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Kreuzfahrtschiff-Ausbruch: Worauf es bei der Bekämpfung des Hantavirus jetzt ankommt

Seit fünf Tagen versuchen Fachleute, den Hantavirus-Ausbruch auf der »Hondius« in den Griff zu kriegen. Ein Überblick, wie sie dabei vorgehen und wie es nun weitergeht – mit dem Virus und den Menschen, die immer noch auf dem Schiff ausharren.
Ein Flugzeug steht auf einem Flughafen vor einem großen Hangar. Im Vordergrund sind zwei gelbe Krankenwagen mit blauen und roten Streifen zu sehen, die mit "Ambulance" und "GGD" beschriftet sind. Zwei Personen in Sicherheitswesten stehen neben einem schwarzen Fahrzeug. Die Szene deutet auf einen medizinischen Einsatz oder eine Notfallsituation hin.
Unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen werden am Hantavirus erkrankte und möglicherweise mit dem Virus infizierte Menschen in ihre Heimatländer zurückgeflogen – hier kommt ein erkrankter Brite am Amsterdamer Flughafen Schiphol an.

Der Hanta-Ausbruch auf dem Kreuzfahrtschiff »Hondius« hat ein Rennen gegen die Zeit gestartet. Ein Erreger, der bis zur Hälfte aller Infizierten tötet, breitete sich plötzlich unter den Mitfahrenden aus. Niemand weiß, wer sich alles angesteckt hat. Menschen aus über 20 Ländern werden schon bald in ihre Heimat zurückkehren – und womöglich ein tödliches, bisher unterschätztes Virus in sich tragen. Fachleute versuchen, dieses Szenario zu verhindern – und gleichzeitig zu verstehen, was hinter dem Ausbruch steckt. Doch das ist keineswegs einfach.

Das, was auf dem Schiff passiert, ist einerseits neu und unerwartet. Andererseits auch wieder nicht. »Wir werden immer wieder solche Situationen erleben«, sagt Hendrik Wilking, Leiter des Fachgebiets Gastro­intes­tinale Infek­tionen, Zoo­nosen und tropische In­fek­tionen am Robert Koch-Institut. Mit seinem Team untersucht er, wie Krankheitsausbrüche entstehen und wie man sie unterbindet. »Viren und Bakterien sind biologische Systeme, und die werden uns auch immer wieder überraschen. Man muss immer reaktionsfähig sein.«

Umso schwieriger ist das, wenn, wie beim Hanta-Ausbruch auf der »Hondius«, mehrere Länder beteiligt sind. Argentinien, Spanien, die Kapverdischen Inseln und die über 20 Herkunftsländer der Besatzung und Passagiere. Aber es gibt zwischenstaatliche Regelwerke und Strukturen, die helfen, Ausbrüche rechtzeitig aufzuspüren und einzudämmen. »Die internationale Response zu einem Ausbruch wird auf internationaler Ebene durch die WHO organisiert, auf Basis der International Health Regulations«, sagt Wilking.

Staaten müssen Ausbrüche melden

In diesen seien auch bestimmte Berichtspflichten der Staaten festgehalten, damit man von Ausbrüchen überhaupt erst erfährt, und so sei auch derjenige auf der »Hondius« bekannt geworden. Zusätzlich gebe es diverse Informationssysteme über alle Arten von Krankheiten. »Das ist für uns Routine«, erklärt der Forscher, »wir untersuchen ja sehr viele Ausbrüche, nicht nur hochpathogene Erreger wie Hanta.«

Fachleute wie Wilking sind mit sehr unterschiedlichen Situationen konfrontiert. Bei Erkrankungen über Lebensmittel zum Beispiel ist oft weder bekannt, um welchen Erreger es geht, noch, woher er kommt. Beim Hantavirus sei das bereits klarer. »Es wird momentan angenommen, dass es auf dem Schiff von Mensch zu Mensch übertragen wurde, nachdem es Ansteckungen bei Tieren in Südamerika gab. Und da konzentriert man sich jetzt darauf, dass es nicht zu weiteren Ansteckungen kommt.«

»Viren und Bakterien werden uns immer wieder überraschen«Hendrik Wilking, RKI

Dazu muss man potenziell Infizierte erst einmal finden. Denn einige Personen hatten das Schiff bereits verlassen, bevor die internationalen Behörden auf den Ausbruch reagieren konnten. Diese potenziellen Überträger und jene, die durch sie infiziert werden könnten, versuchen, Fachleute zu finden – keine ganz einfache Aufgabe, erklärt der Veterinärmediziner Fabian Leendertz. Er untersuchte unter anderem die tierischen Ursprünge der Ebola-Epidemie in Westafrika und von SARS‑CoV‑2 und leitet heute das Helmholtz-Institut für One Health (HIOH) in Greifswald.

