung. Genau dieses System nimmt die promovierte Ökonomin Anna Abalkina ins Visier. Denn aus ihrer Sicht ist all das kein Betriebsunfall. Sondern ein Geschäftsmodell.

Manipulierte Wissenschaft

»Publish or perish« – der Druck auf Forscherinnen und Forscher, möglichst viel zu veröffentlichen, ist enorm hoch. Ganze Geschäftsmodelle basieren inzwischen darauf, fiktive Forschung in echten Fachzeitschriften unterzubringen. Doch es regt sich auch Gegenwehr: Fälschungsjäger und -jägerinnen, Science Sleuths genannt, suchen ehrenamtlich nach manipulierten Veröffentlichungen, und auch Wissenschaftsorganisationen und Verlage bauen Strukturen auf, um die Flut der Fälschungen einzudämmen. Doch sie kämpfen gegen ein weit verbreitetes und lukratives System. Unser Autor Florian Sturm wirft einen Blick auf die Ursachen und Strukturen hinter der Publikationskrise – und auf jene, die sich ihr entgegenstellen.

Wie Betrug die Wissenschaft überschwemmt

Die Betrugsjägerinnen

Falsche Studien, echtes Geschäft

Berlin, September 2025. Ich treffe Abalkina zu Kaffee und Mandelcroissant in einem kleinen französischen Café, nur wenige Gehminuten vom Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin entfernt. Als wir uns an diesem Vormittag erstmals persönlich begegnen, kennen wir uns längst aus Videogesprächen und Chats in der Sleuthing-Community.

Die Währungen der Wissenschaft

Abalkinas Fokus liegt nicht auf einzelnen Fehlern in publizierten Studien. Sie interessiert sich für das System dahinter und seine ökonomischen Verwerfungen. »Ich nehme keine Einzelpersonen ins Visier. Ich will das Geschäftsmodell der Paper Mills stören. Wenn wir genügend gefälschte Paper zurückziehen, sinkt die Nachfrage. Denn Paper Mills können keine garantierte Veröffentlichung mehr versprechen. Das ist mein Ziel.«

Seit 2019 erforscht Abalkina die wirtschaftlichen Strukturen hinter dem wohl größten industriellen Problem des wissenschaftlichen Publizierens: den Paper Mills. Unternehmen also, die für Forscherinnen und Forscher gefälschte Studien produzieren und bei Fachzeitschriften einreichen.

Denn die wissenschaftliche Veröffentlichung ist das zentrale Maß, anhand dessen die Leistung von Forscherinnen und Forschern gemessen wird. Ihre Anzahl und wie häufig die Studien von anderen Fachleuten zitiert werden, bestimmen über Projekte und Lehrstühle, mithin ganze Karrieren. Und umgekehrt entscheiden Forschungsinstitutionen immer stärker anhand quantifizierbarer Größen über Stellen und Gelder. Maßzahlen wie Impact Factor oder h-Index, die versprechen, wissenschaftliche Qualität auf eine einzelne Zahl herunterzubrechen, florieren. Und werden deshalb immer häufiger manipuliert.

Dieser Publikationsdruck erzeugt einen erheblichen Anreiz, wissenschaftliche Ergebnisse zurechtzubiegen oder andere Abkürzungen zur Veröffentlichung zu suchen. Und so entwickelte sich ein ganzes Ökosystem von Dienstleistern, die darauf spezialisiert sind, wissenschaftliche Arbeiten zu erstellen und in möglichst renommierten Fachzeitschriften unterzubringen.

