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Rituale: Wo Trauernde lächeln

Jeder trauert unterschiedlich. Weinen um einen geliebten Menschen etwa gehört in vielen Kulturen zur Trauerarbeit hinzu, in anderen Kulturen wird gelächelt. In einigen Ländern ist lautes Wehklagen üblich, in unserem Kulturkreis ist es verpönt.
Frau auf SchaukelLaden...

Sterben muss jeder. Alle Gesellschaften und Kulturen sind mit dem Thema Sterben und Tod konfrontiert. Wir alle müssen uns früher oder später damit auseinandersetzen. Die Psychologen Margaret Stroebe und Henk Schut haben in ihren Studien herausgefunden, dass Trauer eine universelle menschliche Reaktion auf den Tod eines nahestehenden Menschen ist. Allerdings gibt es beim Umgang mit dem Tod und im Ausdruck von Trauer große Unterschiede. Jeder Mensch ist geprägt: von seiner Erziehung, von seiner Kultur und von seinen – nicht zuletzt altersabhängigen – Erfahrungen. Differenzen gibt es zum Beispiel zwischen städtischem und ländlichem Raum. Auch in einem weitgehend homogenen Kulturkreis trauern Menschen auf unterschiedliche Weise. Sogar innerhalb einer Familie kann sich Trauer verschieden ausdrücken.

Stroebe und Schut haben diverse Erscheinungsformen von Trauer klassifiziert. So gibt es neben den emotionalen, mentalen und körperlichen Reaktionen auch Verhaltensänderungen. Zu den emotionalen Reaktionen gehören Schwermut, Schuldempfinden, Wut oder Einsamkeitsgefühle. Mit Appetitlosigkeit oder Schlafstörungen zeigt sich die Trauer körperlich, mental in Hilf- und Hoffnungslosigkeit, in geringerer Selbstachtung oder in Konzentrationsstörungen. Typische Verhaltensweisen von Hinterbliebenen sind Aufregung, Rückzug aus dem sozialen Umfeld oder Weinen.

Trennung zwischen westlicher und nichtwestlicher Welt

Die Wissenschaftler haben jedoch festgestellt, dass diese Reaktionen nicht universell sind. In manchen Kulturen sind der Ausdruck von Trauer und der offene Umgang damit etwas Selbstverständliches, in anderen ist es verpönt, sein Leid zu zeigen. Eine Trennlinie verläuft zwischen Kulturen der westlichen und der nichtwestlichen Welt. So sind etwa Klageweiber und lautes Weinen von Hinterbliebenen in Ägypten sowie in einigen ländlichen Regionen Südosteuropas Teil des Trauerprozesses. In der westlichen Gesellschaft hingegen findet die Trauerarbeit vornehmlich im privaten Raum statt. Weinen als Zeichen der Trauer ist auf der Welt zwar weit verbreitet, gehört aber längst nicht in jeder Kultur dazu. Balinesen etwa lächeln angesichts des Todes. Das müsse nicht fehlenden Schmerz bedeuten oder gar Freude, so Stroebe und Schut. Vielmehr sei das Lächeln "ein verzweifelter Versuch, Emotionen im Beisein der anderen Hinterbliebenen zu kontrollieren". Bei den Balinesen gelte das offene Zeigen der Trauer als ungerecht den anderen gegenüber: Trauer, so glauben sie, sei schädlich für die Gesundheit. Man müsse es begrenzen, um schlimme Konsequenzen zu vermeiden.

