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Parasiten: Zecken - der Feind im eigenen Garten

Sie können FSME und Borreliose übertragen: Zecken sind gefürchtete Parasiten - und lauern nicht nur draußen im Wald.
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Wer seinen Garten betritt, befindet sich mitten im Zeckengebiet. "Egal ob verwildert oder mit kurz geschorenem Rasen, ob waldnah oder hunderte Meter weg vom Wald – wir haben in allen Gartentypen Zecken gefunden", berichtet Ute Mackenstedt, Parasitologin an der Universität Hohenheim. In den Jahren 2014 und 2015 untersuchten die Forscher 100 Gärten im Großraum Stuttgart. Überrascht hat die Forscher vor allem, dass es kaum Unterschiede zwischen den verschiedenen Gartentypen gab. Mackenstedt führt das darauf zurück, dass Vögel, Nagetiere, Füchse, Hunde und Rehe Gärten besuchen und den Zecken als Transportmittel dienen. "Ein Eintrag über Wildtiere lässt sich kaum verhindern, dazu müsste man seinen Garten schon komplett zubetonieren", sagt Mackenstedt und ergänzt: "Der Feind jeder Zecke ist Austrocknung. Wir überprüfen gerade die Hypothese, ob in besonders aufgeräumten Gärten, wo wir eigentlich weniger Zecken vermutet hätten, häufigeres Rasensprengen dazu beiträgt, dass auch dort Zecken auftreten."

Da sich die meisten Menschen länger in ihren Gärten aufhalten als im Wald oder in Feld und Flur, empfehlen die Forscher entsprechend aufmerksam zu sein und sich auch nach dem Aufenthalt im Garten gründlich abzusuchen. Die Katzen machen es uns vor, denn durch ihren ausgeprägten Hang zur Reinlichkeit entfernen sie die meisten Zecken aus ihrem Fell, bevor diese sich "festbeißen" können. Eigentlich beißen Zecken aber gar nicht, sondern verletzen mit ihrem Stechrüssel die Haut, um an das Blut ihrer Wirtstiere oder eben des Menschen zu gelangen. Die bei uns mit Abstand häufigste Zeckenart, der Gemeine Holzbock (Ixodes ricinus), ist bei der Wirtswahl nicht wählerisch und kann praktisch jedes Wirbeltier befallen.

Neuere Forschungen deuten darauf hin, dass der hochkomplexe Lebenszyklus des Holzbocks sechs Jahre und länger dauern kann. 99 Prozent dieser Zeit verbringt der Parasit nicht auf dem Wirt, sondern lebt in Laubstreu oder niedriger Vegetation. Zwischen ihren jeweils nur ein paar Tage dauernden Blutmahlzeiten sind die Tiere extrem hart im Nehmen. Mehrmonatige Hungerperioden oder winterliche Kälte können ihnen nichts anhaben. Durch den Speichel kann der Blutsauger Krankheiten wie die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) und Borreliose übertragen. Im Süden Deutschlands ist stellenweise jede dritte Zecke mit Borrelien, dem bakteriellen Erreger der Borreliose, infiziert, während FSME-Viren – die gefährliche Hirnhautentzündungen hervorrufen können – nur in 0,1 bis 5 Prozent der Zecken vorkommen.

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7. Zecken lassen sich von Bäumen fallen |

Mit dem Frühling kommen die Zecken wieder: Wer jetzt durch Wald, Feld und Flur streift, sollte anschließend auf alle Fälle seinen Körper auf verdächtige Achtbeiner kontrollieren. Denn harmlos sind die Blutsauger nicht, da sie gefährliche Krankheiten wie FSME oder Borreliose übertragen können. Auf der Hut muss man aber vor allem von unten sein, denn Zecken streift man in der Regel von Gräsern und Blättern ab; dagegen ist es ein Märchen, dass sie sich von Bäumen auf ihre Opfer fallen lassen. Entdeckt man eine festgesaugte Zecke, sollte man sie übrigens keinesfalls mit Öl oder gar Klebstoff beträufeln, um sie zu töten: In diesem Fall erbricht sich das Tier direkt in den Bisskanal und injiziert erst recht Krankheitserreger. Welche Folgen ein Biss manchmal haben kann, zeigt die amerikanische Lone-Star-Zecke: Einige ihrer Opfer bekamen quasi über Nacht eine Fleischallergie – mit der Zecke als sehr wahrscheinlicher Ursache.

Impfung dringend empfohlen

Gegen Borreliose gibt es keine Impfung, aber sie kann meist erfolgreich mit Antibiotika behandelt werden. Bei der FSME-Vorsorge würde sich Mackenstedt eine weitaus höhere Impfungsrate wünschen und führt dazu das Beispiel Österreichs an. Dort hat man mit einer groß angelegten Aufklärungskampagne eine Immunisierung von mehr als 80 Prozent der Bevölkerung erreicht, so dass die Zahl der Krankheitsfälle trotz einer hohen FSME-Durchseuchung der Zeckenpopulation deutlich gesenkt werden konnte. "Der Impfstoff wurde noch mal verbessert, die Impfung ist sicher und wirkt. Für die Hochrisikogebiete, wozu inzwischen praktisch ganz Bayern und Baden-Württemberg gehören, ist eine Impfung sinnvoll", empfiehlt die Wissenschaftlerin. Das gelte vor allem für Personen, die sich viel in Wald, Feld und Wiese, aber eben auch in Parks und Gärten aufhielten.