Es sei ein ökonomisches Problem – auf beiden Seiten, sagt Abalkina: »Paper Mills verdienen mit gefälschten Inhalten. Und die Verlage profitieren davon, dass sie immer mehr Studien veröffentlichen, selbst wenn sie von Paper Mills stammen.«

Fälschen nach Schema F

An diesem Morgen wirkt Abalkina müde. Für ihren Biorhythmus ist es gerade kurz nach Mitternacht. Vor zwei Tagen ist sie aus Chicago zurückgekehrt. Sie hatte dort am zehnten International Congress on Peer Review and Scientific Publication teilgenommen. Auf solchen Konferenzen diskutieren Fachleute den etablierten Prozess, durch den ein Forschungsergebnis zur anerkannten Veröffentlichung wird – vom ersten Entwurf über den Peer Review, die Prüfung durch Fachkollegen, bis hin zu den Kennzahlen, anhand derer Wissenschaft zunehmend bewertet wird. Vor allem aber, welchen Herausforderungen sich dieses System gegenübersieht. Die Reise habe sich gelohnt, sagt sie: »Es war keine Policy-Konferenz, keine Veranstaltung über Kodizes oder Richtlinien.«

Abalkinas Büro ist ein schlichter Raum in einem noch schlichteren Gebäude. Fast schon trist, aber doch repräsentativ für eine Hauptstadt, die ihre eigene Armut einst als Sex-Appeal vermarktete und ihren Hochschulen im Jahr 2025 rund 140 Millionen Euro gestrichen hat. Ob sie 2026 überhaupt internationale Konferenzen besuchen könne, sei ungewiss, sagt Abalkina. Reisekosten seien im Budget erst einmal nicht drin.

Die Wirtschaftswissenschaftlerin ist zurückhaltend im Umgang, aber direkt. Jedenfalls wirkt es so. Vielleicht liegt es an ihrer analytischen Nüchternheit. Oder an einer osteuropäischen Strenge, die ihr Auftreten prägt. Abalkina wurde in Russland geboren, hat rumänische Wurzeln.

Doch sobald sie beginnt, konkreter über ihre Arbeit zu sprechen, verfliegt die Zurückhaltung. Als sie mir erklärt, woran sie Paper Mills erkennt, und wir zwei Psychologie-Studien analysieren, die vermutlich von einer solchen Fabrik stammen, wird Abalkina plötzlich hellwach und fokussiert.

Am geöffneten Laptop zeigt sie mir zwei Studien, die von einem der vier großen kommerziellen Verlage – Elsevier, Springer Nature, Wiley, Taylor & Francis – veröffentlicht wurden. »Ich sehe Hunderte solcher Arbeiten, die alle demselben Schema folgen. Manchmal ist der Inhalt kompletter Unsinn.«

»Verlage profitieren davon, dass sie immer mehr Studien veröffentlichen, selbst wenn sie von Paper Mills stammen«Anna Abalkina

Abalkina hat inzwischen ein Gefühl für die typischen Muster in verdächtigen Texten: listenartige Gliederungen, stereotype Formulierungen wie »Forschungslücke«, »theoretischer Rahmen«, »Forschungsziel« oder »Validitätstest«. In den Tabellen finden sich oft zusammenfassende Statistiken mit fragwürdigen oder unmöglichen Werten.

Lücken im System

Stößt sie auf eine solche Studie, informiert sie den jeweiligen Verlag. Denn dort, sagt Abalkina, ließe sich anhand interner Daten oft eine klare Spur finden, etwa, ob die Einreichung von einer bekannten Paper Mill stammt oder ob eine E-Mail-Adresse bereits in früheren Fällen auffällig war. »Ich habe die Research-Integrity-Abteilungen großer Verlage informiert. Trotzdem werden solche Studien weiter veröffentlicht. Das liegt unter anderem daran, dass viele Herausgeber die typischen Muster von Paper Mills nicht erkennen und die Prävention nicht zuverlässig funktioniert«, sagt Abalkina. Außerdem sei auffällig, dass Zeitschriften, die solche Artikel akzeptieren, einen sprunghaften Anstieg der Publikationen verzeichnen. Die Interessen von Paper Mills und Verlagen liefen hier in dieselbe Richtung, so die Expertin. Es soll Geld verdient werden.

