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Nahrungsmittelkrise: Zuckerrohr statt Bohnen und Reis

Weltweit steigen die Preise für Nahrungsmittel. Weltbank, IWF und UNO warnen vor Hungeraufständen und Chaos. Die Gründe für die Krise sind vielschichtig, wie ein Blick nach Brasilien zeigt.
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Vor kurzem suchte ein Hungeraufstand Haiti heim: Im finanziell ärmsten Staat der westlichen Hemisphäre stiegen die Preise für Grundnahrungsmittel wie Reis und Bohnen gegenüber 2007 um rund fünfzig Prozent. Brasilianische Blauhelme mussten den Präsidentenpalast in Port-au-Prince mittels Gummigeschossen und Tränengas vor der revoltierenden Bevölkerung verteidigen. Die Regierung der verarmten Inselrepublik stürzte schließlich in Folge der Unruhen. Doch nicht nur in der Karibik lehnen sich Menschen gegen teure Nahrungsmittel auf. Extrem angestiegene Lebensmittelpreise trieben die Menschen in diesem Jahr auch in mehreren afrikanischen Staaten wie Kamerun, der Elfenbeinküste und Burkina Faso auf die Barrikaden. Und in Mexiko protestierten Volksmassen gegen hohe Tortilla-Preise.

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Bauernmarkt in Rio de Janeiro | Noch leisten Kleinbauern den größten Anteil an der brasilianischen Lebensmittelversorgung – wie hier auf einem Kleinbauernmarkt in Rio de Janeiro. Zunehmend bestimmen aber große Konzerne das Geschäft.
Zahlen der Vereinten Nationen zufolge legten die Lebensmittelpreise seit Juni 2007 weltweit um mehr als die Hälfte zu. Schon seit 2005 hatten die Preise vor allem für Weizen, Mais und Milchprodukte drastisch um bis zu neunzig Prozent drastisch angezogen. Und ein Ende der Preisspirale ist nicht abzusehen. Besonders teuer ist derzeit Hauptgrundnahrungsmittel Reis auf dem Weltmarkt. Laut der spanischen Tageszeitung "El País" legte er allein in den vergangenen zwei Wochen um mehr als die Hälfte zu. Neben Ernteausfällen und wachsendem Konsum in Schwellenländern wie Indien und China gilt die steigende Nachfrage nach Agrarsprit als eine der möglichen Hauptursachen.

Biotreibstoffe seien ohne Zweifel ein wichtiger Faktor der globalen Preissteigerung, so Weltbankpräsident Robert Zoellick. Luiz Inácio Lula da Silva, Präsident des weltweit größten Ethanolproduzenten Brasilien und globaler Förderer der Alkoholindustrie aus Zuckerrohr sieht das allerdings anders: Agrarsprit trage keine Schuld an der gegenwärtigen Hungerkrise. Es werde einfach weltweit zu wenig Nahrung produziert und mehr gegessen. Generell weist Lula da Silva jegliche Kritik an seinem Pro-Ethanolprogramm zurück. In Brasilien geschehe der Ausbau des Agrarspritsektors weder auf Kosten des Regenwaldes noch auf Kosten der Nahrungsmittelproduktion, versicherte der Präsident, der im übrigen hohe Weltmarktpreise für Lebensmittel generell positiv bewertet. Schließlich gehören Brasiliens Großgrundbesitzer wie Blairo Maggi zu den weltweit größten Agrarexporteuren. So berichtete kürzlich auch die Zeitung "Folha de São Paulo", dass die explodierenden Sojapreise – von rund 8 US-Dollar je Sack Sojabohnen auf 28 US-Dollar – in nur wenigen Monaten Dutzende von Agrarinvestoren in Brasilien zu Multimillionären machte.

Bohnen werden zum "Luxusgut"

Die Leidtragenden sind vor allem die Brasilianer, deren Einkommen nicht mit den Preissteigerungen anwachsen: Zahlen des Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística (IBGE) zufolge müssen die Menschen des größten lateinamerikanischen Landes seit über einem Jahr mit extrem angezogenen Lebensmittelpreisen leben. Bohnen, das wichtigste Grundnahrungsmittel, kosten heute beispielsweise im Schnitt über 150 Prozent mehr als im vergangenen Jahr.

