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Mehr vom Leben: So verlangsamt man die Zeit

Kaum hat das Jahr begonnen, ist es schon wieder vorbei. Dahinter steckt ein grundlegendes Prinzip unseres Gehirns. Wer es versteht, kann den Taumel zumindest gefühlt bremsen.
Eine Sanduhr steht im Vordergrund vor einem Sonnenuntergang am Meer. Der Himmel ist in warmen Orangetönen gefärbt, und die Sonne spiegelt sich im Wasser. Die Sanduhr ist halb gefüllt, und der Sand rieselt langsam von der oberen in die untere Kammer. Im Hintergrund sind verschwommene Umrisse von Booten und einer Küstenlinie zu sehen.
Je älter wir werden, desto schneller ziehen die Jahre vorbei.

Wie kann es sein, dass schon wieder Januar ist? Wo ist das letzte Jahr hin? Viele haben den Eindruck, dass die Zeit immer mehr rast. Um zu verstehen, warum sich unser Zeitempfinden manchmal verzerrt anfühlt, sehen wir uns am besten zunächst an, wie unser Gehirn ihr Vergehen überhaupt erfasst.

Der Begriff »Zeitempfinden« ist dabei eigentlich irreführend – denn Zeit existiert nicht als etwas, das man direkt wahrnehmen könnte. Wenn wir eine Farbe, ein Geräusch, einen Geschmack oder eine Berührung aufnehmen, registrieren spezialisierte Sinnesorgane Reize aus der Umwelt: die Wellenlänge eines Lichtteilchens, das ins Auge fällt, die Frequenz einer Schallwelle im Ohr, bestimmte chemische Stoffe in Mund und Nase oder den Druck eines Gegenstands auf der Haut. Für Zeit gibt es jedoch kein entsprechendes Pendant, kein »Zeitteilchen«, das das Gehirn erfassen könnte.

Passiert viel, scheint die Zeit langsamer zu vergehen

Unser Gehirn nimmt Zeit deshalb nicht wahr. Es erschließt sie sich. Es schätzt den Zeitverlauf, indem es Veränderungen feststellt – ähnlich wie eine Uhr, die tickt. Doch anders als eine Uhr verfügt das Gehirn nicht über regelmäßige Takte, die es zählen könnte. Um abzuleiten, wie viel Zeit vergangen ist, summiert es schlicht, wie viel passiert ist. Ist ein Zeitabschnitt mit vielen aufregenden Ereignissen gefüllt, erscheint er länger. Im Labor wirkt ein kurz eingeblendetes, flackerndes Bild für Testpersonen entsprechend länger als ein statisches Bild gleicher Dauer. Das erklärt auch, warum Zeugen besonders intensiver Ereignisse – etwa eines Autounfalls – häufig berichten, die Zeit habe sich verlangsamt.

In einer bekannten Studie ließen sich Untersuchte aus über 30 Metern Höhe rückwärts in ein Netz fallen. Als man sie anschließend bat, die Dauer dieses erschreckenden Erlebnisses einzuschätzen, gaben sie Zeitspannen an, die im Durchschnitt mehr als ein Drittel länger waren als jene, die sie für den Sturz einer anderen Person veranschlagten.

Starke emotionale Erregung bei der unmittelbaren Erfahrung verstärkt die Aufmerksamkeit. Dadurch verknüpft das Gehirn besonders dichte, detailreiche Erinnerungen an den Ablauf des Geschehens und speichert diese. Wenn es später abschätzen soll, wie viel Zeit während des Ereignisses vergangen ist, führt diese ungewöhnlich reichhaltige Erinnerung zu einer Überschätzung der Dauer.

Langeweile bremst die Zeit

Um zu verstehen, was mit dem Dezember und dem gesamten letzten Jahr geschehen ist, müssen wir zudem zwischen zwei Formen der Zeitwahrnehmung unterscheiden: der im jeweiligen Augenblick – und später in der Rückschau. Denn diese verhalten sich spannenderweise gegenläufig.

