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Mutualismus: Wo Mensch und Vogel ein Team bilden

In einem Dorf in Mosambik hat sich eine nützliche Beziehung zwischen den Dorfbewohnern und einer Vogelart entwickelt. Beide helfen sich bei der Suche nach Honig.
Der Dorfbewohner Orlando Yassene mit einem Honiganzeiger in Mosambik.Laden...

Der Name Großer Honiganzeiger (Indicator indicator) deutet es schon an: Der Vogel weist Menschen darauf hin, wo sie die Stöcke wild lebender Bienen finden können. Die Honiganzeiger schätzen die Waben und Larven der Bienenstöcke, kommen aber ohne Hilfe der Menschen an diese nicht heran. Umgekehrt schätzen die Bewohner ländlicher Regionen den Honig, finden aber nicht so leicht die Nistplätze der Insekten. Durch die Zusammenarbeit profitieren beide jeweils, denn die Honigsammler überlassen ihren tierischen Helfern den gewünschten Bienennachwuchs samt deren Behausung. Diese Beziehung funktionierte früher wahrscheinlich in weiten Teilen des Verbreitungsgebiets der Honiganzeiger, sie findet sich jedoch nur noch selten – Zucker und andere Süßungsmittel sind heute leichter und ohne Stichgefahr erhältlich.

Mit einem Ruf locken die Dorfbewohner die Honiganzeiger gezielt an, um mit ihnen auf die Jagd nach wilden Bienenstöcken zu gehen.Laden...
Männlicher Honiganzeiger | Mit einem Ruf locken die Dorfbewohner die Honiganzeiger gezielt an, um mit ihnen auf die Jagd nach wilden Bienenstöcken zu gehen.

In einem Teil von Mosambik arbeiten allerdings Mitglieder der Yao-Ethnie bislang noch weiter mit den Vögeln zusammen – und locken sie sogar gezielt herbei, um mit ihnen auf die Jagd zu gehen. Dadurch erhöht sich für beide Seiten die Erfolgsquote deutlich, wie Claire Spottiswoode von der Cambridge University und ihre Kollegen in "Science" schreiben. Die Yao verwenden seit Generationen einen bestimmten Lockruf, auf den die Honiganzeiger reagieren, um dann herbeizufliegen und mit den Menschen zu kommunizieren. Mit Erfolg, wie die Forscher experimentell testeten: Sie suchten selbst nach Bienennestern und spielten dann in der Nähe drei verschiedene "Rufe" gleicher Wellenlänge ab. Dabei handelte es sich zum einen um die korrekten Brr-Hhm-Laute der Yao, zum anderen um Gemurmel von Menschen und einmal um Tierlaute. Wie erwartet siegte die Tradition, denn mit Hilfe des Brr-Hhm verdoppelte sich die Wahrscheinlichkeit, dass ein Honiganzeiger die Menschen aufsucht und führt, verglichen mit den Kontrolllauten von etwa 33 auf 66 Prozent. In mehr als der Hälfte der Fälle entdecken die Honiganzeiger dann auch das Nest und warten geduldig, bis es ausgeräuchert wurde.

Die Yao gaben an, dass sie die Rufe von ihren Vätern und Großvätern gelernt haben; sie würden über die Generationen weitergegeben. Umgekehrt fliegen die Honiganzeiger auch gezielt zu Menschen, wenn sie selbst auf einen Bienenstock gestoßen sind, und führen diese zum Nest. Insgesamt führt die Zusammenarbeit des Teams in 75 Prozent der Fälle zum Erfolg. "Diese Zusammenarbeit ist ein extrem seltenes Beispiel für Gegenseitigkeit zwischen frei lebenden Wildtieren und unserer eigenen Spezies", so Spottiswoode. Wie die jungen Honiganzeiger lernen, auf das Brr-Hhm zu fliegen, ist allerdings unklar. Die Vögel sind Brutparasiten und legen ihre Eier in fremde Nester, so dass die Jungen die Laute nicht von ihren eigenen Eltern lernen können.

Ein anderer Fall von gezielter Zusammenarbeit zwischen Mensch und Honiganzeiger existiert zudem in Kenia, mehr als 1000 Kilometer entfernt. Die dort ansässigen Hadza verwenden allerdings einen völlig anderen Pfiff, um die Honiganzeiger zu rufen. Dieser Mutualismus hat sich also wahrscheinlich in vielen Teilen Afrikas unabhängig voneinander entwickelt. "Wir möchten wissen, wie die Honiganzeiger gelernt haben, mit Menschen zusammenzuarbeiten und mit wem sich dies lohnt", sagt Spottiswoode.

30/2016

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 30/2016

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