Nach dem zweiten Termin der dreiteiligen Impfung, also nach etwa vier bis acht Wochen, gewährt die Impfung bereits einen relativ hohen Schutz. In den letzten zwei Jahren hätte es zwar mit rund 220 Fällen vergleichsweise wenige FSME-Meldungen in Deutschland gegeben, dies sei jedoch laut Mackenstedt im Bereich der normalen Schwankungen und keinesfalls ein Anlass zur Entwarnung. Handelsübliche Repellentien würden zwar durchaus ein paar Stunden einen gewissen Schutz vor Zecken bieten, aber eben nie einen hundertprozentigen – insofern sollte man sich und seine Kinder trotzdem immer entsprechend der Empfehlungen kleiden und abends absuchen. Die Borrelioseerreger gelangen meist erst nach 12 bis 15 Stunden aus dem Zeckendarm über den Zeckenspeichel ins Blut. Wird die Zecke vorher fachmännisch entfernt (mit einer geeigneten Pinzette nahe der Haut fassen und gerade herausziehen), kann man zumindest die Borrelien vermeiden. Das FSME-Virus wird allerdings sofort mit dem Zeckenstich übertragen.

Die Klimaerwärmung verschärft das Problem. Ab fünf Grad Celsius Bodentemperatur erwacht der Gemeine Holzbock aus der Winterstarre und ist deswegen inzwischen nahezu ganzjährig aktiv. Zudem breiten sich bislang seltene Zeckenarten wie die Schafzecke (Dermacentor marginatus) und die Auwaldzecke (Dermacentor reticulatus) weiter aus. Sie sind an trockeneres Klima angepasst und haben Krankheiten wie beispielsweise das Q-Fieber (verursacht durch das Bakterium Coxiella burnetii), das Maltafieber (Brucellose, verursacht durch das Bakterium Brucella melitensis) und Rickettsiosen (durch Bakterienarten der Gattung Rickettsia verursachte Erkrankungen) im Gepäck. "Zurzeit steht die braune Hundezecke (Rhipicephalus sanguineus) vor den Toren. Diese im mediterranen Raum beheimatete Zeckenart wird immer wieder eingeschleppt, hat es aber bisher nicht geschafft, den kalten Winter in Mitteleuropa zu überleben und sich hier zu etablieren", sagt der Wiener Parasitologe Georg Duscher. Die Hundezecke interessiert sich zwar meist mehr für den besten Freund des Menschen und weniger für sein Herrchen oder Frauchen, fühlt sich dafür aber auch in Häusern und Wohnungen wohl. Neben verschiedenen Tierkrankheiten kann sie auch Rickettsien, wie R. conorii, den Erreger des Mittelmeer-Zeckenfleckfiebers, auf den Menschen übertragen.

Allergie gegen Zeckenspucke

Über ein ganz neues Phänomen berichtet Jörg Fischer, Arzt an der Hautklinik der Universität Tübingen: "Wir beobachten zunehmende Fälle von starken allergischen Reaktionen auf bestimmte Zucker im Zeckenspeichel. Im schlimmsten Fall kann eine solche Allergie langfristig zu einer Unverträglichkeit von Fleisch, Gelatine, Milchprodukten und verschiedenen Arzneimitteln führen." In Baden-Württemberg sind bis Ende letzten Jahres 55 :Fälle dieser neuen, nach dem Zuckertyp als "α-Gal-Syndrom" bezeichneten Allergie aufgetreten.

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Zecke in Makro | Zecken zählen zu den wohl bekanntesten Parasiten im Ökosystem.

Während es mit der FSME-Impfung zumindest Schutz vor einem der gefährlichsten Krankheitserreger hiesiger Zecken gibt, fehlt bislang ein Impfschutz, der sich direkt gegen die Zecke richtet. Mehrere Forschungsansätze werden dazu verfolgt: Ein Ansatz ist es, Antikörper gegen Proteine im Zeckenspeichel zu entwickeln, so dass es an der Einstichstelle zu Blutgerinnung und Juckreiz kommt und sich die Zecke dadurch löst. Ein anderer Angriffspunkt sind "versteckte" Proteine im Körper der Zecke, die bei einem Zeckenstich nicht direkt mit dem Wirt in Kontakt sind, aber durch immunisiertes Blut angegriffen werden können. So gibt es bereits einen zugelassenen Impfstoff gegen ein Protein in der Darmwand der subtropischen Rinderzecke Rhipicephalus microplus, der dazu führt, dass der Darm der saugenden Zecken löchrig wird und die Zecke bei der Blutmahlzeit stirbt.

"Durch die Erfolge gegen die Rinderzecke gab es in den letzten Jahrzehnten einen gewissen Hype bei diesem Forschungsansatz, allerdings ist es meines Wissens bislang nicht gelungen, das auf andere Zeckenarten zu übertragen und bis zur Marktreife zu bringen", sagt Jan Perner, Forscher am Parasitologischen Institut der tschechischen Akademie der Wissenschaften. Er und seine Kollegen konzentrieren sich auf die direkte Bekämpfung der bakteriellen Krankheitserreger wie Borrelien oder Babesien und erforschen die Grundlagen der Zeckenernährung.

Ziel ist es, Impfstoffe zu entwickeln, die der Zecke den Appetit verderben. Die tschechischen Forscher haben herausgefunden, dass die Zecken auf das eisenhaltige Häm im Hämoglobin der roten Blutkörperchen ihrer Wirte angewiesen sind. Fehlt es, können sie sich nicht mehr oder nur sehr eingeschränkt vermehren, wie Laborversuche ergaben. Auch eine Kombination aus Impfstoffen gegen die Zecke und gegen die von ihnen übertragenen Krankheitserreger wird untersucht. "Die Forschung steht aber noch ziemlich am Anfang. Wir beginnen gerade, die Mechanismen in den Zecken so nach und nach zu verstehen", relativiert Georg Duscher die Erwartungen.
19/2016

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 19/2016

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