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Regeneration: Wann kehrt das Leben in einen gerodeten Regenwald zurück?

Auf ehemaligen Weiden und Kakaoplantagen im Chocó-Regenwald in Ecuador wachsen wieder Bäume, Tiere bewegen sich durch die Kronen. Doch kann sich ein abgeholzter Regenwald überhaupt jemals vollständig erholen? Und wenn ja: Wie lange dauert das?
Ein ausgewachsener und ein junger Affe sitzen auf einem Ast in einem dichten, grünen Dschungel. Die Umgebung ist von großen Blättern und Zweigen geprägt. Der Affe blickt neugierig in die Kamera. Die Szene vermittelt einen Eindruck von natürlicher Wildnis und Biodiversität.
Der Braunkopfklammeraffe ist vom Aussterben bedroht. Im geschützten Regenwald von Canandé zeigen sich jedoch erste Erfolge: Die Bestände nehmen wieder zu.

Kurz nachdem wir den Wald betreten haben, hören wir es über uns rascheln. Kleine Äste fallen zu Boden, und wir ahnen sofort, wer hier unterwegs ist. Rund um unsere Forschungsstation im ecuadorianischen Chocó-Regenwald leben Braunkopfklammeraffen. Und wirklich: Durch die dichte Baumkrone blickt ein junges Männchen auf uns herab. Er greift einen Ast, klemmt einen anderen zwischen die Füße und wackelt heftig auf und ab. Er macht uns damit unverständlich klar: Wir sind hier nicht willkommen. Seine Aggression zeigt, dass er sich sicher fühlt und nicht bejagt wird.

Wir ziehen schnell weiter. Mehrere Stunden Fußmarsch durch den Matsch liegen noch vor uns. Unser Ziel ist ein klar abgegrenztes Waldstück, etwa 50 mal 50 Meter groß. Es ist einer von 62 sogenannten Plots, die wir im Rahmen des deutsch-ecuadorianischen Forschungsprojektes »Reassembly« seit mehreren Jahren systematisch beobachten. Einige dieser Flächen liegen in ungestörtem Regenwald, auch Primärwald genannt. Die meisten aber befinden sich dort, wo der Wald gerodet und sich nach Jahren der Nutzung als Weide oder Kakaoplantage wieder erholt.

Tropische Regenwälder werden weltweit in alarmierender Geschwindigkeit abgeholzt, etwa um sie als Weidefläche oder für den Anbau von Soja oder Kakao zu nutzen oder um Bodenschätze abzubauen. Das hat weitreichende Folgen. Denn Regenwälder gehören zu den artenreichsten Lebensräumen der Erde und spielen auch bei der Regulierung des Weltklimas eine entscheidende Rolle. Weltweit gingen 2025 rund 4,3 Millionen Hektar tropischer Primärwald verloren – etwa elf Fußballfelder pro Minute. So sind vom Chocó-Regenwald, der sich an der Westseite der Anden von Panama bis nach Ecuador erstreckt, nur noch rund zwei Prozent im westlichen Ecuador übrig.

Auch ein häufig verwendetes Maß für den »Wert« eines Ökosystems – die Artenvielfalt – greift oft zu kurz

Doch auf verlassenen landwirtschaftlichen Flächen können Wälder nachwachsen. Schätzungsweise 70 Prozent aller Regenwälder weltweit sind bereits derartige Sekundärwälder. Auch sie können bedrohten Tierarten einen Lebensraum bieten. Zu Beginn der 2000er-Jahre begann die ecuadorianische Umweltschutzorganisation Jocotoco damit, verlassene landwirtschaftliche Flächen gezielt unter Schutz zu stellen. Bisher war aber unklar, wie lange es braucht, bis die nachwachsenden Sekundärwälder den abgeholzten ursprünglichen Primärwäldern ähneln. Genau das wollen wir herausfinden. Wie schnell kehrt der typische Baumbewuchs zurück? Wann werden hier charakteristische Tiere wieder heimisch? Und wie weit kann ein Regenwald nach Rodung überhaupt wieder dem früheren Zustand nahekommen?

Ein artenreicher Regenwald ist intakt – oder?

