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Videobeweis im Fußball

Zeitlupe macht Schiedsrichter strenger

Gelbe oder rote Karte? Fußball-Schiedsrichter erkennen Fouls nicht besser, wenn sie ihnen in Zeitlupe gezeigt werden. Allerdings greifen sie zu härteren Strafen.
Protestresistent

Der »Videobeweis« nach Spielerverwechselungen oder Fouls im Strafraum ist kein unumstrittenes Thema bei vielen Fußballfans: Der Schiedsrichter kann sich dann eine Szene in Ruhe am Spielfeldrand auf einem Monitor ansehen und nachträglich bewerten. Ein Team der belgischen KU Leuven berichtet nun aber, dass Schiedsrichter zumindest bei Tackling-Fouls keine besseren Entscheidungen treffen, wenn sie ihnen in Zeitlupe gezeigt werden. Jedoch bestraften die befragten Profischiedsrichter solche Fouls im Zweikampf härter, wenn sie sie verlangsamt gesehen haben. Der größeren Strenge könnte eine unterbewusste Reaktion zu Grunde liegen, meinen die Forscher: Psychologen ist bereits bekannt, dass langsamer abgespielte Szenen von Beobachtern eher als beabsichtigt und zusammenhängend wahrgenommen werden, da die Akteure subjektiv mehr Zeit für ihre Handlungen haben. Die Schiedsrichter tendieren also unterbewusst dazu, dem Angreifer größere Schuld zuzuweisen.

Die Studie behandelte ausschließlich Tacklings. Abseitssituationen oder umstrittene Tore wurden nicht untersucht, da frühere Arbeiten zeigten, dass Zeitlupen tatsächlich dabei helfen, eine richtige Entscheidung zu treffen. Die Szenen, die die teilnehmenden Profischiedsrichter zu sehen bekamen, waren Ausschnitte aus echten internationalen Spielen. Sie wurden so ausgewählt, dass sie möglichst isolierte Fouls ohne Verwicklung von zu vielen Spielern darstellten und aus einer Perspektive »im Spiel« zu sehen waren. Ein Komitee aus zwei erfahrenen Exschiedsrichtern bewerteten die Situationen in Rücksprache mit dem Chef der UEFA-Schiedsrichter-Kommission Pierluigi Collina. Sie kannten dabei die Originalentscheidung im Spiel und hatten außerdem die Möglichkeit, die Szene mehrfach sowohl in Zeitlupe als auch in Echtzeit abzuspielen. So kam für jede Szene eine Referenzentscheidung zu Stande, an der die Entscheidung der Probanden sich messen musste. Diese konnten die Szenen aber nur ein einziges Mal sehen – entweder in Zeitlupe oder in Echtzeit. Dann mussten sie sich innerhalb von zehn Sekunden für ihr weiteres Vorgehen entscheiden. Jeder Schiedsrichter bekam gleich viele Zeitlupen- und Echtzeitausschnitte vorgelegt, um so die persönlichen Tendenzen der einzelnen Teilnehmer nicht in die Bewertung einfließen zu lassen.

Dass es überhaupt zu so einer Variation in der Höhe der Strafe kommt, dürfte mit der Subjektivität der Regeln zu tun haben, vermuten die Forscher. Laut FIFA wird eine gelbe Karte bei »rücksichtslosen« Fouls gegeben und eine rote bei »übermäßiger Härte«. Bei einem »fahrlässigen« Foul kommt der Angreifer ohne offizielle Verwarnung davon. Die im Regelwerk genannten Begriffe wie »rücksichtslos« stehen eng mit menschlichen Emotionen und wahrgenommenen Absichten in Verbindung. Daher könnten unterbewusste Effekte eine Rolle spielen: Seit den klassischen Experimenten von Michotte ist der Psychologie bekannt, dass die vom Beobachter wahrgenommene Geschwindigkeit einer Aktion Einfluss auf die scheinbare Absicht der Akteure hat. Der umgekehrte Effekt, nämlich dass vorhersehbare Szenen scheinbar schneller vergehen als völlig unvorhergesehene, ist eine weitere Erkenntnis neuerer Untersuchungen. Die gleiche Reaktion, die die Gruppe hier bei der Entscheidungsfindung der Schiedsrichter vermutet, wurde bereits in Überwachungsvideos von Raubüberfällen nachgewiesen. Die Teilnehmer der Studie hatten strengere Strafen für einen Raubüberfall gefordert, wenn sie ihn in Zeitlupe gesehen hatten.

3/2018 (August/September)

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum Psychologie, 3/2018 (August/September)

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