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Strategie »Zero Covid«: Sind null Neuinfektionen in Deutschland ein sinnvolles Ziel?

Je niedriger die Infektionszahlen, desto besser. Aber um welchen Preis? Forschende und Öffentlichkeit diskutieren aktuell über eine neue Corona-Strategie: »Zero Covid«, keine Neuinfektionen.
Anneliese Spies (88 Jahre alt) wartet nach ihrer Impfung gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 im Ruhebereich des zweiten Impfzentrums Berlins, im Erika-Hess-Eissatdion, auf ihren Ehemann.Laden...

Das Ziel der deutschen Regierung sollten nicht weniger Coronavirus-Neuinfektionen sein, sondern gar keine. So steht es beispielsweise in dem Aufruf »Zero Covid«. Auch die europäische Initiative »Contain Covid-19« plädiert für diese Strategie. Und ähnlich formulierten es zahlreiche Forschende in einer gemeinsamen Stellungnahme im Fachmagazin »The Lancet« im Dezember 2020. Ein »solidarischer europäischer Shutdown« sei nötig, um die Coronakrise ein für alle Mal zu beenden.

Doch die Pandemie ist ein Balanceakt zwischen Öffnen und Schließen, belasteten Familien und Gesundheitssystemen, notwendigen Umsätzen und einer schwächelnden Wirtschaft. Was also sagen Wissenschaftler verschiedener Disziplinen dazu? Ist es sinnvoll, in den kommenden Wochen die Null als Ziel zu setzen? Und falls ja: zu welchem Preis?

Bevor es um die Vor- und Nachteile einer Zero-Covid-Strategie geht – bei einer grundsätzlichen Frage sind sich die meisten Forschenden einig: Die Zahl der Neuinfektionen sollte so niedrig wie möglich liegen. Dann nämlich gibt es weniger Tote. Zudem werden weniger Menschen an Covid-19 erkranken und möglicherweise noch Monate später mit den Folgen zu kämpfen haben. Und die Wahrscheinlichkeit, dass sich Menschen in Pflegeeinrichtungen für Senioren infizieren – dort, wo das Virus besonders viel Schaden anrichten kann –, ist niedriger.

Zudem wäre das Infektionsgeschehen wieder leichter zu kontrollieren, dem Gesundheitssystem würde nicht der Kollaps drohen. Potenziell ansteckendere Virusvarianten könnten sich nicht so schnell verbreiten, und das Virus hätte weniger Gelegenheit zu mutieren. Und schließlich könnte sich jeder Einzelne freier bewegen.

Das steht fest.

Die Kurve mag flacher sein, doch die Ansteckungszahlen sind zu hoch

In der aktuellen Diskussion geht es um etwas anderes. Debattiert wird, welches Ziel die aktuellen Maßnahmen haben sollten. Denn klar ist auch: Jeder Schritt zur Eindämmung von Sars-CoV-2 hat seinen Preis. Die Politik muss eine Balance zwischen dem Schutz der Gesundheit und dem Wohlbefinden von Kindern, Senioren, Familien, Pärchen und Alleinstehenden sowie der Wirtschaft finden, die den Wohlstand in Deutschland erhalten soll.

Wie tödlich ist das Coronavirus? Was ist über die Fälle in Deutschland bekannt? Wie kann ich mich vor Sars-CoV-2 schützen? Diese Fragen und mehr beantworten wir in unseren FAQ. Mehr zum Thema lesen Sie auf unserer Schwerpunktseite »Ein neues Coronavirus verändert die Welt«. Die weltweite Berichterstattung von »Scientific American«, »Spektrum der Wissenschaft« und anderen internationalen Ausgaben haben wir zudem auf einer Seite zusammengefasst.

Nun haben die Maßnahmen, die seit November gelten, den Ausbruch bloß bedingt gebremst. Ist das Ziel der Null vor diesem Hintergrund überhaupt realistisch? Oder wäre es besser, zumindest im Winter mit wöchentlichen Infektionszahlen von 50 oder 100, 200 Neuinfizierten pro 100 000 Einwohner zu leben? Zumindest bis die Temperaturen steigen und eine Eindämmung leichter wird.

»Wir haben Probleme, das Virus mit den im Herbst beschlossenen Maßnahmen zu kontrollieren«
(Rafael Mikolajczyk, Epidemiologe)

In den vergangenen Wochen seit November haben die Menschen den Ausbruch in Deutschland quasi in gedrosselter Fahrt erlebt. In vielen Lebensbereichen wurde gebremst: Viele Freizeitaktivitäten ruhen, seit Museen oder Restaurants geschlossen wurden und Sportvereine ihren Betrieb eingestellten. Schulen und Kitas sind mittlerweile ebenfalls zu. Gleichzeitig ging die Arbeit vielerorts weiter. Häufig fuhren Menschen weiterhin ins Büro oder in den Betrieb. In der Folge ist die Kurve des Ausbruchs zwar abgeflacht und hat sich zwischen 15 000 und 30 000 Neuinfektionen am Tag auf einem vergleichsweise hohen Niveau eingependelt. Nicht selten starben dennoch geschätzt 1000 Menschen täglich nach einer Infektion – so viele wie noch nie während der Pandemie.