Wer durch einen zehn Jahre alten tropischen Wald läuft, könnte meinen, dieser sei bereits wieder intakt. Schließlich wachsen hier zahlreiche, teils hohe Bäume. Doch der Eindruck trügt. Auch ein häufig verwendetes Maß für den »Wert« eines Ökosystems – die Artenvielfalt – greift oft zu kurz. Wie groß die Kluft zwischen scheinbarer und tatsächlicher Regeneration sein kann, zeigt eine Studie des Forstökologen Lourens Poorter von der niederländischen Universität Wageningen. Sein Forschungsteam verglich 77 unterschiedlich alte tropische Wälder in Mittel- und Südamerika sowie Afrika, die zuvor teils als Weide oder Ackerland genutzt worden waren. Die Auswertung ergab, dass Artenvielfalt beziehungsweise ökologische Funktionen innerhalb weniger Jahrzehnte weitgehend zurückkehren. Aber bis die typischen Baumarten eines Regenwalds wieder vollständig vertreten sind, vergeht deutlich mehr Zeit. Laut der in »Science« veröffentlichten Studie kann es rund 100 Jahre dauern, bis sich die charakteristische Zusammensetzung der Baumarten wieder einstellt.

Doch die Vegetation ist nur ein Teil, der das Ökosystem Regenwald ausmacht. Entscheidend ist zudem, wann die charakteristischen Tiergemeinschaften zurückkehren. Wie lange das dauert, ist bislang deutlich weniger erforscht. Und auch hier täuscht die reine Betrachtung der Artenvielfalt.

Unser Kollege Jörg Müller von der Universität Würzburg, der auch an unserem Projekt beteiligt ist, konnte anhand akustischer Daten 2023 zeigen, dass Vögel in offenen, stark gestörten Landschaften eine ähnlich hohe Artenvielfalt aufweisen wie in Primärwäldern. Einige Arten sind schlicht mobil genug, um in solch fragmentierten Landschaften zu bestehen. Andere profitieren sogar von den dort herrschenden Gegebenheiten. Gleichzeitig können viele der typischen Waldbewohner fehlen – zum Beispiel Arten, die auf die spezifischen Gegebenheiten eines Primärwalds spezialisiert sind, etwa auf eine geschlossene Baumkrone oder spezielle Mikrohabitate.

Erst wenn auch die für den Primärwald typischen Tierarten wieder vorkommen, kann man davon sprechen, dass sich ein regenerierender Wald dem ursprünglichen Zustand annähert. Denn bestimmte Tiergruppen sind für das Funktionieren des Regenwalds unverzichtbar. Rund 90 Prozent aller Baumarten im Wald sind darauf angewiesen, dass Tiere ihre Früchte und Samen verbreiten, 94 Prozent werden von Tieren bestäubt.

Der Regenwald erholt sich schneller als erwartet

Wie die Arten selbst sind solche komplexen Netzwerke zwischen den Spezies durch Störungen wie Abholzung enorm bedroht. Schwindet eine Tierart, kann das einen Dominoeffekt auslösen: Hängt von ihr die Bestäubung oder die Samenausbreitung einer weiteren Art ab, könnte diese ebenfalls aus dem Gebiet verschwinden. Um solche Zusammenhänge zu verstehen, reicht es daher nicht, einzelne Arten zu betrachten. Vielmehr muss man verfolgen, wie sich ganze Gemeinschaften von Pflanzen und Tieren im Lauf der Zeit verändern. Erschwert wird der Vergleich zwischen Primär- und Sekundärwäldern allerdings dadurch, dass sich auch Primärwälder in ihrer Artenzusammensetzung teils stark unterscheiden – in der Ökologie spricht man von Beta-Diversität. Dennoch ähneln sie sich in ihrer Zusammensetzung mehr als jungen Sekundärwäldern.

An dieser Stelle befindet sich eine Bildergalerie, die gedruckt leider nicht dargestellt werden kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis.

Wie sich die vielfältige Pflanzen- und Tierwelt im Regenwald erfassen lässt

Wir wollten herausfinden, ab wann sich die Zusammensetzung der Tiere und Pflanzen eines regenerierenden Sekundärwalds von der eines Primärwalds kaum mehr unterscheidet. Das von der Fundación Jocotoco seit mehr als 20 Jahren geschützte Gebiet bietet dafür perfekte Voraussetzungen. Dort existiert eine Mosaiklandschaft aus aktiv genutzten Kakaoplantagen und Weiden sowie bereits unterschiedlich lang regenerierenden Sekundär- und Primärwäldern. Diese verschiedenen Gebiete stellen eine sogenannte Chronosequenz dar. Statt die Regeneration eines einzigen Walds über Jahrzehnte zu verfolgen, beobachten wir viele unterschiedlich alte Sekundärwälder und ersetzen somit Zeit durch Raum.