Menschen trauern auch unterschiedlich lange. Während Witwen und Witwer in unserer westlichen Kultur ein Jahr um ihren Ehepartner trauern, zeigen die traditionellen Navajo-Indianer, die größtenteils in Arizona, New Mexiko und Utah leben, ihren Schmerz lediglich vier Tage lang. Anschließend kehren sie zum Alltag zurück. Der Ausdruck von Trauer oder gar das Sprechen über den Verstorbenen gilt dann als unangemessen – vermutlich aus Angst vor der Macht des Geistes des Toten. Auch die äußerlich sichtbaren Zeichen der Trauer, die sich etwa in der Farbe der Kleidung ausdrückt, unterscheiden sich voneinander. Gilt Schwarz in Mitteleuropa und Nordamerika als Farbe der Trauer, so trauern die Menschen in manchen lateinamerikanischen Ländern in Weiß. In Thailand oder Japan gilt ebenfalls Weiß oder ein helles Grau als Farbe der Trauer und des Todes. Chinesen wiederum nutzen neben Weiß auch Dunkelblau als Trauerfarbe. Im alten Ägypten drückten die Menschen ihre Trauer mit gelber Kleidung aus.

In den 1970er Jahren hat die Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross ein Stufenmodell entworfen, dem zufolge alle Trauernden fünf Phasen durchlaufen: Nicht-wahrhaben-Wollen, Zorn, Verhandlungen mit einer höheren Gerechtigkeit, Depressionen und schließlich Akzeptanz. In den 1980er Jahren hat die Schweizer Psychologin Verena Kast ein Modell des Trauerprozesses entwickelt, das gemeinsam mit dem Stufenmodell von Kübler-Ross in der Forschung lange als Grundlage für das Verständnis von Trauer galt. Laut Kast gibt es vier Phasen beim Trauern: zuerst das Leugnen oder Nicht-wahrhaben-Wollen, dann herausbrechende Emotionen, darauf das Suchen, Finden und Loslassen und schließlich, als vierte Phase, Akzeptanz und Neuanfang. Alles in allem kann dieser Prozess mehrere Jahre dauern.

Trauernde durchlaufen parallel zwei Prozesse

Da allerdings jeder Mensch individuell trauert und sich diese Phasen empirisch nicht bestätigen ließen, ist die Trauerforschung von den Phasenmodellen und ihrer strikten Abfolge inzwischen abgerückt. Obwohl einzelne der genannten Trauerphasen bei vielen Hinterbliebenen ablaufen, lässt sich das nicht verallgemeinern. Heute greifen Wissenschaftler auf das so genannte duale Prozessmodell zurück. Dessen Grundlage geht auf die Forschung von Margaret Stroebe und Henk Schut zurück. Ihm zufolge durchlaufen Trauernde zwei Prozesse parallel. Einerseits blicken die Hinterbliebenen in die Vergangenheit und erinnern sich an die Zeit, als der Verstorbene noch lebte. Andererseits blicken sie in die Zukunft und setzen sich mit dem Leben ohne den geliebten Menschen auseinander. Betroffene können mehrmals täglich zwischen beiden Standpunkten hin und her wechseln, was den Umgang mit ihnen erschwert.

Mann auf dem FriedhofLaden...
Mann auf dem Friedhof | Wer schwere Notlagen erlebte, zum Beispiel den Tod einer nahestehenden Person, besitzt im Schnitt einen etwas kleineren präfrontalen Kortex.

Die Stunden und Tage nach dem Tod eines Menschen sind jedoch von Ritualen bestimmt. Diese bieten den Trauernden Orientierung und Halt. Alle großen Weltreligionen haben ihre eigenen Regeln zum Tod, zum Umgang mit Verstorbenen, zur Bestattung und zur Trauer, die fest im Glauben verankert sind. Grob gesagt: Christen glauben an die Wiederauferstehung und das Jenseits, Hindus an die mehrfache Wiedergeburt, Atheisten an die Endgültigkeit des Todes. Christen gilt zudem die Seele des Menschen als unsterblich. Die Augen des Toten werden geschlossen, der Körper wird gewaschen und angezogen. Sein Gesicht wird für die Aufbahrung geschminkt, die mehrere Tage dauern kann, bevor er beerdigt wird. Lange galt die Einäscherung als Sünde und als Strafe für Sünder, doch dies gilt längst nicht mehr. Hinterbliebene kommen am Tag der Beerdigung oft zum Leichenschmaus zusammen. Beim gemeinsamen Essen und Trinken erinnert man sich in Gesprächen oder mit Fotos an den Verstorbenen und spendet sich gegenseitig Trost.

