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Paarungsverhalten: Wo die Liebe hinfällt

Männer interessieren sich nur fürs Aussehen, Frauen für die potenziellen Vaterschaftsqualitäten - über diese Klischees sind wir doch längst hinaus. Warum Weiblein und Männlein einander finden und zusammenhalten, lässt sich in unserer so fortschrittlichen Gesellschaft nicht mehr auf wenige Binsenweisheiten reduzieren. Doch ausgerechnet moderne Partnerfindung offenbart archaische Wurzeln.
Gleich und gleich gesellt sich gern, Gegensätze ziehen sich an: Selbst der allwissende Volksmund kann sich nicht entscheiden. Wie Lisa ihren Hans und Paul seine Gertrude fand, das bleibt manchen auf immer ein Rätsel. Vom Nachbarn bis zur Wissenschaft.

Was reizt uns ganz zu Beginn, was weckt den Wunsch, einen anderen Menschen näher kennen zu lernen – so nahe, dass daraus "Mehr" werden könnte? Selbst wenn der blonde, gemütliche Riese so gar nicht dem gehegten Traumtyp Marke feuriger Latino entspricht? Oder die resolute Brünette kaum als ersehntes zartes, scheues Reh durchgeht?

Was reizt uns?

Tausende Fragebögen, Tests und Spielchen konnten diese Fragen bisher nicht zufriedenstellend beantworten. Pures fortpflanzungsbiologisches Interesse wie signalisierte Elternschaftsqualitäten über den widergespiegelten Vater im Antlitz des Angebeteten und Attraktivitätsranking relativ zur eigenen Erscheinung bis hin zum schlichten mangelnden Angebot stehen zur Diskussion.

Peter Todd von der Universität von Indiana in Bloomington und seine Kollegen suchten daher nach einer Methode, mit der sie die geäußerten Wunschvorstellungen direkt abgleichen konnten mit einer erfolgten Wahl. "Eine Möglichkeit wäre, Paare danach zu fragen, welche Eigenschaften sie einst zu dem anderen hinzogen", erklären die Forscher. Doch diese Erinnerungen waren ihnen zu unverlässig, sie wollten lieber "Partnerwahl in freier Wildbahn" verfolgen. Und verfielen so auf Speed-Dating.

Nach wenigen Minuten Konversation sollen die Beteiligten hier entscheiden, ob sie ihr Gegenüber wiedersehen wollen – ein beliebtes Konzept angesichts zunehmender Zeitnot und mangelnden anderweitigen Kennenlernmöglichkeiten in unserer einsam machenden Berufswelt. Todd und Co sahen darin die optimale Plattform, um vorher geäußerte Vorlieben mit der endgültigen Entscheidung zu vergleichen, ohne lange Jahre warten oder auf unsichere Rückblicke vertrauen zu müssen.

Partnerwahl im Schnellverfahren

"Die begrenzte Dauer der Speed-Datings mag zu kurz erscheinen für ernsthafte Partnerwahl", räumen die Forscher ein. Studien zur Wahrnehmung Anderer hätten aber mehrfach gezeigt, dass wir unsere Urteile sehr schnell und doch treffend fällen – und zwar nicht nur hinsichtlich des Äußeren, sondern auch in versteckteren Punkten wie allgemeiner Intelligenz und verschiedenen Persönlichkeitsmerkmalen. Und obwohl diese erste Wahl noch lange nichts darüber aussage, ob sie von Erfolg gekrönt sein wird, so sei dieses erste Stadium doch entscheidend: weil es festlegt, welche Paarungen überhaupt eine Chance auf längere romantische Zweisamkeit bekommen.

Der zuvor gereichte Fragebogen verlangte von den 46 Teilnehmern die Angabe zu bestimmten Eigenschaften, die in evolutionbiologisch begründeten Modellen häufig auftauchen: Attraktivität, finanzieller Hintergrund, soziale Stellung, Gesundheit, Kinderwunsch und elterliche Qualitäten. Sie sollten angeben, wie sie sich selbst diesbezüglich einschätzten und was sie darin andererseits von einem Partner erwarteten. Hier kam es häufig zu Überschneidungen: Wer sich selbst als attraktiv einstufte, wünschte sich oft einen ebensolchen Partner. Schönheit forderten zudem auch wohlhabende Männer, unabhängig von der eigenen Erscheinung – während eine hohe Meinung des eigenen Aussehens einherging mit dem Wunsch nach einer kinderlieben Frau.

Und wie sah nun die Partnerwahl in freier Wildbahn aus? Ziemlich anders, offensichtlich: "Die Ergebnisse zeigen einen nur schwachen Zusammenhang zwischen den zuvor geäußerten Ansprüchen für Partnereigenschaften und den Vorlieben, die die Teilnehmer durch ihre Wahl letztendlich offenbaren", stellten die Wissenschaftler fest.

Wunschtraum und Realität

Bei den Frauen kristallierte sich überhaupt nur ein klarer Zusammenhang zwischen angebenenen Präferenzen und getroffener Wahl heraus: Ihre selbst eingeschätzte körperliche Attraktivität korrelierte mit der über alle betrachteten Faktoren gemittelten Partnerqualität der Männer, nicht jedoch mit einem speziellen Faktor davon. Die Männer waren etwas direkter: Suchten sie schöne Frauen, wollten sie auch genau solche tatsächlich wiedersehen. Die weibliche Attraktivität war damit der Schlüssel in den Entscheidungen beider Geschlechter.

Womit wir wieder bei der evolutionsbiologischen Erklärung für Partnerwahlsvorlieben wären: Attraktivität gilt gemeinhin als äußerliches Zeichen innerer Qualitäten in der Familienplanung. Für Männer ist damit jede Frau oberhalb eines gewissen Grenzwertes interessant, erklären Todd und seine Kollegen, was sich auch darin niederschlage, dass die männlichen Teilnehmer weit mehr Wiedersehenskandidatinnen auswählten als umgekehrt die Frauen. Diese nämlich müssen die Attraktivität und die Bereitschaft zur Kinderversorgung gegeneinander abwägen – zwei Eigenschaften, die evolutionsbiologischen Gedankengebäude als gegenläufig betrachtet werden. Eine kleinere Auswahl an Partnern, die dafür breiteren Ansprüchen genügen, dürfte Frauen damit mehr Erfolg verschaffen als die Einschränkung auf ausschließlich attraktive Männer.

"Gleich und gleich gesellt sich gern" stimmt damit genauso wenig wie "Gegensätze ziehen sich an". Aber wer über den ersten Schritt hinauskommt, der weiß sowieso: Ob eine Beziehung funktioniert, hängt nicht hauptsächlich an der äußeren Erscheinung der Beteiligten. Oder anders gesagt – wenn diese zum Problem wird, dann gibt es noch eine ganze Menge mehr zu diskutieren.

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