Die nachträgliche Qualitätskontrolle vergleicht Abalkina mit den Augiasställen aus der griechischen Mythologie: »Alle Akteure der wissenschaftlichen Gemeinschaft stehen vor der monumentalen Aufgabe, die Literatur zu bereinigen.«

Ein strukturelles Problem dabei ist, dass es keine branchenweiten Standards gibt. Zwar existieren Richtlinien zur Dokumentation wissenschaftlicher Ergebnisse – etwa zur Bildbearbeitung, der Methodentransparenz oder zur Metadatenpflege –, doch sie sind weder einheitlich noch verpflichtend. Hinzu kommt, dass es zwischen vielen Verlagen kaum Austausch gibt. Diese Lücken im System machen es Betrügern leicht und sie werden von Paper Mills regelrecht instrumentalisiert.

Netzwerke des Betrugs

Solche als »Predatory Journals« bezeichneten Zeitschriften, die in den letzten 20 Jahren entstanden sind, sind ein weiteres Problem im System. Bei ihnen ist der Verzicht auf Prüfung das Geschäftsmodell. Man zahlt dafür, einen echt erscheinenden Artikel in einer echt erscheinenden Fachpublikation zu veröffentlichen, aber der Prozess, der Forschungsergebnisse normalerweise validiert, ist hier nicht vorgesehen.

Doch es sind vor allem die Systemfehler im regulären Veröffentlichungswesen, die Abalkina beschäftigen.

Schon als Kind, erzählt sie, habe sie Ordnung schaffen wollen. Immer wieder war da derselbe Traum: saubere öffentliche Toiletten bauen. Denn die in der Sowjetunion seien einfach furchtbar gewesen. Mit sechs oder sieben Jahren wollte sie Steuerfahnderin werden. Sie bastelte Fragebögen und ließ jeden Besucher ihrer Familie Namen, Gehalt und Wohnungsgröße angeben.

Bei der Steuerfahndung ist Abalkina nicht gelandet. Aber das Aufspüren von Paper Mills ist manchmal gar nicht so weit davon entfernt. Auch hier geht es um Strukturen, Netzwerke und systematischen Betrug.

Zu ihrem heutigen Schwerpunkt, für den der »Tagesspiegel« sie im Oktober 2025 zu den »100 Köpfen der Berliner Wissenschaft« kürte, fand Abalkina in ihrer Zeit als Forscherin in Moskau. Plagiate, sagt sie, seien in Russland spätestens seit der Transformationszeit weitverbreitet gewesen. Selbst unter ranghohen Mitarbeitern der Universität: »Weil die Universitäten so schlecht zahlten und Plagiate kaum geahndet wurden, konnten Tausende Dissertationen trotz massiver Textübernahmen verteidigt werden.«

Autorenschaft zu verkaufen

2012 wurde in Russland das Netzwerk Dissernet gegründet, eine zivilgesellschaftliche Initiative von Wissenschaftlerinnen, Journalisten und Aktivistinnen, die Plagiate in Dissertationen aufdeckte. Ab 2013 engagierte sich dort auch Abalkina. Inspiriert wurde die Initiative übrigens durch den Plagiatsskandal um den ehemaligen deutschen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg.

2019 stieß Abalkina erstmals auf eine Website, die Autorenplätze zum Verkauf anbot: den Marktplatz einer Paper Mill. Dort waren Studien samt Titel, Anzahl der Co-Autoren, geplantem Journal und Preis pro Autorenplatz gelistet. Alles öffentlich einsehbar. Abalkina begann, diese Angebote zu dokumentieren. 2021 prüfte sie, ob die angekündigten Studien tatsächlich veröffentlicht worden waren. Es waren viele. »Es geht dabei nicht nur um gekaufte Autorenschaften, sondern auch um Plagiate, gefälschte Daten und manipulierte Ergebnisse.« Gerade in der Medizin kann das tödlich sein. Schlechte Studien landen in Metaanalysen und systematischen Reviews. Sie verzögern wirksame Behandlungen, verschwenden Geld und Zeit – und verzerren den Stand der Wissenschaft.