»Wir haben Probleme, das Virus mit den im Herbst beschlossenen Maßnahmen zu kontrollieren«, sagt der Epidemiologe Rafael Mikolajczyk von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg im Gespräch mit »Spektrum.de«. Das Ziel, die Infektionszahlen mit moderaten Maßnahmen zu mindern, sei verfehlt worden.

Der Winter und Mutationen erschweren die Kontrolle

Ein Grund dafür könnte der Winter sein. Wenn sich Menschen überwiegend in Innenräumen treffen, können sich Atemwegsviren wie Sars-CoV-2 besonders leicht ausbreiten. Auch aus diesem Grund hielt Klaus Stöhr, Virologe und ehemaliger Direktor des Influenza-Programms bei der Weltgesundheitsorganisation WHO, das Ziel niedriger Infektionszahlen von wöchentlich 50 pro 100 000 Einwohner oder niedriger für unrealistisch. »Man kann die biologischen Gegebenheiten einer Pandemie im Winter nicht ausschalten«, sagte er etwa im Interview mit dem MDR.

Der Epidemiologe Mikolajczyk hält die winterlichen Bedingungen ebenfalls für ein großes Hindernis. »Unter anderen Umständen hätte ich mich möglicherweise auch dafür ausgesprochen, auf besseres Wetter zu warten«, sagt er. »Dann hätten wir bessere Ausgangsbedingungen und somit bessere Chancen, dass die strengen Kontakteinschränkungen belohnt werden.« Denn in vielen Ländern könne man aktuell sehen, dass ein Drücken der Infektionszahlen auf ein niedriges Niveau allein nicht ausreicht, man müsse sie auch niedrig halten können. Das Beispiel Irland zeige das sehr deutlich. Dort waren nach dem Ende strenger Kontaktbeschränkungen die Infektionszahlen nach Weihnachten wieder um ein Vielfaches angestiegen.

B.1.1.7 sei ein Gamechanger. »Die neue Variante ist vielleicht gar nicht realistisch kontrollierbar«
(Rafael Mikolajczyk, Epidemiologe)

Mit der neuen Virusvariante B.1.1.7 sei allerdings ein »Gamechanger« aufgetreten, wie er es nennt, der ein sofortiges Handeln nötig mache. Die Variante wurde Anfang Dezember in Großbritannien entdeckt. Sie trägt mehrere Erbgutveränderungen in sich, durch die sie ersten epidemiologischen Untersuchungen zufolge leichter übertragbar ist als die bisherigen Varianten. »Das macht sie noch schwerer kontrollierbar, als es Sars-CoV-2 bisher schon war«, sagt Mikolajczyk. Aus diesem Grund solle eine Ausbreitung der neuen Variante in Deutschland mit allen möglichen Mitteln verhindert werden.

Die Reproduktionszahl, also die Zahl der Menschen, die ein Infizierter im Schnitt ansteckt, sollte auch für die neue, ansteckendere Variante konstant unter eins gedrückt werden. Denn je länger härtere Maßnahmen noch hinausgezögert würden, desto größer sei die Gefahr, dass später sowieso noch strengere Maßnahmen auf Grund der Überlastung des Gesundheitssystems erforderlich werden – zugleich aber schon hohe Todeszahlen auftreten, noch bevor sich die Impfungen auswirken. »Die neue Variante ist vielleicht gar nicht realistisch kontrollierbar«, sagt Mikolajczyk. »Aber wir können sie gerade noch so verlangsamen, dass wir wärmere Temperaturen und mehr durchgeimpfte Menschen erreichen.«

»Zero Covid« kann sinnvoll sein, wenn Nachbarländer mitmachen

Als Vorbilder für eine Zero-Covid-Strategie gelten neben einigen ostasiatischen Ländern Australien und Neuseeland. Dort ist aktuell Sommer, und beiden Ländern ist es gelungen, die Zahl der entdeckten Neuinfektionen beinahe gegen null zu drücken: In Australien gibt es seit September keine größeren Ausbrüche mehr, in Neuseeland ist die Zahl der Neuinfektionen seit April 2020 konstant niedrig.

An dem Vorgehen beider Länder orientierte sich ein Zusammenschluss von Expertinnen und Experten verschiedenster Disziplinen für ein in dieser Woche auf »Zeit Online« veröffentlichtes Strategiepapier. Darin rufen sie das Ziel »NO-COVID« aus und schlagen vor, dass Deutschland das Coronavirus proaktiv eindämmen sollte, statt wie bisher auf den Verlauf der Infektionszahlen zu reagieren. Unter anderem mit einer verstärkt regionalen Strategie.

Wo es regelmäßig viele Neuinfektion gibt, sollten strenge Maßnahmen gelten. Sobald es in Regionen keine mehr gibt, sollten diese zu »Grünen Zonen« erklärt werden. Die Menschen dort könnten zur Normalität zurückkehren, heißt es in dem Papier. Die Null solle wie in Australien oder Neuseeland als Anreiz dienen: Menschen, die etwa im Norden Deutschland leben, wo es oft vergleichsweise kleine Ausbrüche gibt, bekämen zum Beispiel mehr Freiheiten, wenn sie die Zahl der Neuinfektionen weiter senken.

