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Rhein-Maas-Gebiet: Wo Europas letzte Jäger und Sammler lebten

Als vor etwa 7500 Jahren die ersten Bauern nach Europa kamen, verdrängten sie die angestammten Jäger und Sammler. Doch in einer Region in Westeuropa hielten sich die Wildbeuter jahrtausendelang und bildeten den Ursprung einer rätselhaften Gruppe.
Eine Gruppe von Menschen fährt in einem kleinen Boot über einen ruhigen See bei Sonnenuntergang. Der Himmel ist in warmen Gelb- und Orangetönen gefärbt, während sich die Silhouetten der Bäume am Horizont abzeichnen. Die Wasseroberfläche spiegelt die Farben des Himmels wider und verstärkt die friedliche Atmosphäre der Szene.
Vermutlich paddelten auch die jungsteinzeitlichen Wildbeuter mit Booten auf Rhein und Maas. Im Bild fahren Menschen mit dem Einbaum über den Pilchicocha-See in Ecuador.

Jahrtausendelang boten die Feuchtgebiete im Westen Europas Jägern und Sammlern ein Refugium. Diese Menschen, die während der Jungsteinzeit am Niederrhein, an der Maas und im Rhein-Maas-Delta – in den heutigen Niederlanden, Belgien und Westdeutschland – lebten, bewahrten einen hohen Anteil an genetischem Erbe von Wildbeutergruppen. Ihr Genprofil blieb selbst dann noch unverändert, als große Teile Europas bereits durch aufeinanderfolgende Migrationen aus dem Osten, beginnend vor etwa 9000 Jahren, in Ackerbauer- und Viehzüchtergemeinschaften übergegangen waren. Diese neuen Erkenntnisse wurden am 11. Februar in einer Studie im Fachblatt »Nature« veröffentlicht.

Offenbar hatte sich die Menschen im Rhein-Maas-Gebiet sehr lange nicht mit Außenstehenden vermischt, erklärt David Reich, Populationsgenetiker an der Harvard Medical School in Boston und einer der Studienleiter. »Es war wirklich eine Insel der Beharrlichkeit und des Widerstands gegen die Einbeziehung externer Abstammung.« 

Seit zwei Jahrzehnten versuchen Labore zur Erforschung alter Genome, darunter auch das von Reich, die Bevölkerungsgeschichte Europas in den vergangenen 10 000 Jahren in groben Zügen nachzuzeichnen. Ihre Forschungen zeigten bisher, dass die angestammten Jäger und Sammler mal mehr, mal weniger von Bauern aus dem Vorderen Orient verdrängt wurden. Die Bauern wiederum wurden später von Viehzüchtern abgelöst, deren Vorfahren von der Jamnaja-Kultur aus der eurasischen Steppe abstammten, nördlich des Schwarzen und Kaspischen Meers.

Das steinzeitliche Europa veränderte sich nicht überall in gleicher Weise

Genetikern – und erst recht Archäologen – war jedoch schon lange klar, dass detailliertere Untersuchungen einzelner Regionen das Gesamtbild verfeinern und Ausnahmen sichtbar machen könnten. So legten archäologische Funde im Rhein-Maas-Gebiet nahe, dass die dortigen Menschen lange Zeit die Lebensweise als Jäger und Sammler fortgesetzt hatten. Allerdings hatten sie auch bestimmte Ackerbautechniken sowie typische Keramikstile und Bestattungssitten übernommen. Es gab also einen kulturellen Austausch – sowohl mit frühen Bauern als auch später mit Gruppen, die ursprünglich aus der eurasischen Steppe kamen.

Als Reich und seine Kollegen die Gendaten von 112 Individuen aus der Zeit von 8500 bis 1700 v. Chr. analysierten, stellten sie fest, dass die Bewohner des Rhein-Maas-Gebiets über Jahrtausende hinweg einen hohen Anteil an Wildbeutererbgut beibehalten hatten. Und das noch lange, nachdem die Jäger und Sammler in den Nachbarregionen des heutigen Frankreichs, Deutschlands und Großbritanniens verschwunden waren. In dem Flickenteppich aus Feuchtgebieten, bewaldeten Flussdünen und Küstenstreifen war Ackerbau wohl kaum möglich gewesen. Hingegen dürfte die Umgebung solche Gemeinschaften zusammengeführt haben, die am und vom Wasser lebten.