Dabei gilt es, die Flächen sorgfältig auszuwählen. Sie müssen in ihrer Nutzungsgeschichte, in der Entfernung zu Primärwäldern und Landwirtschaftsflächen sowie in den Startbedingungen der Regeneration vergleichbar sein. Nur so lassen sich die Sekundärwälder in Bezug auf die Vielfalt und Zusammensetzung der Arten den Primärwäldern gegenüberstellen.

Wie misst man die komplexe Vielfalt eines Regenwalds?

Um zu verstehen, wie schnell sich ein Regenwald nach der Rodung tatsächlich erholt, erfassen wir in unseren Waldstücken 16 verschiedene Organismengruppen systematisch, darunter Bäume, aber auch Vögel, Fledermäuse und sogar Bakterien. Meist arbeitet dafür pro Gruppe ein Team aus zwei oder drei Fachleuten zusammen. Sie untersuchen 62 Flächen: 33 davon in Sekundär-, 17 in Primärwäldern sowie jeweils sechs Plots in Kakaoplantagen und auf Weiden. Um ausreichend Daten sammeln zu können, verbringen sie teils mehrere Tage am selben Ort – ein logistischer Aufwand, bei dem Verpflegung und Ausrüstung durch unwegsames Gelände transportiert werden müssen.

Jede der Gruppen erfordert eigene Messmethoden. So haben wir Fledermäuse nachts mit einem rund fünf Meter langen aufgespannten Netz eingefangen. Kamerafallen an strategisch sinnvollen Orten erlaubten die Aufnahme von am Boden lebenden Säugetieren und Vögeln. Mit Audiorekordern konnten wir die Geräusche von akustisch aktiven Tieren wie Vögeln, Fröschen und Insekten aufzeichnen und später auswerten – zunehmend mithilfe künstlicher Intelligenz. Eine der ungewöhnlichsten Methoden wird zur Bestimmung der Bestäuber genutzt. Hier schießen wir mit Pfeil und Bogen ein Seil in die Baumkrone, an welchem eine Duftfalle aufgehängt ist. Diese lockt Bienen und andere Bestäuber an, die später im Labor bestimmt werden.

Die Ermittlung der Arten macht den Großteil unserer Arbeit aus und ist angesichts der immensen Vielfalt des Regenwalds eine große Herausforderung. Zudem sind einige Arten – insbesondere Insekten – noch nie bestimmt worden. Bei Fröschen und Vögeln sind uns die meisten Arten bekannt und wir können sie häufig direkt im Feld anhand morphologischer Merkmale bestimmen. Bei artenreicheren Gruppen kommt das sogenannte Barcoding und Meta-Barcoding zum Einsatz. Dafür werden Proben mit ins Labor genommen, die DNA extrahiert und bestimmte DNA-Marker mit einer Referenzdatenbank abgeglichen.

Erst wenn für jeden Plot solche Daten vorliegen, lässt sich vergleichen, wie sich die Artengemeinschaften in Flächen mit unterschiedlicher Nutzung und in verschiedenen Stadien der Regeneration zusammensetzen und unterscheiden – und wie lange es dauert, bis sie dem Zustand von Primärwäldern nahekommen.

Trägt man das »Alter« einer Sekundärwaldfläche, also die Zeit seit Beginn der Regeneration, gegen die Ähnlichkeit der Artenzusammensetzung mit der eines Primärwalds auf, ergibt sich eine charakteristische Erholungskurve. Diese verläuft häufig nicht linear. Sie steigt zunächst relativ schnell an und flacht dann mit der Zeit ab. Hat die Erholungskurve einen hohen Ähnlichkeitswert zu den Primärwäldern erreicht – dabei nimmt man häufig 90 Prozent als Schwellenwert an –, so kann man von erfolgreicher Regeneration sprechen.