Man rekonstruiert die Vorgeschichte

»Man geht quasi zurück in der Zeit und fragt: Wer sind denn die Kontakte dieser Person? Und dann kriegt man einen großen Baum an Kontakten, ein Kontaktnetzwerk, das man dann im besten Fall im Blick behalten kann.« Kennt man dieses Netzwerk, könne man weitere Maßnahmen ergreifen. »Bei Ebolaviren zum Beispiel impft man diese Kontakte sogar, um die Menge an empfänglichen Wirten zu reduzieren.«

Besonders in der Anfangsphase dieser Kontaktverfolgung können neue Infektionen und Verdachtsfälle in schneller Abfolge ans Licht kommen. Das erweckt dann den Eindruck eines sich rasant ausbreitenden Infektionsgeschehens – das so nicht zwangsläufig existiert. Ob der Kontaktbaum sich weiter verzweigt, sieht man erst später. »Man muss die betroffenen Leute vor allem isolieren, was man ja auch getan hat«, erklärt der Leendertz. Daneben müsse man während eines Ausbruchs natürlich auch die Erkrankten und potenziell Infizierten angemessen medizinisch versorgen. »Die dritte, epidemiologische Fragestellung ist dann: Was ist eigentlich passiert? Wie konnten sich die ersten Menschen, der erste oder die ersten zwei, drei, infizieren? Und wo?«

Auch dazu gehe man in der Zeit zurück, erklärt der Forscher. »Man fragt die Leute – wenn man sie hoffentlich noch fragen kann –, wo sie sich denn aufgehalten haben, und zwar ganz genau. Dann kann man sich anschauen, ob es dort Risikopunkte gibt – waren sie irgendwo, wo vielleicht Mensch-Tier-Kontakte bestehen?« Dann könne man an diesen Orten anfangen, die Tiere zu finden und bei ihnen das Virus zu identifizieren. Im Fall der Ebola-Epidemie 2014 gelang das zum Beispiel, bei SARS‑CoV‑2 dagegen kennt man die entscheidenden frühen Kontakte nicht. Beim Hanta-Ausbruch gibt es erste Indizien: Das zuerst verstorbene Ehepaar hat laut Berichten vor der Kreuzfahrt an einer Vogelbeobachtungs-Tour teilgenommen.

Ein wesentliches Ziel: zukünftige Ausbrüche verhindern

Das ist nicht nur akademisch von Interesse. Das entscheidende Ziel ist Prävention: solche Ausbrüche in Zukunft zu verhindern. Dazu findet man zuerst heraus, wo der Hauptwirt des Virus verbreitet ist, also das Tier, an dem sich Menschen anstecken können. Und dann vergleicht man, wo viele Menschen mit diesem Tier in Kontakt kommen, und versucht, das Risiko solcher Begegnungen zu mindern.

»Das beste Beispiel ist vielleicht die Python Cave in Uganda, in der das Marburg-Virus in Flughunden zirkuliert. Das war früher eine Touristenattraktion.« Doch 2008 starb eine niederländische Touristin an dem hochgefährlichen Virus, so Leendertz. »Und seitdem ist diese Höhle gesperrt für die Touristen. Das ist ein ganz einfaches, plakatives Beispiel, wie man Prävention betreiben kann.«

Im Fall der »Hondius« ist Prävention zukünftiger Ausbrüche allerdings vorerst zweitrangig. Noch sind längst nicht alle potenziell infizierten Menschen aufgespürt und getestet, und Dutzende Passagiere sitzen noch auf dem Schiff fest, das am Wochenende in Teneriffa ankommen soll. Wie es mit den Menschen weitergeht, ist noch weitgehend unklar. »Auf so einem engen Kreuzfahrtschiff sind natürlich alle irgendwie Kontaktpersonen«, erklärt Hendrik Wilking. »Die muss man nun in ihre Heimatländer zurückbringen, ohne dass sie andere anstecken, und dort quarantänisieren.«