Damit sich ein niedriges Niveau halten ließe, sei allerdings eine Ausdehnung von Grünen Zonen auf ganz Europa notwendig. »Deutschland als ein mitten in Europa gelegenes Land mit viel Grenzverkehr hat es ohne ähnliche Strategien in den Nachbarländern schwer, die Eintragung von Infektionen aus dem Ausland zu verhindern«, sagt auch der Epidemiologe Mikolajczyk, der nicht an dem Strategiepapier beteiligt war. Auf Inseln wie Australien oder Neuseeland sei es einfacher, Einreisebeschränkungen durchzusetzen.

Die Wirtschaft könnte von schnellen Maßnahmen profitieren

Die Frage, ob Deutschland die Strategie der vergangenen Wochen fortführen sollte, treibt auch Forscherinnen und Forscher aus der Wirtschaft um. Andreas Peichl gehört zu der Expertengruppe, die das Strategiepapier verfasst hat. Er ist Wirtschaftsprofessor an der LMU München und Forscher am ifo Institut, einem Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung.

»Wenn sich das noch bis Ostern zieht, können sich das viele Unternehmen nicht mehr leisten«
(Andreas Peichl, Wirtschaftsforscher)

Seiner Ansicht nach sind die Einschränkungen, die seit November gelten, bereits eine große Belastung für Unternehmen. »Sie müssen mit großen Unsicherheiten umgehen. Damit kommen wir langsam in eine Phase, in der sich abzeichnet: Wenn sich das noch bis Ostern oder gar darüber hinaus zieht, können sich das viele Unternehmen nicht mehr leisten.«

Aus wirtschaftlicher Sicht wäre es am günstigsten, gar keine Beschränkungen einzuführen. Das aber ist keine Option. Wer während der Pandemie das Gesundheitssystem schützen und die Wirtschaft dabei möglichst vor Schaden bewahren möchte, solle jedoch besser auf harte und vorübergehende Maßnahmen setzen, statt den Betrieb auf lange Zeit sanft herunterzufahren, sagt Peichl. Gemeint sind vor allem Arbeiten, die, ohne hohe Kosten zu verursachen, vorübergehend ausgesetzt oder zu Hause erledigt werden können. Nicht etwa eine hochautomatisierte Fabrik in der Autoindustrie oder Chemie.

Genauer untersucht hat Peichl diesen Zusammenhang bereits im Frühjahr, als die Eindämmungsmaßnahmen für eine sehr niedrige Zahl an Neuinfektionen im Land gesorgt hatten. Mit einem Team aus Epidemiologen und Wirtschaftsforschenden kam Peichl zu dem Ergebnis, dass ein starkes Senken der Infektionszahlen und anschließend schrittweise Lockerungen die günstigsten Voraussetzungen für die Wirtschaft bietet.

Am Ende ist es eine Frage der Psyche

Ob das Ziel »null Infektionen« erreicht werden kann, hängt nicht zuletzt von jedem und jeder Einzelnen ab. Dass es möglich ist, haben gerade die Menschen in Deutschland eindrucksvoll gezeigt. Weil sie sich im Frühjahr 2020 an strenge Kontaktbeschränkungen hielten und viel von zu Hause aus gearbeitet haben, gelang es, die meisten Landkreise den gesamten Sommer über coronafrei zu halten.

»Wenn ein Null-Neuinfektionen-Vorhaben gelingen soll, müssen die Menschen motiviert sein«
(Martin Härter, Psychologe)

Im Winter 2020/2021 hat sich allerdings eine gewisse Müdigkeit eingestellt, wie die repräsentative Cosmo-Umfrage von Forschenden der Universität Erfurt zeigt. Aktuellen Ergebnissen zufolge empfinden mehr als die Hälfte der Befragten die aktuelle Situation als belastend. Bei Personen unter 30 Jahren waren es sogar zwei Drittel; auch die Bereitschaft, sich an die Maßnahmen zu halten, war unter ihnen niedriger.

»Wenn ein Vorhaben mit möglichst niedrigen Neuinfektionen gelingen soll, müssen die Menschen motiviert sein«, sagt der Psychologe Martin Härter, Direktor des Instituts und der Poliklinik für Medizinische Psychologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Ein Blick auf die Maßnahmen zeige, dass es nur wenig gebe, was den Menschen noch weggenommen werden könne. »Wir können kaum irgendwo hingehen, kaum noch Leute besuchen, kaum reisen«, sagt der Psychologe. Härtere Maßnahmen träfen weniger das Privatleben als die Wirtschaft.

Was für das Ziel der harten Null spricht: »Wer ein positives Ziel hat, schafft es auch besser durch einen Marathon«, sagt Härter. Deshalb sieht er in der Strategie zumindest Potenzial. Wenn denn alle mitmachen.

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