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Marshmallow-Test: Wurde das berühmte psychologische Experiment falsch interpretiert?

Eine große Replikationsstudie zeigt: Wenn Kinder einer süßen Versuchung nicht widerstehen können, sagt das nicht viel aus. Und wenn, dann stecken dahinter keine höheren Strategien der Selbstkontrolle.
Ein kleines Mädchen kann süßen Marshmallows nicht widerstehen.

Generationen von Psychologen haben Vorschulkinder mit dem bekannten Marshmallow-Test traktiert. Die Kleinen mussten vor einer Schale Marshmallows sitzend auf einen Erwachsenen warten und durften die Süßigkeiten nicht antasten, wenn sie später zur Belohnung eine noch größere Portion bekommen wollten. Viele halten das nicht lange durch, aber diese Sekunden oder Minuten sollen schon viel über ihr späteres Leben aussagen: über akademische Leistungen, beruflichen Erfolg, Sozialverhalten, Drogenprobleme. So jedenfalls das Ergebnis der klassischen Experimente des US-Psychologen Walter Mischel und seiner Kollegen zunächst in Trinidad, dann an der Stanford University; und Nachfolgestudien stimmten weitgehend überein. Der Test, so meinte man, erfasst mit der Fähigkeit zum »Belohnungsaufschub« auch die allgemeine Fähigkeit zur Selbstkontrolle.

Allerdings waren die Zusammenhänge zwischen Durchhaltevermögen im Kindesalter und späteren Erfolgskennzahlen ungewöhnlich hoch, und etwaige Faktoren wie das Bildungsniveau der Eltern, die beidem zu Grunde liegen könnten, hatte man nicht immer hinreichend berücksichtigt. Deshalb überprüfte nun ein Team um den Entwicklungspsychologen Tyler Watts von der New York University die berühmten Befunde mittels einer landesweiten neuen Stichprobe von mehr als 900 Kindern. Mit viereinhalb Jahren sollten sie je nach Vorliebe einem Haufen Marshmallows, Keksen, Schokolade oder anderen Süßigkeiten widerstehen, um dafür später mehr davon zu erhalten. Und mit 15 Jahren absolvierten sie schließlich eine Reihe kognitiver Tests, unter anderem zu Mathe- und Sprachkompetenz. Außerdem gaben ihre Mütter Auskunft über den familiären Hintergrund, die häusliche Situation sowie über Temperament und Verhalten der Kinder.

Die Ergebnisse blieben deutlich hinter denen von Mischel und seinen Mitstreitern zurück, berichten Watts und seine zwei Kollegen von der University of California in Irvine im Fachblatt »Psychological Science«. Die Fähigkeit der Vierjährigen, auf eine versprochene Belohnung zu warten, hing mit Korrelationen bis 0,30 nur mäßig mit den späteren Leistungen wie Mathe- und Sprachkompetenz zusammen. Und wenn die Forscher andere Größen wie den familiären Hintergrund herausrechneten, sagte die erreichte Wartezeit nichts mehr über Leistungen und Verhalten im Alter von 15 Jahren aus.

Akademikerkinder halten länger stand

Allein eins war angesichts der süßen Versuchung noch bedeutsam, wenn auch nur für den Nachwuchs von Müttern ohne Hochschulabschluss: Gelang es den Kleinen, die ersten 20 Sekunden standhaft zu bleiben? 23 Prozent der Kinder aus bildungsfernen Familien scheiterten daran, mehr als doppelt so viele wie unter Kindern von Akademikermüttern. Im Schnitt warteten Letztere mehr als anderthalb Minuten länger. Bei Kindern aus bildungsfernen Familien ließ sich an der kurzfristigen Impulskontrolle also doch etwas ablesen. Und gerade diese Teilstichprobe war für die Gesamtbevölkerung repräsentativer, räumen Watts und Kollegen selbst ein.

Was genau misst der Marshmallow-Test demnach eigentlich? Die Ergebnisse legten nahe, »dass man Belohnungsaufschub nicht einfach als Komponente der Selbstkontrolle betrachten kann«, erklären die Autoren. Der Zusammenhang mit der späteren Leistung ließe sich statistisch nur zu einem Viertel anhand der Selbstkontrolle erklären. Um die ersten 20 Sekunden des Wartens auszuhalten, benötigten die Kinder zwar eine basale Impulskontrolle, aber keine ausgeklügelten Strategien. Darüber hinaus würden jedoch kognitive Fähigkeiten mitmischen, denn wenn man diese herausrechne, verschwinde der Zusammenhang. »Übt man mit Kindern nur das Aufschieben von Belohnungen, aber keine allgemeinen Fähigkeiten, dann dürfte das nur begrenzten Erfolg haben«, folgern die Autoren.

»Die Vorstellung, man könne die Zukunft eines Menschen sicher vorhersagen, etwa durch die simple Tatsache, wie lange er sich eine Belohnung versagen kann, ist Unfug«(Walter Mischel)

In diesen Interpretationen stecken auch Hinweise darauf, warum sich die neuen Befunde von den älteren unterscheiden. Watts und Kollegen hatten beim Konstanthalten kognitiver Unterschiede jenen Teil der Selbstkontrolle herausgerechnet, der sowohl an kognitiven Fähigkeiten als auch am Belohnungsaufschub beteiligt ist. So verschwindet der Anteil der Selbstkontrolle am späteren Erfolg, gerade weil sie sich nicht allein exklusiv auf das Durchhaltevermögen auswirkt. Darüber hinaus hatte Mischel vor allem mit ausgewählten kleinen Stichproben aus dem Umfeld der Stanford University gearbeitet, und seine Befunde erlaubten lediglich für jene Kinder präzise Prognosen, denen man keine Durchhaltestrategien an die Hand gegeben hatte. Sobald sie über solche belehrt wurden, sagte ihre Wartedauer nicht mehr viel aus. Möglicherweise aber bekommen Kinder in Akademikerfamilien heutzutage solche Strategien früher als dereinst vermittelt.

Darf man aus dem Marshmallow-Test nun überhaupt noch etwas schließen? Ganz klar: Wenn ein Kind einer Versuchung nicht lange widerstehen kann, sollte man das nicht überbewerten. Den neuen Befunden zufolge lassen sich daraus höchstens 10 Prozent der Leistungsunterschiede zwischen Jugendlichen ableiten, die übrigen 90 Prozent gehen offenbar auf andere Bedingungen zurück. Der Grenzen seines Tests war sich auch Walter Mischel immer bewusst. Im Interview mit »Gehirn&Geist« sagte er 2015: »Eine konkrete Vorhersage für einen Einzelnen auf Grund seines Abschneidens im Marshmallow-Test ist unmöglich. Die Vorstellung, man könne die Zukunft eines Menschen sicher vorhersagen, etwa durch die simple Tatsache, wie lange er sich eine Belohnung versagen kann, ist Unfug.«

23/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 23/2018

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