Trotz allem, sagt Abalkina zum Abschluss unseres Gesprächs, dürfe man nicht aus den Augen verlieren, dass Wissenschaft nach wie vor Innovation hervorbringt. Auch und gerade unter schwierigen Bedingungen. Aber in manchen Bereichen sei der Betrug inzwischen so weit verbreitet, dass er echten Fortschritt behindere.

»Es geht dabei nicht nur um gekaufte Autorenschaften, sondern auch um Plagiate, gefälschte Daten und manipulierte Ergebnisse«Anna Abalkina

Um das Problem wirksam zu bekämpfen, reicht es nicht, Fehler erst nach der Veröffentlichung zu korrigieren. Es braucht mehr Aufklärung, besonders für Nachwuchsforschende. Abalkina steht stellvertretend für eine wachsende Gruppe von Menschen, die – oft ehrenamtlich – für mehr Qualität und Rechenschaft in der Wissenschaft kämpfen. Sie versuchen, eine klaffende Lücke zu schließen, die Verlage bislang offen lassen – bewusst oder aus Überforderung. Am Ende treibt sie alle dieselbe Frage um: Wie findet die Wissenschaft aus ihrer Vertrauens- und Wahrheitskrise heraus?

Weniger und besser

Erklärungen wie die »Stockholm Declaration«, die aus dem Treffen vergangenen Sommer hervorging, auf dem ich Elisabeth Bik erstmals traf, reichen nach Ansicht vieler nicht aus. Auch ich bezweifle, dass ein weiteres solches Dokument an den strukturellen Missständen etwas ändern wird. Dafür hat es schon zu viele solcher – wohlgemerkt nicht bindender – Erklärungen gegeben: Budapest (1994, 2002), Berlin (2003), Singapur (2010), San Francisco (2012), Leiden (2014), Sarajevo (2016), Hongkong (2020), Barcelona (2024) und Paris (2024). Jetzt also Stockholm.

Und wieder bleibt alles eine Empfehlung. Ohne direkte Konsequenzen. Ohne Verbindlichkeit.

Solange sich daran nichts ändert und keine klaren Sanktionen greifen, wird sich auch an der Praxis nichts ändern. Dafür ist das System zu verfilzt. Sind die kommerziellen Interessen zu stark. Sind die großen Wissenschaftsverlage zu einflussreich – und ist ihr wirtschaftlicher Vorteil aus der aktuellen Situation zu groß.

Was also tun?

Die meisten Vorschläge aus der Community lassen sich auf einen einfachen Nenner bringen: weniger publizieren und die Marktmacht der kommerziellen Großverlage massiv zurückfahren. Es könne nicht sein, dass kommerzielle Verlage jedes Jahr Milliarden aus dem Wissenschaftssystem abschöpfen und gleichzeitig Fälschungen nicht verlässlich verhindern.

Manche Stimmen gehen noch weiter: Sie fordern, die Rolle der Verlage insgesamt zu hinterfragen. Im Zeitalter digitaler, dezentraler Publikationsmöglichkeiten, so das Argument, braucht es keine Zwischeninstanz mehr, die Zugang, Sichtbarkeit und Legitimität von Forschungsergebnissen kontrolliert.

Andere stellen die Frage grundsätzlicher: Brauchen wir das Produkt des wissenschaftlichen Papers – auf dem ja alle Folgeprobleme beruhen – in seiner heutigen Form überhaupt noch? Oder ist dieses starre, langsame und manipulationsanfällige Format ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten?

Die Recherchen für diesen Artikel wurden vom Peter-Hans-Hofschneider-Recherchepreis für Wissenschafts- und Medizinjournalismus der Stiftung Experimentelle Biomedizin unterstützt.

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