Wie jedes Kind weiß, vergeht die Zeit im Wartezimmer beim Zahnarzt deutlich langsamer als beim Ausprobieren eines neuen Spielzeugs. Doch warum ist das so? Wieder spielt eine zentrale Rolle, wie viel geschieht – und vor allem, worauf man seine Aufmerksamkeit richtet. Je stärker wir auf die Zeit selbst achten, desto langsamer scheint sie zu verrinnen.

Dagegen verfliegt sie, während man Spaß hat. Doch es muss nicht einmal Spaß sein. Entscheidend ist, dass das, womit man sich beschäftigt, vom Vergehen der Zeit ablenkt. Ist der Geist gefordert, sei es durch Spiel oder Arbeit, rinnt die Zeit förmlich davon. Versuchen Sie aber mal, fünf Minuten lang auf eine Uhr zu starren! Sie werden erleben, wie endlos sich diese Spanne anfühlt – es sei denn, Ihre Gedanken schweifen ab. Langeweile bremst die Zeit aus.

Routine lässt die Jahre verfliegen

Doch in der Rückschau dreht sich der Effekt um: Eintönige Phasen erscheinen uns im Nachhinein kurz. Dieses Phänomen, das mit zunehmendem Alter an Bedeutung gewinnt, meint das englische Sprichwort »Die Tage sind lang, doch die Jahre sind kurz«.

In jungen Jahren ist vieles noch neu: der erste Schultag, die erste Beziehung, der erste Job. All diese Erfahrungen bilden einen reichen Erinnerungsschatz, auf den das Gehirn später zurückblickt – und daraus schließt, dass viel geschehen sein muss, also auch viel Zeit vergangen ist.

Mit zunehmendem Alter hingegen werden viele Tätigkeiten zur Routine: die Kinder zur Schule bringen, zur Arbeit gehen, das Abendessen zubereiten. Was einst neu war, wird alltäglich und damit weniger interessant. Monotone Tätigkeiten lassen die Zeit langsamer vergehen – es entsteht der Eindruck, die Tage zögen sich endlos hin.

Paradoxerweise hinterlassen diese routinierten Abläufe jedoch schwächere, weniger lebendige Erinnerungen. Wenn das ältere Gehirn dann rückblickend abschätzt, wie viel Zeit seit Jahresbeginn vergangen ist, kommt es zu dem Schluss, dass nicht viel passiert sei – und folglich auch nicht viel Zeit vergangen ist.

Das steht im Widerspruch zu unserem bewussten Wissen, dass in der Tat längst Januar ist – und wir fragen uns, wie das Jahr so schnell vergehen konnte.

Öfter Neues wagen

Die Zeit während des Erlebens zu verlangsamen, ist sehr einfach, allerdings ausgesprochen unerquicklich: Man muss sich nur langweilen. Warten Sie an roten Ampeln. Zählen Sie bis zehntausend. Schauen Sie frischer Farbe beim Trocknen zu.

Die rückblickende Zeit zu verlangsamen, ist hingegen schwieriger. Im Grunde müssen Sie dafür sorgen, dass Sie an Silvester auf ein Jahr voller Erinnerungen zurückblicken können.

Eine Möglichkeit besteht darin, Erinnerungen vor dem Verblassen zu bewahren – am besten, indem man sie immer wieder hervorholt. Schreiben Sie dieses Jahr Tagebuch. Blättern Sie zurück. Schwelgen Sie in Erinnerungen. Wer seine Erinnerungen lebendig hält, hält auch die Vergangenheit lebendig.

Der andere Weg erfordert etwas mehr Initiative, macht dafür aber umso mehr Freude. Denn die beste Methode, um zu verhindern, dass sich ein Jahr im Nachhinein »wie nichts« anfühlt, besteht darin, es mit vielen einzigartigen Erfahrungen zu füllen. Erkunden Sie im neuen Jahr Neues. Bestreiten Sie Abenteuer. Tun Sie etwas Verrücktes – etwas, das Sie nie vergessen werden. Ihre innere Uhr wird es Ihnen danken.

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