Erholung der Arten verläuft unterschiedlich schnell

Nach vier Jahren Forschung, in denen wir mehr als 10 000 Arten aus 16 Organismengruppen untersucht haben, zeigt sich ein ermutigendes Bild: Der Regenwald erholt sich schneller als erwartet. Die Artenvielfalt erreicht im Schnitt nach circa 30 Jahren, also etwa einer Menschengeneration, 90 Prozent des Niveaus eines Primärwalds. Die charakteristische Artenzusammensetzung regeneriert etwas langsamer. Im gleichen Zeitraum erlangt sie im Schnitt 75 Prozent des Werts von Primärwäldern.

Unsere Ergebnisse bestätigen damit, was in der Ökologie schon länger vermutet wird: Die Artenvielfalt allein ist kein zuverlässiges Maß, um zu beurteilen, ob sich ein Wald erfolgreich erholt hat. Denn wie unsere Daten zeigen, kehrt die Artenvielfalt mancher Organismengruppen bereits früh zurück.

Deutlich länger dauert es jedoch, bis sich in einem Gebiet die charakteristische Artenzusammensetzung eines Primärwalds wieder einstellt. Unsere Ergebnisse für die Bäume decken sich mit vorherigen Resultaten – ihre Regeneration dauert ungefähr 100 Jahre. Tiergruppen, die stark von einer spezifischen Waldstruktur abhängen oder wenig mobil sind, brauchen noch länger. So zeigen Bodenbakterien teils gar keine erkennbare Erholung in der Artzusammensetzung. Gliederfüßer im Laubstreu oder nachtaktive Insekten benötigen teils mehrere Hundert Jahre, bis sie sich vollständig erholen. Böden weisen somit langfristige Spuren der früheren Nutzung auf, auch dort, wo der Wald wieder belebt wirkt.

Einige Organismengruppen benötigen die speziellen mikroklimatischen Bedingungen, die ein ausgewachsener Wald mit sich bringt. Dazu gehören beispielsweise Frösche und verschiedene am Boden lebende Säugetiere oder Vögel. Diese Gruppen erholen sich dementsprechend etwa auf einer ähnlichen Zeitskala wie Bäume und benötigen zwischen 50 und 100 Jahre für die Regeneration.

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Viele Tier- und Pflanzengruppen erreichen bereits nach wenigen Jahrzehnten wieder hohe Artenzahlen und Individuenzahlen. Bis sich jedoch die für Primärwälder typische Artenzusammensetzung vollständig erholt, vergehen oft deutlich längere Zeiträume.

Die Punkte markieren für einzelne Organismengruppen – etwa Bakterien, Insekten, Frösche, Vögel oder Bäume – den Zeitpunkt, an dem 90 Prozent des Zustands von Primärwäldern erreicht sind, jeweils nach vorheriger Nutzung als Kakaoplantage (a) oder Weide (b). Die gestrichelte Linie steht für einen Zeitraum von 30 Jahren, also etwa einer Menschengeneration. Taxa, die mit einem Sternchen gekennzeichnet sind, wurde eine Erholungszeit von 0 Jahren zugewiesen.

Die Farbintensität der Symbole zeigt die Unsicherheit der Werte: Dunkle Punkte stehen für präzisere Schätzungen, helle für größere Unsicherheiten.

Viele mobile Tiere erholen sich schneller. Bei ihnen ähnelt die Artenzusammensetzung bereits innerhalb weniger Jahre bis Jahrzehnte derjenigen ursprünglicher Regenwälder. So erreichen Fledermäuse auf ehemaligen Kakaoplantagen nach rund sechs Jahren vergleichbare Werte; auf früheren Weiden dauert das etwa 18 Jahre. Auch Vogelgemeinschaften unterscheiden sich meist nach zwei bis drei Jahrzehnten kaum noch, während Bienen dafür im Schnitt 18 Jahre nach Kakaoanbau und gut 30 Jahre nach Weidenutzung brauchen.

Die relativ frühe Rückkehr dieser Tiere dürfte zudem eine positive Rückkopplung anstoßen: Fledermäuse, Vögel und Bienen finden bereits in den frühen Regenerationsstadien der Sekundärwälder ausreichend Nahrung und fördern durch Bestäubung und Samenverbreitung die für Primärwälder typischen Bäume. Sie können damit die Wiederherstellung des gesamten Ökosystems beschleunigen. Viele Tiergruppen erholen sich auf ehemaligen Kakaoplantagen schneller als auf Weiden. Vermutlich bieten diese Flächen mehr Schatten, eine höhere Luftfeuchtigkeit und zusätzliche Ressourcen, die eine Wiederbesiedlung erleichtern.