Für manche Kulturen ist der Tod nur ein Übergang

Für Hindus stellt der Tod den Übergang in eine neue Existenz dar. Sie glauben an einen unsterblichen Kern in jedem Lebewesen: Der Mensch legt im Tod einfach seinen Körper ab. Das größte Glück besteht für Hindus darin, in der indischen Stadt Varanasi am Fluss Ganges verbrannt zu werden. Stadt und Fluss gelten als heilig. Auch die Buddhisten glauben an die Wiedergeburt. Wer stirbt, beginnt woanders ein neues Leben. Obwohl ihnen das Erreichen des Nirwana als höchstes Ziel gilt, ist der Tod eine schmerzhafte Erfahrung. Buddhisten dürfen ihre Gefühle offen zeigen, dennoch gedenken viele der Verstorbenen ohne großes Aufsehen. Wenn Hinterbliebene trauern, entzünden sie dabei oft Räucherkerzen. Wie im Hinduismus wird auch im Buddhismus der Leichnam verbrannt. Doch anders als etwa im Islam, wo der Körper schnellstmöglich beerdigt wird, bahrt die Familie den Toten einige Tage vor der Einäscherung auf.

Im Islam gehören Leben und Tod zusammen. Das irdische Leben gilt Muslimen als Vorstufe zum Paradies. Von den bereits erwähnten Klageweibern in Ägypten abgesehen, zeigen Muslime ihre Trauer nur verhalten. Lautes Weinen und Klagen könnte darauf hindeuten, dass die Hinterbliebenen an der Entscheidung Gottes zweifeln, einen Menschen zu sich zu holen. Vor der Beisetzung wird der Verstorbene gewaschen, der Körper anschließend in ein weißes Laken gehüllt. Im Tod werden soziale Unterschiede negiert: Das Grab, in das der Gläubige noch am selben Tag gelegt wird, ist meistens schlicht und schmucklos. Lediglich in einem Laken wird der Leichnam im Grab auf die rechte Seite gebettet und schaut Richtung Mekka. Im traditionellen Islam trauern Männer und Frauen getrennt, wobei die Frauen eher im Haus bleiben. Die Männer zeigen ihren Schmerz auch in der Öffentlichkeit. Allerdings trauern Sunniten nicht über einen längeren Zeitraum. Schiiten hingegen gedenken der Toten jährlich im Trauermonat Muharram.

Im Judentum geht es nach dem Tod eines Menschen recht schnell: Ähnlich wie im Islam sollen nicht mehr als 24 Stunden verstreichen, bis ein Leichnam bestattet ist. Der wichtigste Brauch heißt "Schiwa" (Sieben): Die engsten Angehörigen empfangen nach der Beerdigung sieben Tage lang Besucher zu Hause. Freunde, Nachbarn und Bekannte kommen vorbei, spenden Trost und bringen nicht selten Essen mit. So ist die Familie eine Woche lang mit ihrer Trauer nicht allein. Doch es ist dem Besuch verboten, das Gespräch zu beginnen: Man wartet, bis die Trauernden sprechen. So wird sichergestellt, dass die Betroffenen selbst bestimmen, wann sie reden wollen, und Gäste ihnen keine gut gemeinten, vermeintlich tröstenden Worte aufdrängen. Auch der jüdische Glauben ist im Kern egalitär: Im Tod sind alle gleich, Bestattungen laufen bescheiden ab. Die Toten werden in der Regel in ein Leinentuch gewickelt, allenfalls in einem schlichten Holzsarg beerdigt.

45/2016

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 45/2016

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