Doch die Jäger und Sammler aus dem Rhein-Maas-Gebiet vermischten sich auch mit Außenstehenden. Wie die Forschenden herausfanden, allerdings sehr einseitig, was das Geschlecht betraf. So legt die genetische Diversität ihrer X- und Y-Chromosomen nahe, dass überwiegend Frauen das Erbgut der europäischen Bauern in die Gemeinschaften eingebracht hatten.

»Wir sind überzeugt, dass die Elemente der bäuerlichen Lebensweise, die diese Jäger-und-Sammlergruppen übernommen haben, durch Frauen eingeführt wurden«, sagt Co-Autorin Eveline Altena, Archäogenetikerin am Medizinischen Zentrum der Universität Leiden. Das sei überraschend, findet die Archäologin Daniela Hofmann von der Universität Bergen, die nicht an der aktuellen Studie mitgewirkt hat. Nun gelte es herauszufinden, welche sozialen Prozesse die Bäuerinnen dazu gebracht hatten, sich den Wildbeutern anzuschließen.

Ankunft der Glockenbecherkultur

Die Wildbeuterbauern an Rhein und Maas vermischten sich zunächst kaum mit Menschen, die ursprünglich aus der eurasischen Steppe kamen. Anderswo in Europa hatte sich die Steppenabstammung bereits ab etwa 3000 v. Chr. stark ausgebreitet. Reichs Team fand heraus, dass deren Erbgut bei den Rhein-Maas-Gruppen erst nach 2500 v. Chr. gehäufter auftrat. Dieser Moment fiel zusammen mit dem Auftreten von Objekten des sogenannten Glockenbecherphänomens. Dazu gehören die typisch glockenförmigen Keramikbehälter, nach denen Fachleute diese Kultur benannt haben, ferner Pfeilspitzen, steinerne Armschutzplatten, Kupferartefakte und spezielle Bestattungssitten.

Damit sei ein großes Rätsel über die Ausbreitung der Glockenbecherkultur angesprochen, erklärt Reich. Diese scheint auf der Iberischen Halbinsel, also im heutigen Spanien und Portugal, aus Gruppen ohne Steppenabstammung hervorgegangen zu sein; danach breitete sie sich in Westeuropa aus. Eine Studie von Reichs Team aus dem Jahr 2018 ergab, dass Angehörige der Glockenbecherkultur, die große Anteile an Steppenerbgut in sich trugen, die jungsteinzeitliche bäuerliche Bevölkerung Britanniens – die Erbauer von Stonehenge und anderen neolithischen Monumenten – nahezu vollständig verdrängten.

Reichs Team dokumentierte eine genetische Mischung, die entstand, als die Bewohner des Rhein-Maas-Gebiets auf Gruppen mit Steppengenen trafen. Das genetische Profil der Nachkommen bildete den hauptsächlichen Ursprung jener Glockenbecherleute, die nach Britannien gewandert waren.

Die große Frage sei nun, so der Archäologe Marc Vander Linden von der Bournemouth University, warum die Ankunft der Glockenbecherkultur mit derart massiven Veränderungen in der genetischen Zusammensetzung sowohl der Menschen in Britannien als auch jenen im Rhein-Maas-Gebiet einherging. Einige Forscher vermuteten bisher, dass Gewalt, Epidemien oder Hungersnöte die Auslöser dafür waren, aber für diese Thesen gebe es kaum Belege, so Vander Linden. Archäogenetikerin Eveline Altena geht nicht von einer einzigen Ursache aus. »Wir denken, es war wahrscheinlich eine Kombination von Faktoren.«

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  • Quellen
Olalde, I. et al., Nature 10.1038/s41586–026–10111–8, 2026

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