Regenwälder zeichnen sich durch komplexe Netzwerke aus

Eine schnelle Erholung eines abgeholzten Regenwalds setzt jedoch bestimmte Bedingungen voraus, zum Beispiel die Nähe zu noch intakten Gebieten. In Mosaiklandschaften können sich gerodete Flächen in relativ kurzer Zeit aus den verbleibenden Wäldern heraus wiederbesiedeln. So eine natürliche Wiederbewaldung ist eine kostengünstige Alternative zur aktiven Aufforstung. Zudem verringert sie das Risiko, standortfremde Arten einzubringen, die womöglich sofort sterben oder die natürliche Zusammensetzung in diesem Gebiet verfälschen.

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In anderen Gebieten dagegen, in denen sehr große Flächen abgeholzt wurden, benötigen die vielfältigen Artengemeinschaften vermutlich deutlich länger, um sich zu erholen. Hier kann höchstwahrscheinlich nur ein gezieltes Management die Regeneration fördern, vor allem das Pflanzen heimischer Baumarten. Und es gibt Grenzen: Tierarten, die aufgrund der Abholzung lokal ausgestorben sind, können nicht mehr auf natürlichem Weg zurückkehren. Dennoch zeichnet unsere Forschung ein hoffnungsvolles Bild. Werden nachwachsende Regenwälder über Jahrzehnte geschützt, können sie sich erholen und sind dann kaum noch von Primärwäldern zu unterscheiden.

Weniger klar ist jedoch, wie sich das Zusammenspiel bestimmter Arten entwickelt, also etwa Netzwerke von Bestäubern, Samenverbreitern oder Zersetzern. Viele Forscher gehen davon aus, dass solche komplexeren Beziehungen innerhalb eines Ökosystems länger brauchen, um sich zu regenerieren. Denn sie könnten sensibler auf Störungen reagieren als die einzelnen Populationen der Arten.

Unter bestimmten Bedingungen stellen sich derartige Interaktionen aber schnell wieder ein, beispielsweise wenn einzelne Bäume von der Abholzung verschont bleiben und Vögel oder andere Samenverbreiter anlocken. Das zeigen sowohl theoretische Vorhersagen als auch Beobachtungsstudien. So hat ein internationales Forschungsteam um die Ökologin Anna Landim, die ebenfalls an unserem Projekt beteiligt ist, gezeigt, dass das Zusammenspiel von Pflanzen und Tieren bei der Samenverbreitung bereits nach rund zwei Jahrzehnten wieder funktioniert – vorausgesetzt, die Flächen sind ausreichend mit umliegenden Wäldern vernetzt. In weniger miteinander verbundenen Landschaften dauert dieser Prozess deutlich länger.

Resilienter als lange angenommen

Einzelne Studien liefern also erste Hinweise, wie schnell sich solche Netzwerke regenerieren, aber es braucht hierzu noch mehr Forschung. Genau solche Zusammenhänge wollen wir im Projekt »Reassembly« weiter untersuchen. Sollten sich Interaktionsnetzwerke auf einer ähnlichen Zeitskala erholen wie die Artenvielfalt und die Artenzusammensetzung, wäre das ein weiteres Zeichen dafür, dass die natürliche Regeneration von ehemaligen Kakoplantagen oder Weiden einen wichtigen Beitrag zum globalen Schutz tropischer Regenwälder leisten kann.

Das zeigt auch der Klammeraffe, der uns zu Beginn unserer Wanderung begegnet ist. Er gehört bereits zu den großen Gewinnern des Naturschutzes im Chocó-Regenwald. Vor circa zehn Jahren wurde die Population dieser kritisch vom Aussterben bedrohten Art auf weniger als 500 Individuen geschätzt. Heute leben allein schon im Canandé-Reservat rund um unsere Forschungsstation um die 800 Tiere. Naturschutz zahlt sich also aus, und Ökosysteme können sich dann nach Störungen wieder regenerieren. Tropische Regenwälder sind demnach deutlich resilienter als lange angenommen.

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  • Quellen
  • Metz, T. et al., Nature 10.1038/s41586–026–10365–2, 2026
  • Müller, J. et al., Nature Communications 10.1038/s41467–023–41 693-w, 2023
  • Poorter, L. et al., Science 10.1126/science.abh3629, 2021

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