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Sozialpsychologie: "Wollen diese Hände niemals sauber werden?"

Gute Engel sind weiß - schwarz ist das aus der Art geschlagene Schaf. Redewendungen zuhauf verwenden "schmutzig", "dreckig", "befleckt" oder "schwarz" als Synomym für moralisch Zweifelhaftes und "sauber", "rein", "unbefleckt" oder "weiß" als Synonym für moralisch Einwandfreies - und das nicht nur in der deutschen Sprache. Steckt da mehr dahinter?
Haende waschenLaden...
Wir Deutschen haben ein reines Gewissen, und klebt doch mal Dreck am Stecken, waschen wir die Hände in Unschuld und ziehen die strahlend weiße Weste über. Mit unserer schmutzigen Fantasie denken wir uns ebenso schmutzige Tricks aus und grinsen dabei auch noch dreckig. Wir ziehen jemanden durch den Dreck oder bewerfen ihn sogar damit, waschen die schmutzige Wäsche anderer und sagen dabei aber nichts als die reinste Wahrheit, denn wir sind ja die reine Unschuld in Person und haben eine unbefleckte Vergangenheit.

Nicht nur die Sprache offenbart einen möglichen Zusammenhang von moralischer und körperlicher Reinheit. Auch in vielen Religionen wird ein nicht unbedingt nur symbolischer Akt der Waschung oder Reinigung durchgeführt, der den Geist von bösen, beziehungsweise ketzerischen Gedanken und Taten befreien soll. Die christliche Taufe zum Beispiel ist nur eines dieser religiösen Rituale.

Chen-Bo Zhong von der Universität Toronto und die an der Northwestern-Universität in Chicago forschende Katie Liljenquist wollten klären, ob eine Bedrohung oder Kompromittierung des moralischen Selbstbildes tatsächlich zu einem verstärkten Drang führt, sich, oder wenigstens irgendetwas, zu waschen oder zu reinigen – sinnfällig benannt als Macbeth-Effekt, nach der Shakespeare'schen Romanfigur der Lady Macbeth. "What, will these hands ne’re be clean?", fragt sie sich verzweifelt nach dem Mord an König Duncan – zu dem sie ihren Mann angestiftet hat – und versucht wie besessen, sich von vermeintlichen Blutflecken zu befreien, als ob sich dadurch auch ihr Gewissen bereinigen ließe.

In einem ersten Test sollten Versuchspersonen sich entweder an eine gute oder schlechte Tat in ihrer Vergangenheit erinnern und dabei beschreiben, wie sie sich fühlten. Gleich danach mussten sie lückenhafte Wörter ausfüllen, wie: W_ _ H, SH _ _ ER und S_ _ P. Die Wissenschaftler hatten diese so gewählt, dass die Probanden sie zu Wörtern ergänzen konnten, die entweder einen Reinigungsbezug hatten oder nicht. Im ersten Fall waren dies WASH (waschen), SHOWER (Dusche) und SOAP (Seife), im zweiten zum Beispiel WISH (Wunsch), SHAKER (Mixer) und STEP (Stufe).

"Testpersonen, die sich an unethisches Verhalten erinnerten, füllten die Lücken viel häufiger zu Wörtern mit Reinigungsbezug aus als solche, die sich an gute Taten erinnerten. Demnach verstärkt unethisches Verhalten den mentalen Zugang zu reinigenden Konzepten", berichten die Forscher.

In einem weiteren Experiment mussten die Versuchsteilnehmer unter einem Vorwand eine in der ersten Person verfasste Kurzgeschichte abschreiben. Die Geschichten beschrieben entweder eine gute, selbstlose Tat (einem Arbeitskollegen zu helfen) oder eine schlechte, hinterhältige (einen Mitarbeiter zu sabotieren). Danach bewerteten die Probanden die Attraktivität verschiedener Produkte für sie auf einer Punkteskala. Die Produkte fielen in zwei Kategorien: Reinigungs-, Körperpflege-und Hygieneprodukte und andererseits kleine Nahrungsmittel und Gebrauchsgegenstände von ungefähr demselben Wert, wie Schokoriegel oder Batterien.

Auch hier war die Reinigungsprodukt-Kategorie für die mit den unethischen Handlungen konfrontierten Personen attraktiver als für die anderen Teilnehmer. Demnach steigert sogar eine indirekte Bedrohung der eigenen Moral durch das Wissen um unethisches Verhalten anderer das Bedürfnis nach Reinigung.

Aber folgen dieser Assoziation auch Taten? Dazu sollten sich die Versuchspersonen entweder an gute oder bedenkliche Aktionen aus ihrer Vergangenheit erinnern. Danach durften sie als Aufwandsentschädigung entweder einen Bleistift oder ein antibakterielles Handreinigungstuch wählen. Die Personen, die durch die Erinnerung an ihre schlechte Tat wohl ihr Gewissen belastet hatten, nahmen doppelt so oft das Reinigungstuch wie die anderen.

Teilnehmer, die sich nach dem Enthüllen ihrer Schuld die Hände mit einem dieser Tücher abgewischt hatten, erwähnten anschließend in einem Fragebogen zu ihrem derzeitigen Gefühlszustand viel seltener negative moralische Emotionen wie Scham, Schuld und Bedauern, als jene, die ebenfalls eine Schandtat gebeichtet, sich die Hände aber danach nicht gesäubert hatten.

Zhong und Liljenquist fragten dieselben Probanden dann, ob sie ohne Bezahlung auch noch an einer anderen Studie teilnehmen würden, um einem verzweifelten Studenten auszuhelfen, der dringend noch nach Teilnehmern suchte. Jene, die ihre Hände gereinigt hatten, waren viel seltener dazu bereit – als habe das Waschen ihr schlechtes Gewissen schon genug gesäubert. Weitere gute Taten, so schien es, waren nicht mehr vonnöten.

Es gibt ihn also, den Macbeth-Effekt: Ein schlechtes Gewissen, und sogar die durch Missetaten anderer bedrohte Moral, weckt demnach offensichtlich nicht nur ein erhöhtes Bedürfnis nach Sauberkeit oder Selbstreinigung. Allein das Waschen der Hände erleichtert schon das Gewissen und hilft, ein moralisches Selbstbildnis wiederherzustellen.

Und was ist mit dem Umkehrschluss? Fördert eine strengere Hygiene eine höhere Moral? Oder unterstützt sie im Gegenteil bedenkliches ethisches Benehmen, weil ja die Unreinheit ständig abgewaschen wird – nach dem Motto: "saubere Hände, reines Herz"? Das bliebe noch zu klären.
08.09.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 08.09.2006

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