Wo böse Überraschungen drohen

Ein zentrales Problem beim aktuellen Ausbruch ist, dass man noch relativ wenig darüber weiß, wann und wie sich das Anden-Hantavirus unter Menschen ausbreitet. Einigermaßen sicher ist, dass das selten ist, denn aus vier Jahrzehnten sind nur eine Handvoll Fälle bekannt. Aber auch wenn der Erreger insgesamt wenig ansteckend ist, sind böse Überraschungen immer möglich. Das Ebolavirus verursachte jahrzehntelang nur kleine Ausbrüche, bis es 2014 in einer verheerenden, nur mit großer Mühe eingedämmten Epidemie Tausende Menschen tötete. Und das einst ebenso obskure, wenn auch weniger tödliche Mpox-Virus werden wir vermutlich sogar überhaupt nicht mehr los. Beide Szenarien möchte man beim Hantavirus naturgemäß gerne vermeiden.

»Ich arbeite seit 25 Jahren im Kongo-Becken. Da ist man nie so gut organisiert wie jetzt beim Hantavirus«Fabian Leendertz, Helmholtz-Institut für One Health

Aus den Daten südamerikanischer Wissenschaftler und Behörden wisse man, dass die Inkubationszeit beim Anden-Hantavirus sieben bis 42 Tage dauern kann. Daran orientiere man sich, so der Forscher. Die Passagiere und ebenso Kontaktpersonen von Infizierten sollen laut der aktuellen Empfehlung des Robert Koch-Instituts sechs Wochen in einer Unterkunft in Quarantäne bleiben. »Man wird sicherstellen müssen, dass sich die Betroffenen daran halten. Das wird von Land zu Land etwas unterschiedlich organisiert, aber man kann das den Betroffenen natürlich nicht allein überlassen«, sagt Wilking, der derzeit an Empfehlungen arbeitet, wie genau das zum Beispiel auch bei deutschen Kontaktpersonen ablaufen soll.

Ein Vorteil des Ausbruchs ist, dass er an Bord des Kreuzfahrtschiffes stattfand. Dadurch sind nicht nur alle direkt betroffenen Personen genau bekannt, sie können nachverfolgt und auch medizinisch betreut werden. Der Ausbruch wurde außerdem auch sehr früh entdeckt, was nicht selbstverständlich ist. »Das ist ja im Prinzip ein europäisches Setting, da werden ja schon beim ersten oder zweiten Patienten die Behörden informiert«, sagt Leendertz. »Im globalen Vergleich: Wann wurden denn die Ebola-Ausbrüche entdeckt? Da mussten erst zehn oder Hundert Menschen sterben, bevor man reagieren konnte.«

Lob für die Hanta-Bekämpfung

Darin sieht der Forscher auch einen blinden Fleck in der Diskussion um den Hanta-Ausbruch. »Wir reden hier zweifellos über einen dramatischen und tragischen Ausbruch, aber dann muss man sich auch mal all die anderen Krankheitsausbrüche anschauen. Zum Beispiel Mpox oder auch Masern. Daran sterben rund 100 000 Menschen im Jahr, und kaum jemand redet darüber.« Das mache ihn immer etwas perplex. »Wir haben weltweit leider die Tendenz, dass die Menschen sich in ihrem Land schützen, und alles drumherum ist ihnen egal. Aber das funktioniert bei Krankheitserregern eben nicht.« Die ärmeren Länder des globalen Südens müssten Unterstützung bekommen, um Ausbrüche in ihren Ländern selbst ebenso effektiv bekämpfen zu können wie den Hanta-Ausbruch auf der »Hondius«

Diese Diskrepanz prägt auch seine Sicht auf die internationale Reaktion auf den Hantavirus-Ausbruch. »Ich arbeite seit 25 Jahren im Kongo-Becken. Da ist man nie so gut organisiert wie jetzt beim Hantavirus. Man muss das einfach im größeren Kontext betrachten, und dann ist es schon wirklich gut, was gemacht wurde.« Auch Wilking zieht eine positive Zwischenbilanz: »Es wurden bisher eigentlich überall die richtigen Entscheidungen getroffen. Kooperation und Informationsaustausch funktionieren sehr gut.« Das gelte auch für die deutschen Behörden; beteiligt sind neben den Gesundheitsbehörden auch das Auswärtige Amt.

Die nationalen und internationalen Behörden seien insgesamt auch für zukünftige Krankheitsausbrüche gerüstet, sagt der Forscher. »Viren und Bakterien werden uns natürlich immer mal wieder überraschen und uns Expertinnen und Experten ins Schwitzen bringen. Das liegt in der Natur der Sache. Aber insgesamt sind wir gut auf solche Krankheitsausbrüche vorbereitet.«

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