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Artenschutz

Wohin verschwanden die Seevögel?

Seevogelkolonien zeichnen sich normalerweise durch dichtes Gedränge aus. Doch das gehört langsam der Vergangenheit an: Ihre Zahl ist drastisch zurückgegangen.
Seevögel

Sie ertrinken in Netzen und an Langleinen, sterben bei Tankerunfällen durch das Öl oder verhungern einfach, weil ihnen die Nahrung abhandenkommt: Seevögel gehören heute zu einer der am stärksten gefährdeten Gruppen unter den Vögeln. Das bestätigen auch neue Zahlen von Michelle Paleczny von der University of British Columbia in Vancouver und ihrem Team: Sie hatten Daten von weltweit gelegenen Seevogelkolonien aus der Zeit zwischen 1950 und 2010 ausgewertet – Werte, die etwa ein Fünftel des globalen Bestands abdecken. In den letzten 60 Jahren ging demnach an diesen Orten die Zahl der Tiere insgesamt um 70 Prozent zurück. Angesichts der großen Datenbasis halten Paleczny und Co diesen Trend auch prinzipiell für repräsentativ – schließlich mehrten sich in den letzten Jahren die Hiobsbotschaften aus verschiedenen Teilen der Welt, wo komplette Brutstandorte von verschiedenen Arten aufgegeben worden waren.

Die Gründe hierfür sind regional vielschichtig, die großen Einflussfaktoren treten allerdings weltweit auf: Seevögel nisten bevorzugt auf abgelegenen ozeanischen Inseln, auf denen sie relativ sicher vor Fressfeinden waren: Eingeschleppte Arten wie Ratten, Mäuse, Katzen oder Schweine dezimieren sie nun jedoch vielerorts – und das oft gleich doppelt. Denn sie fressen Eier und Küken ebenso wie erwachsene Tiere bei den kleineren Spezies. In manchen Jahren beträgt der Brutausfall 100 Prozent, was natürlich keine Population dauerhaft überlebt. Auf der pazifischen Insel Henderson oder South Georgia im Atlantik ging die Zahl der Brutpaare vieler Arten deshalb von mehreren Millionen auf wenige zehntausend zurück. Auf hoher See bilden immer noch Fischfangschiffe eine große Gefahr: Die Vögel ertrinken in Netzen oder an Langleinen. Zudem macht ihnen die Überfischung der Meere zu schaffen; in der Nordsee und Teilen des Atlantiks können die Tiere ihre Küken in vielen Jahren mittlerweile nicht mehr ausreichend versorgen, weil beispielsweise Sandaale als Futterfische fehlen.

Die Erwärmung der Ozeane verschiebt zudem Verbreitungsgebiete von Fischen, denen die Seevögel nicht immer zeitig folgen. Sie bleiben traditionellen Brutkolonien lange treu. Dazu kommen Katastrophen wie Tankerunglücke, bei denen immer wieder zehntausende Tiere durch Ölverschmutzungen sterben. Normalerweise verkraften die Bestände solche Einbrüche, da Seevögel meist langlebig sind. Gefährlich werden diese Unglücke jedoch, wenn sie in der Nähe von Brutplätzen stattfinden, die den einzigen oder einen von wenigen Standort für bestimmte Arten wie Pinguine oder Albatrosse bilden.

Besonders bedroht sind vor allem Arten, die weit über das Meer streichen, um Nahrung zu finden oder ihre entlegenen Brutplätze aufzusuchen – etwa Albatrosse und Sturmvögel. Weniger betroffen sind dagegen Spezies, die sich vor allem in Küstennähe aufhalten. Verschiedene Gegenmaßnahmen sollen den Schwund aufhalten: Viele Fischer haben mittlerweile Methoden eingeführt, um ihre Langleinenfangtechnik sicherer zu machen: Sie sollen verhindern, dass Seevögel nach den Ködern schnappen und dann am Haken hängend in die Tiefe gezogen werden. Mit speziellen Bekämpfungsmaßnahmen sollen zudem Inseln wieder von Mäusen oder Ratten befreit werden – was die Vögel rasch mit steigendem Bruterfolg danken.

28/2015

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 28/2015

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