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Kreativität: Wo nehmen Künstler ihre lebhafte Fantasie her?

Wenn sich Kunstschaffende eine fiktive Welt ausdenken, ist bei ihnen ein neuronales Netzwerk aktiv, das sich bei anderen Menschen meist nur beim Ruhen und Tagträumen regt.
Ein heißluftballonförmiger Kopf hebt vom Körper ab, im schwebenden Korb sitzt ein Mensch und guckt durch ein Fernrohr. Laden...

Fünfjährige erfinden imaginäre Freunde; Teenager können sich vorstellen, verliebt zu sein; und Erwachsene planen das berufliche Fortkommen, einen Hauskauf oder eine Weltreise. Wir alle besitzen eine gewisse Vorstellungskraft und setzen sie im Alltag ein. Doch wenn wir uns etwas vorstellen wollen, was weit von unserer zeitlichen oder räumlichen Realität entfernt ist – vielleicht die Welt im Jahr 2500 oder wie es wäre, auf dem Mond oder dem Mars zu leben –, dann fällt es uns oft schwer, die Szenen vor unserem inneren Auge erscheinen zu lassen.

Seit Jahrzehnten versuchen Neurowissenschaftler und Psychologen zu verstehen, was genau im Gehirn vor sich geht, wenn wir unserer Vorstellungskraft freien Lauf lassen, und was ihr Grenzen setzt. In einer neuen Studie im »Journal of Personality and Social Psychology« berichten Forschende nun, dass es Menschen mit kreativen Berufen leichter zu fallen scheint, mentale Barrieren zu überwinden und ungewöhnliche Ideen zu ersinnen. Das lasse sich zum Teil damit erklären, dass sie ihre innere Vorstellungswelt auf die ferne Zukunft, unbekannte Orte oder eine fiktive Wirklichkeit ausdehnen, indem sie auf ein bestimmtes Netzwerk im Gehirn zugreifen: den dorsomedialen Teil des so genannten Default-Mode-Netzwerks.

Zu diesem Netzwerk gehören mehrere miteinander verbundene Hirnregionen, darunter der mediale präfrontale Kortex, der hintere zinguläre Kortex, der Gyrus angularis und der Hippocampus. Sie stehen miteinander in Austausch, wenn wir tagträumen, uns zufällig an etwas erinnern oder fremde Absichten erkennen. Einige Studien deuten darauf hin, dass sie außerdem bei Zukunftsvisionen eine Rolle spielen.

Demnach könnten bestimmte Schaltkreise im Default-Mode-Netzwerk dazu beitragen, dass wir beim Vorstellen von unbekannten, aber naheliegenden Situationen aus unseren Erfahrungen schöpfen. Zum Beispiel erinnern wir uns an Einrichtung und Düfte eines vertrauten Cafés, wenn wir überlegen, ein neues Café in derselben Stadt auszuprobieren. Doch bei kreativen Menschen sind andere Schaltkreise im Default-Mode-Netzwerk beteiligt, sobald sie sich Szenarien fernab von allem Bekannten vorstellen sollen, die sich nicht so einfach aus damit assoziierten Erfahrungen neu zusammensetzen lassen. So etwa Romanautoren: »Sie stellen sich die Perspektive einer anderen Person in einer Umgebung vor, die nicht zu ihrer eigenen unmittelbaren Realität gehört«, sagt Meghan Meyer, Juniorprofessorin für Psychologie und Hirnforschung am Dartmouth College in New Hampshire und Erstautorin der Studie.

Wenn es um Vorstellungen von einer fernen Zukunft ging, regte sich das Default-Mode-Netzwerk nur bei den Kreativen

Um herauszufinden, wie sich Menschen mit kreativen Berufen ein so lebhaftes Bild von einer fernen oder fiktiven Wirklichkeit machen können, führten Meyer und ihre Kollegen drei Experimente durch. Zuerst baten sie 300 zufällig ausgewählte Versuchspersonen, sich eines der folgenden Szenarien vorzustellen: die Erde in 500 Jahren, ein Leben als wütender Diktator oder eine Welt, die nur aus einem Kontinent besteht. Darüber hinaus sollten sie sich so viele Arten wie möglich ausdenken, einen Stift zu gebrauchen oder ein Megafon weiterzuentwickeln. Eine gute Note für Imaginationskraft bekam, wer sich bei diesen Aufgaben besonders kreativ zeigte.

Anschließend wiederholte das Team seine Tests mit 100 weiteren Versuchspersonen, die Auszeichnungen für ihre Kreativität beim Schreiben, in den bildenden Künsten, in der Schauspiel- oder Regiearbeit erhalten hatten. Dieselben Aufgaben absolvierten Probandinnen und Probanden, die beruflich im Finanzsektor, in der Rechtswissenschaft oder der Medizin erfolgreich waren. Die Kreativen übertrafen sie allerdings darin, wie anschaulich sie die Situationen schriftlich darstellen und sich nach eigenen Angaben auch vor dem inneren Auge vorstellen konnten.

Meyer und ihr Team fragten sich, ob Menschen in kreativen Berufen einfach stärkere »Vorstellungsmuskeln« hätten, so wie professionelle Baseballspieler einen robusteren Wurfarm haben als Nichtsportler. Um etwaige Muskeln zu beobachten, zeichneten sie die Hirnaktivität von 27 Kreativen und 26 Kontrollprobanden mittels funktioneller Magnetresonanztomografie auf. Das neuronale Geschehen der Berufsgruppen sah ähnlich aus, wenn sie sich lediglich die nächsten 24 Stunden vorstellen sollten. Aber wenn es darum ging, sich Ereignisse in der weiteren Zukunft vorzustellen, regte sich das dorsomediale Default-Mode-Netzwerk bei der Kreativgruppe, nicht jedoch bei der Kontrollgruppe. Und auch wenn sie gerade ruhten, also keine Aufgaben erledigten, war das Netzwerk bei den Kreativen stärker aktiv als bei den anderen Berufsgruppen.

»Für das Verständnis des kreativen Gehirns ist das ein großer Fortschritt«, kommentiert der Psychologe Roger Beaty von der Penn State University die Studie, an der er nicht beteiligt war. »Die Ergebnisse geben Aufschluss darüber, wie sich das Gehirn verschiedene Situationen vorstellen kann und was Kreative so besonders gut darin macht, sich eine Wirklichkeit fernab ihrer eigenen vorzustellen.«

Die Ergebnisse verraten auch etwas über die Art und Weise, wie wir andere Menschen begreifen. Das dorsomediale Default-Mode-Netzwerk ist offenbar daran beteiligt, wenn wir über Perspektiven nachdenken, die sich deutlich vom eigenen Erleben unterscheiden. So könnte es Menschen auch besser dazu in die Lage versetzen, sich in andere einzufühlen und einzuschätzen, wie etwa künftige Generationen die heutige Politik beurteilen werden, sagt der Psychologe Daniel Schacter von der Harvard University, der ebenfalls nicht an den Experimenten von Meyer und ihren Kollegen beteiligt war. Die nächste große Frage sei, ob sich die Aktivierung des dorsomedialen Default-Mode-Netzwerks trainieren lasse. Wenn ja, dann könnten Malkurse oder andere kreative Tätigkeiten die Fantasie anregen und uns allen helfen, einander besser zu verstehen.

6/2019 (November/Dezember)

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum Psychologie, 6/2019 (November/Dezember)

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