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Psychopharmaka: Zu Risiken und Nebenwirkungen

Auch bei hochwirksamen Antidepressiva sollte niemandem egal sein, wie die enthaltenen Inhaltsstoffe der Mittel genau arbeiten. Schließlich lauern bei Eingriffen in das verschlungene Räderwerk Gehirn immer wieder Überraschungen - erfreuliche, bedrohliche und gänzlich unvermutete.
Die derzeit modernsten Antidepressiva sind spätestens seit dem vergangenen Jahr auch die umstrittensten: SSRI-Medikamente, die so genannten selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, helfen vielen Patienten mit unterschiedlichen Formen einer depressiven Erkrankung ein unbeschwerteres Leben zu führen. Sie stehen aber nach jüngsten Erkenntnissen auch im Verdacht, bei Jugendlichen selbstmordgefährdende Gedanken auszulösen, sowie tief in die spätere Entwicklung des Gehirns einzugreifen. Eine Vielzahl von Studien beschäftigt sich – nach Bekanntwerden der kontroversen Ergebnisse und lange nach der Zulassung der SSRIs für den Einsatz am Menschen –, mit den Wirkungen der heilsamen Drogen.

Das bringt, wohl ein positiver Nebeneffekt, die Verbreitung von Gemütskrankheiten ebenso zurück in die öffentliche Diskussion wie die Praxis der Medikamentenzulassung. Rückwirkend wird nun auch noch genauer unter die Lupe genommen, wie, wo und auf welche Weise die depressionslindernden Medikamente in das noch unverstanden komplexe biochemische Geschehen des Gehirns eingreifen. Fu-Ming Zhou von der Universität Tennessee und seine Kollegen liefern nun die jüngsten Einblicke in die Wirkungslawine, die von SSRIs losgetreten wird [1].

Klar war, dass die SSRIs Transportmoleküle blockieren, die im Normalfall das Nervensignal Serotonin zeitgerecht aus dem Weg räumen, sobald die Arbeit dieses Neurotransmitters getan ist. Die Transporter arbeiten dabei also als Signal-Ausschalter: Sie entfernen Serotonin aus dem Spalt zwischen zwei Nervenzellen, um eine dauernde Aktivierung des nachgeschalteten Neurons zu unterbinden. Werden diese Transportvorgänge durch SSRIs blockiert, so verlängert sich die Aufenthalts- und Wirkdauer des Signals in der Synapsenschaltung – und genau das scheint bei Depressionen zu helfen, geht die Krankheit doch nachweisbar mit einem Mangel an Serotonin im Gehirn einher.

Fu-Ming Zhous Team interessierten sich nun dafür, was die durch SSRIs künstlich verlängerte Verweildauer von Serotonin in den Synapsen außerdem bewirkt. Ins Blickfeld rückten dabei jene Transporter in den Nervenzellmembranen, die andere Transmitter als Serotonin aus dem synaptischen Spalt geleiten – etwa das Dopamin. Der Verdacht von Zhou und Kollegen: Wenn Serotonin im synaptischen Spalt wegen der Blockade des Serotonintransporters verbleibt, schnappen sich auch benachbarte Dopamintransporter das Serotonin und vermischen es beim Transport mit dem eigentlichen Transportgut, dem Dopamin.

Genau diese Dopamintransporter-Fehlladung konnten die Forscher nun tatsächlich im Gehirn von Mäusen nachweisen: Wurden die Tiere mit SSRIs behandelt, dann begannen die Dopamin-Transportmoleküle der Synapsen der Tiere nach einiger Zeit auch Serotonin zu transportieren. Natürlich blieb das nicht ohne Folgen für den Ablauf der Dopamin-Signalweiterleitung. Die beiden Neurotransmitter vermischten sich in den eigentlich strikt als Dopaminreservoir gedachten Sammelbläschen der Nerven – wurde dieses nach außen entleert, schüttete die Zelle statt reinem Dopamin ein Gemisch mit Serotonin aus.

Fragt sich, ob Derartiges gut oder schlecht ist – vielleicht führt gerade der Einfluss auf den Dopamin-Stoffwechsel des Gehirns zu den von den Patienten als heilsam empfundenen Veränderungen? Dafür spricht etwa, dass die Wirkung von SSRIs fast immer erst einige Tage nach der erstmaligen Medikamentengabe beim depressiven Patienten einsetzt – obwohl doch die Serotoninmenge unmittelbar ansteigen sollte.

Vielleicht wirken SSRIs durch eine mittelfristig einsetzende zelluläre Anpassungsreaktion der Gehirnneuronen-Biochemie auf den Serotoninverbleib im synaptischen Spalt. Vielleicht sorgt dies aber auch langfristig für Schäden der Gehirnkommunikation – wie etwa den Entwicklungsstörungen, die in früheren Experimenten bei jungen Mäusen auftraten, die man von Geburt an mit SSRIs behandelt hatte. Jedenfalls ist das Ergebnis ein weiterer Warnschuss vor den Bug derjenigen, die allzu sehr auf primär erfreuliche Wirkungen von Medikamenten schauen und allzu wenig auf mögliche langfristige Nebeneffekte und Reaktionen.

Und apropos langfristig: Offenbar sind für länger anhaltende Erfolge beim Zurückdrängen von leichten und schweren Depressionen Antidepressiva ohnehin nicht Mittel der Wahl. Eine Studie an 240 depressiven Patienten über 16 Wochen belegte nun, dass sich der Zustand von medikamentös behandelte Depressiven zwar durchaus bessert – dass ebensolche Erfolge aber auch mit einer kognitiven Verhaltenstherapie erreicht werden können [2]. Und nur mit intensiver psychologischer Betreuung über längere Zeit war auch das Risiko eines Rückfalls innerhalb der nächsten zwei Jahre zu minimieren, berichten die Studienleiter um Robert DeRubeis von der Universität von Pennsylvania. Kein Grund, gänzlich auf die Hilfe von Antidepressiva zu verzichten – ganz alleine und wie auf Knopfdruck werden Medikamente der wachsenden Zahl von Depressionserkrankungen nicht Herr werden können.
07.04.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 07.04.2005

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