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News: Zeugen des Reichtums

Eine Brücke aus Silber über den Atlantik könne man aus dem Edelmetall schmieden, das spanische Konquistadoren in der Neuen Welt erbeutet hätten, so das Sprichwort. Den Wert des Silbers hatten frühe Hochkulturen indes offenbar schon lange vor der Entdeckung der Neuen Welt entdeckt.
Ausgehöhlt von den unzähligen Silberminen vergangener Jahrhunderte ragt der Kegelberg des Cerro Rico fast 4900 Meter hoch in die dünne Luft der südamerikanischen Anden. Zu seinen Füßen: Die heute verschlafen vor sich hin bröckelnde koloniale Pracht der einstmals reichsten Stadt der Erde, Potosí. Im 15. Jahrhundert, dem Zeitalter der spanischen Konquistadoren auf der Höhe ihrer Macht in Südamerika, pflasterten hier bei Prozessionen Silberbarren buchstäblich die Straßen der von 160 000 Menschen bewohnten Weltmetropole, und nicht weniger als 36 Casinos buhlten um die Gunst der Reichen und Neureichen.

Grundlage des Rausches war der schier unerschöpfliche Silbervorrat des Cerro Rico – des "reichen Berges" – über der in der frühen Neuzeit boomenden kolonialen Metropole: Schätzungen zufolge stammte bald etwa die Hälfte des gesamten Weltsilbers aus den Minen der Andenstadt und deckte damals fast ein Viertel des aufgebläht opulenten Haushaltbudgets der spanischen Krone.

Die Entdeckung des Silberbergs durch die Spanier verliert sich im Dunkel der Mythologie: Einheimischen Chroniken zufolge sei Silber zunächst unter dem elften Inkaherrscher Huayna Capac gefunden worden. Eine wohl ebenso egozentrische Legende der Inka wie jene der Europäer, die Konquistadoren hätten Amerika für die Menschheit "entdeckt". Wie Mark Abbott von den University of Pittsburgh und Alexander Wolf von der University of Alberta in Edmonton nun zeigen, hatten schon frühe Indianerkulturen den unermesslichen Reichtum des Cerro Rico zu schätzen gewusst – lange vor Huayna, dem legendären Inkaherrscher des 15. Jahrhunderts.

Beweise für diese Aussage entdeckten die Forscher in den Sedimenten der Laguna Lobato, eines kleinen Sees unweit des Silberberges. Hier haben sich über Jahrhunderte hinweg durch die Luft eingetragene Spuren von Metallen abgelagert. Ein Sedimentbohrkern vom heutigen Seegrund in etwa 70 Zentimeter Tiefe wird dadurch zu einer geschichteten Stichprobe der atmosphärischen Stoffkonzentrationen der vergangenen 1300 Jahre – und so auch zu einer Dokumentation der Metallverarbeitungshistorie in dieser Andenregion.

In allen Sedimentschichten der Jahre 1400 bis etwa 1800 wiesen die Forscher extrem erhöhte Mengen von Blei und Antimon nach: beides Metalle, die bei der Silbergewinnung aus dem lokalen Erz anfallen und dabei in die Atmosphäre freigesetzt werden. Schon vor der Ankunft des Südamerika-Eroberers Pizarro hatten die Inka also Silber aus den Erzen des Cerro Rico geschmolzen.

Und offenbar noch weit davor: Schon in Sedimenten des zwölften Jahrhunderts finden sich die verräterrischen Blei- und Antimonspuren. Die mittelalterlichen Erzschmiede Südamerikas müssen, so mutmaßen die Forscher, offenbar zur Tiwanaku-Hochkultur gezählt haben, deren Zentrum sich lange vor den Inka im Bereich des südlichen Titikakasees ausdehnte. Die Kultur ist allerdings nicht für ihre ausgeprägte Silberschmiedekunst bekannt – vielleicht, so Abbott, seien die Schmuckstücke nach dem Zusammenbruch der Kultur verstreut und von nachfolgenden Kulturen eingeschmolzen und zerstört worden.

Interessant für Metallurgen ist auch ein im See-Sediment niedergelegtes Kapitel um das Jahr 1500: Dort ist neben Blei und Antimon plötzlich ein deutlicher Anstieg des Atmosphärengehaltes von Wismut, Zinn und Silber nachweisbar – der etwa 100 Jahre später genauso plötzlich wieder verschwand. Daran nun können die Wissenschaftler die technologische Entwicklung des Erzabbaus der spanischen Eroberer festmachen: Bei der althergebrachten huayra-Erzbehandlung der Inkas in so genannten soroches verdampfte zwar Blei in großen Mengen, nicht aber Wismut, Silber und Zinn. Alle diese Abfallprodukte entwichen allerdings, sobald die frühen spanischen Kolonisten mit ihren gebräuchlichen und ineffizienten Erzschmelzen aus kastilischen Ziegeln experimentierten. Schließlich legten die Spanier die Erzproduktion wieder in die Hände erfahrener Inka-Erzschmelzer und ihrer soroches – Technologietransfer einmal anders herum.

Mit dem Aufkommen der Quecksilber-Amalgations-Technik als Silbererz-Extraktionsmethode verschwanden dann nach 1600 Wismut, Zinn und Blei aus Atmosphäre und Sedimenten. Und im 17. Jahrhundert erschöpften sich auch langsam die Vorräte des Cerro Rico – zwischen 20 000 und 40 000 Tonnen Silber, so schätzen die Forscher, waren seit 1545 aus den Eingeweiden des "reichen Berges" geholt worden. Einen heftigen Ausschlag weisen die Sedimente noch auf: Zinn in extremen Mengen und ein wenig Wismut dokumentieren den kurzen, aber heftigen Zinnboom, der Potosí in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts Jahren noch einmal aus der zunehmenden Tristesse riss.

Das letzte Aufflackern einer bedeutenden Minenhistorie. Heute arbeiten Menschen für wenige Cents in der Woche im Minenlabyrinth des Cerro Rico daran, dem Gestein die letzten, kaum lohnenden Zinn- und Zinkreste abzutrotzen – kümmerliche Spuren des einstmals legendären Metall-Reichtums. In der reichen Sedimentgeschichte der Laguna Lobato werden sie sich nicht mehr messbar niederschlagen.

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