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Insektensterben: Zuchthummel mit Kollateralschaden

Weltweit scheinen Bienen und Hummeln nicht mehr mit der Umwelt zurechtzukommen: In Europa sterben die Völker an verschiedenen Krankheiten und Giften, in Amerika rafft eine mysteriöse Erkrankung die emsigen Pollensammler dahin. Die Suche nach Schuldigen sorgt indes für immer neue dringend Verdächtige am Pranger.
Eines hatten Tomatenzüchter weltweit bald verstanden: Mutter Natur kann's am besten, also sollte man sie auch einspannen, wenn es billig, wirksam und ertragreich sein soll. So begann einst die steile Karriere von gezielt eingesetzten Bestäuberinsekten in den großen Treibhäusern der Industrieländer: Viel effizienter als die früher mühevolle künstliche Pollenübertragung auf heranwachsende Reihenpflanzen, sorgen nun längst eigens eingesetzte Insektenhelfer für nachwachsenden Nachschub im Markt der hungrigen Konsumenten der Industrieländer. Gurken, Pfeffer oder eben Tomaten gehören zu den mindestens 20 Agrarpflanzen, die besonders in den USA und Kanada häufig ausschließlich durch in den riesigen Gewächshäusern festangestellte Zuchtvölker bestäubt werden.

Leider aber macht die Natur, wenn sie schlecht kopiert wird, große Probleme: Zwar bestäuben die eingespannten Insekten schnell und flächendeckend, leider aber leiden sie deutlich häufiger als in freier Wildbahn unter allerlei Krankheiten. Ursache sind die unnatürlich engen Bedingungen der Zuchtanlagen, in denen viele Erreger ideale Bedingungen vorfinden: Ohne viel Mühe verbreiten sie sich, befallen den ganzen Stamm und sorgen nicht selten für den gefürchteten raschen Tod des ganzen Volkes.

Zunächst ist dies als ökonomisches Problem angesehen worden – immerhin werden allein in den USA durch die häufig eingesetzte Zuchthummel, die schneller im Jahr mit ihrer Arbeit beginnt als etwa eine Biene, Pflanzen im Wert von 12 Milliarden US-Dollar bestäubt. Kein Wunder aber, dass der auch menschengeförderte Bestäubertod im Gewächshaus schon bald auch außerhalb des Glashauses sehr kritisch beäugt wurde – spätestens, seit in freier Wildbahn immer Besorgnis erregendere Seuchen wie die mysteriöse Colony Collaps Disorder (CCD) unter Bienen um sich greifen. Sie raffte ein Viertel der rund 2,4 Millionen Bienenvölker in den USA dahin und betraf dabei in manchen Region 50 und 90 Prozent der Staaten. Auch Deutschland, die Schweiz, Spanien, Italien und Portugal meldeten im vergangenen Jahr Fälle.

Mysteriöses Massensterben

Die Ursachen der CCD sind immer noch unzureichend verstanden – offenbar führen mehrere Faktoren dazu, dass die Arbeiterinnen der betroffenen Völker ihren Stock aufgeben, auf Nimmerwiedersehen verschwinden und ihren Bau mitsamt Königin, Nachwuchs und nahrhaft gefüllten Waben ihrem Schicksal überlassen. Als mögliche Gründe wurden und werden Stress diskutiert, Pestizide, Parasiten, Klimaänderungen oder Mangelernährung; außerdem eine Reihe verschiedener schon bekannter Bienenschädlinge wie Varroa-Milben oder Nosema-Pilze.

Ein Alleinschuldiger war indes nicht festzunageln – auch nicht unter den Viren, die Forscher typischerweise in befallenen Völkern aufspürten, wie dem Israel Acute Paralysis Virus (IAPV). Das Virus scheint allerdings nur in den USA, nicht aber im Nahen Osten tödliche Folgen zu haben – und so setzt sich mehr und mehr die Vermutung unter den Experten durch, dass eine Kombination verschiedenster Belastungen die Bienen in die Zange nimmt und schließlich dahinrafft.

Dazu passt allzu gut, dass nicht nur viele Bienen, sondern auch eine ganze Reihe von Hummelarten ebenso dramatisch an Zahl einbrechen – eine einzige spezifische Krankheit dürfte nicht derart flächendeckend und unspezifisch wirken. Und so machten sich Michael Otterstatter und James Thomson von der University of Toronto nun daran, nicht den einen, sondern einen weiteren möglichen Grund für den häufigen Tod der Hautflügler zu finden. Könnten zur Belastungskombination nicht auch jene vielfältigen Krankheiten beitragen, die in den Gewächshaus-Bestäubervölkern ungewollt herangezüchtet werden?

Erreger von Drinnen

Der Anfangsverdacht über mögliche Kontakte zwischen den allzu oft sterbenden Wildhummeln und den häufig kranken Kunstbestäubern bestand schnell, nachdem die Forscher über die Lüftungssysteme der Gewächshäuser Bestäuberhummeln in die Freiheit entweichen sahen – und später aushäusig auf Blumen wiederfanden. Mit einem Rechenmodell ermittelten die Forscher daraufhin mögliche Folgen eines Kontaktes zwischen solchen entwichenen und womöglich erkrankten Hummeln aus Gewächshäusern und den frei im Umfeld lebenden wilden Hautflüglern. Demnach sollte eine gelegentliche Ansteckung zunächst sehr langsam zu einem Anstieg von Krankheitsfällen in Wildhummeln führen, um dann jedoch über einem Schwellenwert urplötzlich epedemieartig ansteigende Fallzahlen zu produzieren, die dann nahezu alle Völker betreffen sollten – genau das also, was eben in der Natur auch tatsächlich beobachtet wird.

Grau ist jedes mathematisches Modell, dachten sich Otterstatter und Thomson, und begannen mit Felduntersuchungen: Sie sammelten in unterschiedlichen Entfernungen von Gewächshäusern freilebende Hummeln und untersuchten sie auf allerlei Krankheitserreger. Besondere Auffälligkeiten stachen ihnen dabei nicht ins Auge – mit einer offensichtlichen Ausnahme: Nahezu die Hälfte aller Hummeln unterschiedlicher Spezies in der Nähe von Gewächshäusern waren mit dem Parasiten Crithidia bombi infiziert, einem Verwandten des Erregers der menschlichen Schlafkrankheit. Dieser Schmarotzer kommt zwar häufig in Zuchtvölkern vor, fehlt aber sonst üblicherweise völlig im Freiland. Je weiter entfernt von einem Gewächshaus die Forscher suchten, desto seltener waren denn Hummeln auch Crithidia-infiziert.

Ein eindeutiges Ergebnis für die Forscher: "Ganz offensichtlich stammen die Erreger aus den Gewächshausvölkern – und schädigen im Freiland die dortigen Hummeln", so Otterstatter. Nachdem Crithidia bombi, einmal aus dem Gewächshaus entkommen, von Hummel zu Hummel springt, die sich eine Blume teilen, könnte mit dem Erreger durchaus eine Ursache des bedrohlichen Hummelsterben in den USA gefunden sein, glauben die beiden Forscher. Dringend geboten sei demnach eine verbesserte Sicherheitsverwahrung der beengten, krankheitsanfälligen und kommerziell genutzten Bestäubervölker. Zumindest dem brummenden Vetter der Honigbienen wäre damit wohl geholfen.
24.07.2008

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 24.07.2008

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