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News: Zu früh gefreut

Als auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán die Überreste eines riesigen Kraters gefunden wurden, schien der Übeltäter endgültig überführt: Ein Asteroid hatte vor 65 Millionen Jahren eine verheerende Katastrophe ausgelöst, der auch die Dinosaurier zum Opfer gefallen sind. Doch es könnte sein, dass dieser Asteroid hierfür ein wenig zu früh einschlug.
EinschlagLaden...
Das Geschoss kam von Südosten und traf im flachen Winkel auf. Die Folgen waren verheerend: Glühender Schutt wurde hunderte von Kilometer nach Nordwesten geschleudert und entfachte einen Feuersturm, der binnen Minuten fast alles Leben auf dem nordamerikanischen Kontinent vernichtete. Eine Staubwolke, aus der saurer Niederschlag nieder prasselte, umhüllte den Planeten und sorgte für eine mehrere Jahre andauernde weltumspannende Nacht. Auf der ganzen Erde gingen Pflanzen, ihrem Lebensspender Licht beraubt, zu Grunde und mit ihnen die von ihnen abhängigen Tiere. Erst allmählich erholte sich das Leben auf der Erde und richtete sich neu ein.

So ähnlich sieht das Szenario aus, das eines der großen Rätsel der Erdgeschichte erklären soll: das Massenaussterben am Ende des Erdmittelalters. Denn damals, vor 65 Millionen Jahren, verschwanden mehr als die Hälfte aller im Meer lebenden Arten sowie zahlreiche Familien landlebender Pflanzen und Tiere – unter ihnen auch die Dinosaurier. Lange mussten irdische Ereignisse, wie Vulkanausbrüche und Klimaveränderungen, für diesen drastischen Einschnitt herhalten, der den Übergang von der Kreidezeit zum Tertiär markiert.

Doch die amerikanischen Geowissenschaftler Walter und Luis Alvarez setzten auf eine Katastrophe kosmischen Ausmaßes. Bestätigt wurden sie in ihrem Verdacht, als sich herausstellte, dass weltweit die Sedimente des Erdmittelalters und die der Erdneuzeit von einer dünnen Tonschicht getrennt werden, die reich an Iridium ist. Dieses Element kommt äußerst selten auf der Erde vor, ist aber nicht ungewöhnlich für Meteoriten.

Die letzten Zweifel an der Einschlaghypothese schienen ausgeräumt, als Anfang der neunziger Jahre der mögliche Ort der kosmischen Katastrophe ausgemacht war: Auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán existiert ein mindestens 180 Kilometer breiter, allerdings heute kaum noch wahrnehmbarer Krater, der einst von einem etwa zehn Kilometer großen Meteoriten verursacht worden sein muss. Die Datierung des Chicxulub-Kraters ergab das Alter von 65 Millionen Jahren – also genau passend.

Im Rahmen eines internationalen Forschungsprojektes, des International Continental Scientific Drilling Program, wird nun der Chicxulub-Krater genauestens unter die Lupe genommen. Unter den Wissenschaftlern ist auch Gerta Keller vom der Princeton University, die zusammen mit ihren Kollegen, darunter Utz Kramer und Doris Stüben von der Universität Karlsruhe, verschiedene Bohrkerne aus dem Krater untersucht hat. Und einer dieser Bohrkerne will nicht so ganz in das Katastrophenszenario passen.

Der Kern Yaxcopoil-1 stammt etwa 60 Kilometer vom Kraterzentrum und reicht bis in 1511 Metern Tiefe. Zwischen 800 und 900 Metern Tiefe fanden die Forscher – wie erwartet – eine Gesteinsschicht, die unter Geologen als Suevit bekannt ist. Dabei handelt es sich um eine so genannte Impaktbrekzie, ein Gestein, das durch die plötzlich auftretenden hohen Temperaturen bei einem Meteoriteneinschlag entsteht. Seinen Namen hat Suevit – zu deutsch "Schwaben-Gestein" – vom Nördlinger Ries in Nordbayern, das ein Meteorit vor 15 Millionen Jahren geschaffen hatte.

Soweit war alles im grünen Bereich. Stutzig wurden allerdings die Forscher, als sie die ersten 50 Zentimeter oberhalb der Suevit-Schicht analysierten. Denn hier fanden sie die Überreste von mikroskopisch kleinen Planktonorganismen, die typischerweise zum Maastricht, der letzten Epoche der Kreidezeit, gehören. Hier hatten also Organismen gelebt, die durch den Meteoriten eigentlich längst ausgestorben sein müssten.

Oberhalb der 50 Zentimeter lag ein harter Schnitt vor: Die Plankter des Maastricht verschwanden, und neue Arten tauchten auf, die aus der ersten Epoche des Tertiärs, dem Dan, stammen. Die Kreide-Tertiär-Grenze lag also nicht unmittelbar in der Schicht des Einschlags, sondern deutlich darüber. Nach den Berechnungen der Wissenschaftler hatte die Kreidezeit noch mindestens 300 000 Jahre nach der Chicxulub-Katastrophe angedauert.

Demnach wäre die Geschichte des Untergangs der Dinosaurier doch nicht so einfach, und die alten Theorien, wie Vulkanismus und Klimaänderungen, müssen wieder herhalten. Nach Ansicht der Forscher war die Chicxulub-Katastrophe nur eines von vielen Ereignissen, die das Leben auf der Erde drastisch umstellten. Und vielleicht gab es unmittelbar danach noch einen zweiten Asteroiden, der den Wesen des Erdmittelalters den Rest gegeben hatte. Dessen Krater müsste aber noch gefunden werden.

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