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Verhaltensforschung: Zähneputzen statt Naschen

Sie bräuchten nur die Hand auszustrecken, um die Tafel Ihrer Lieblingsschokolade auf dem Tisch neben Ihnen zu erreichen. Der Impuls ist da, ständig zuzugreifen und den Gaumenschmaus seinem finalen Bestimmungsort zuzuführen - doch manchmal lohnt es sich auch zu warten. Wie verdrängt man als Primat den Gedanken an die süße Versuchung?
SchimpanseLaden...
Lana und Sherman, 36 und 33 Jahre alt, liegen gemütlich in ihrem Wohnzimmer und blättern in Promi-Magazinen: Angelina Jolie und Brad Pitt – im Fachjargon auch Brangelina genannt – haben Streit, Paris Hilton ist wieder einmal irgendwo betrunken gegen die Wand gefahren und Tom Cruise macht Gymnastik in einem Berliner Hotelgarten. Mäßiger Inhalt, aber schöne bunte Bilder.

Mensch und SchimpanseLaden...
Mensch und Schimpanse | Menschen und Schimpansen sind bislang die einzigen Lebewesen, bei denen gezielte Strategien zur Abwehr von impulsivem Verhalten nachgewiesen wurden.
Zwischendurch kommt mehrfach der Gedanke an Süßigkeiten auf, die im Nachbarraum warten, aber Lana putzt sich zur Ablenkung lieber nochmal kurz die Zähne, und Sherman fummelt beflissen an seinem Reißverschluss herum: Man muss ja nicht jeder Versuchung sofort nachgeben! Nach einer Viertelstunde haben Zeitschrift und Zahnpflege als Zeitvertreib allerdings ausgespielt – beide begeben sich in die Küche und schlagen sich den Bauch mit bunten Kaubonbons voll.

Den Gedanken zum Fraß

Jeder kennt eine solche Situation: Springt der Kopf gedanklich immer wieder zum Objekt der kulinarischen Begierde, hilft Ablenkung. Den Gedanken muss sozusagen eine andere Beschäftigung zum Fraß vorgeworfen werden, zur Not auch eine eher sinnlose wie Klatschpresselesen, Reißverschlussfunktionstest oder Unterhosenbügeln. Eine typisch menschliche Geschichte also? Nicht in diesem Fall, denn Lana und Sherman gehören zu einer anderen Art – sie sind Schimpansen (Pan troglodytes).

Unsere tierischen Vettern scheinen ebenso wie wir in der Lage zu sein, gezielt ihr Verlangen zu zügeln – und das besonders dann, wenn die Menge der Leckereien mit der Wartezeit zunimmt. Ted Evans und Michael Beran von der Georgia State University in Atlanta, die die geduldige Seite der Schimpansen erforschten, waren besonders erstaunt festzustellen, dass die Tiere Gegenstände gezielt einsetzten, um sich abzulenken und so länger vom Essen zurück zu halten.

Schlaraffenland für Geduldige

Die Verhaltensforscher konfrontierten insgesamt vier ausgewachsene Affen mit einem Futterspender, in den alle dreißig Sekunden begleitet von einem kurzen "Beep" automatisch ein Kaubonbon fiel. Sobald der Deckel des Spenders allerdings geöffnet und die Knabbereien entnommen wurden, versiegte der süße Strom – je länger ein Schimpanse wartete, desto mehr der begehrten Bonbons erhielt er also.

Hatten die Tiere keinerlei Ablenkung neben der Süßigkeitenmaschine, widerstanden sie im Durchschnitt sechs Minuten dem Impuls zum Naschen. Ganz anders sah es dagegen aus, wenn sie einige Spielsachen und – für ein Schimpansenleben unerlässliche – Konsumgüter wie Zahnbürsten, Klammern, Reißverschlüsse und Hochglanzmagazine zur Verfügung hatten: Die ablenkende Beschäftigung verlängerte die geduldige Phase der Affen auf etwa neun Minuten.

Nur Wenige können warten

Zur Kontrolle gaben Evans und Beran ihren Probanden in einem dritten Durchgang erneut die Spielsachen, allerdings war der Bonbonspender diesmal außer Reichweite der Tiere postiert. Ohne süßes Versprechen im Hinterkopf beschäftigten sich die Schimpansen zwar immer noch mit Zahnpflege und den Fotos prominenter Primaten in den Zeitschriften; dies verlor jedoch nach fünf Minuten seinen Reiz. Die Forscher schließen daraus, das die Spielsachen im vorhergegangenen Fall gezielt zur Ablenkung vom Naschimpuls eingesetzt wurden und nicht nur aus zufälliger Zerstreuung.

Damit stellen Schimpansen neben Menschen die einzigen Lebewesen dar, bei denen gezielte Ablenkungsstrategien nachgewiesen wurden. Vorangegangene Versuche mit Tauben und Ratten – aber auch mit anderen Vertretern der Primaten wie Makaken – zeigten, dass diese Tiere nicht in der Lage waren, dreißig Sekunden mit einem Leckerbissen vor der Nase auszuharren und auf mehr zu warten. Hingegen lenkten sich Kinder in Verhaltenstests ähnlich dem hier vorgestellten durch Singen, lautes Sprechen oder die Beschäftigung mit Spielsachen ab und waren ähnlich geduldig wie die Menschenaffen.

Brian Hare vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie interpretiert die Beobachtungen vor der natürlichen Lebensweise der Schimpansen: Durch den hierarchischen Aufbau der Gruppen dauere es oft lange, bis niederrangige Mitglieder zum Fressen kämen, vielleicht erleichtere da Ablenkung das Warten. Bleibt nur die Frage, wie die Tiere in freier Wildbahn ohne Regenbogenpresse und Körperpflegeutensilien auskommen.
24.08.2007

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 24.08.2007

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