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News: Zu hoch gegriffen

Als wahre Herrscher der Erde sind die Insekten anzusehen - zumindest zahlenmäßig. Mit weltweit etwa einer Millionen beschriebenen Arten schraubt ihre Vielfalt auch die Schätzungen zur Gesamtartenzahl auf unserem Planeten in schwindelnde Höhen. Doch die Zahlenwerte von bis 30 Millionen verschiedenen Organismen sind wahrscheinlich zu hoch angesetzt, denn aus der Anzahl der Pflanzen lassen sich keine direkten Rückschlüsse auf die Fülle der von ihnen zehrenden Insekten ziehen, wie ursprünglich angenommen: Aufgrund der wenig wählerischen Kerbtiere auf Neu Guinea müssen die Hochrechnungen nun nach unten korrigiert werden.
Vielfalt ist ein Markenzeichen allen Lebens auf der Erde. Diese Devise gilt insbesondere für die Insekten, die beinahe jeden terrestrischen Lebensraum bevölkern und sich im Süßwasser ebenso heimisch fühlen wie in der Luft. Mit 860 000 bisher bekannten Arten übertreffen sie alle übrigen Lebensformen zusammen. Denn bislang haben Wissenschaftler weltweit insgesamt über 1,5 Millionen verschiedene Arten beschrieben – Tendenz steigend, da sich die Liste alljährlich zwangsläufig um Tausende neuentdeckter Organismen erweitert. Dementsprechend fallen auch die Hochrechnungen zur Gesamtartenzahl auf der Erde aus: Jene Schätzungen reichen von 5 Millionen bis zu über 30 Millionen.

Um in Zeiten der immer rasanteren Umweltzerstörung abschätzen zu können, wie schnell der Artenverlust fortschreitet und um geeignete Gegenmaßnahmen zum Schutz der Ökosysteme mitsamt ihren Bewohnern zu ergreifen, sind jedoch realistische Zahlenwerte unbedingte Voraussetzung. Aus diesem Grund versuchte ein internationales Forscherteam bestehend aus George Weiblen von der University of Minnesota und Mitarbeitern des Smithsonian Tropical Research Institute sowie der Academy of Sciences of the Czech Republic nähere Details zur Artenvielfalt zu enthüllen.

Als Freilandlabor für ihre langangelegte Studie wählten die Forscher die Insel Neu Guinea, deren Tropenwälder allein fünf Prozent der weltweiten Biodiversität ausmachen. Im Brennpunkt ihrer Untersuchungen standen 51 verschiedene Pflanzenarten, von denen der Großteil zu den Familien der Feigenbäume, Maulbeerbäume sowie der Kaffeesträucher zählte. Mithilfe von DNA-Sequenzen gewannen die Wissenschaftler Erkenntnisse über deren Verwandtschaftsverhältnisse. Gleichzeitig verglichen sie die Insektengemeinschaften miteinander, die sich jeweils von den einzelnen Pflanzen ernährten.

Bislang gingen Forscher von der Annahme aus, dass sich jedes vegetarisch ernährende Insekt auf eine einzige oder einige wenige Pflanzenarten spezialisiert hat. Demnach müsste die Anzahl der herbivoren Kerbtiere in engem Zusammenhang mit der Anzahl an verschiedenen Pflanzen stehen. Doch weit gefehlt, wie nun das Team um Weiblen herausfand: In den Tropenwäldern Neu Guineas dominierten Anhäufungen nah verwandter Pflanzenarten, wobei die meisten von ihnen zehrenden Insekten keinesfalls eine Vorliebe für eine spezielle Art zeigten.

Vielmehr gehören offenbar auch mehrere enge Verwandte einer Pflanzengattung oder -familie zu den Nahrungslieferanten einer Insektenart. Nur einige wenige unter ihnen sind tatsächlich extreme Spezialisten. Da sich die Anzahl der Kerbtier-Arten demnach auf eine breitere und damit zahlenmäßig geringere Kategorie von Pflanzen aufteilt, muss sie – entgegen früheren Annahmen – nach unten korrigiert werden. Und so berechneten die Wissenschaftler nicht nur die Fülle an pflanzenfressenden Insekten neu, sondern setzten jene Werte auch in Gleichungen ein, mit deren Hilfe sich die Gesamtartenzahl auf der Erde bestimmen lässt.

Wie Hochrechnungen ergaben, fällt die Biodiversität weitaus geringer aus, als einige Experten vorausgesagt hatten. Nicht annähernd 31 Millionen verschiedene Organismen besiedeln demnach die Lebensräume der Erde, sondern vermutlich eher zwischen 4,8 und 6 Millionen Arten. "Unsere Schätzungen bringen etwas Realität in die Voraussagen über die abnehmende Artenvielfalt im Hinblick darauf, dass die Konsequenzen für die pflanzenfressenden Insekten beim Verlust einer Wirtspflanze eventuell nicht so düster sind wie ursprünglich vermutet", betont Weiblen und fügt hinzu: " Dies ist jedoch kein Grund, um die schwindende Anzahl von Arten zu ignorieren."

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