Auch das tägliche Brot ist in Brasilien so teuer wie seit Jahren nicht mehr. Schuld ist der Weizenpreis, der in den vergangenen zwölf Monaten um über 45 Prozent anzog. Eine der Ursachen: Entgegen der Behauptungen der Regierung Lula nahm in Brasilien der Anbau von typischen Nahrungsmittelpflanzen im vergangenen Jahr ab – während Zuckerrohr zulegte: Von 5,6 Millionen Hektar im Jahr 2005 auf 6,7 Millionen im Jahr 2007 und mit einer weiteren Steigerung von bislang 8,3 Prozent in diesem Jahr. Parallel dazu verringerten sich die Anbauflächen von 32 Feldfruchtsorten, so das Instituto de Economía Agrícola: Reis verlor ein Zehntel seines Anteils am bestellten Land, Bohnen, Kartoffeln und Tomaten zwischen 12 und 14 Prozent sowie Maniok drei Prozent.

Kleinbauern ernähren Brasilien

Obwohl Brasiliens Großgrundbesitzer und internationale Investoren wie George Soros fast die Hälfte des brasilianischen Ackerlandes besitzen, sind es die Kleinbauern, die bis heute den Großteil der Bevölkerung ernähren. Etwa 70 Prozent der im Land verbrauchten Nahrungsmittel stammen von ihren Feldern und Weiden.

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Steigende Preise | Steigende Lebensmittelpreise haben auch den brasilianischen Markt fest im Griff. Die Preise für Bohnen beispielsweise schossen während der letzten Monate um 150 Prozent nach oben.
Doch gerade sie verlieren tagtäglich an Boden, weil sie angeblich der industriellen Landwirtschaft und Entwicklung im Wege sind. Präsident Lula hat deshalb in einem Punkt recht: Die Teuerung der Nahrungsmittel lässt sich nicht nur dem Ethanol anlasten. Schuld sind auch Bodenspekulation, Zersiedelung und großindustrielle Projekt wie der erst vor wenigen Tagen von Lula auf den Weg gebrachte Chemiekomplex von Itaborai vor den Toren Rio de Janeiros. Das über acht Milliarden Dollar teure Mega-Projekt zur Verarbeitung von Schweröl wird auf einem der fruchtbarsten landwirtschaftlichen Gebiete Rio de Janeiros errichtet. Die Folge: Die rund elf Millionen Einwohner zählende Metropole verliert eines ihrer wichtigsten Produktionsgebiete für Nahrungsmittel im unmittelbaren Einzugsbereich.

Ähnliches geschieht gerade durch die Ausweitung der Eukalyptusplantagen zur Zellstoff- und künftig Zelluloseethanol-Produktion in Südbahia und in Rio Grande do Sul. Im äußersten Süden Brasiliens fällt dafür zwar kein Baum, doch werden zehntausende Hektar Pampa – eine natürliche Graslandschaft mit extensiver und nachhaltiger Rinderzucht – in Baummonokulturen umgewandelt, in denen viel Pestizid verbraucht und Grundwasser belastet wird.

Nahrung ist nicht gleich Nahrung

Gesunde und einfache Grundnahrungsmittel wie Pampa-Rindfleisch oder Eier von freilaufenden Hühnern aus kleinbäuerlicher Zucht werden folglich auch in Brasilien zunehmend zum seltene Luxusprodukt. Auf Rios größtem Bauernmarkt beispielsweise gibt es inzwischen nur noch zwei Anbieter von Eiern traditioneller Hühnerrassen, und deren Preis hat sich in den vergangenen sechs Monaten um die Hälfte erhöht. Gleichzeitig überschwemmen billige Eier aus Legebatterien, die mit Soja-Kraftfutter gezüchtet werden, den Markt.

Für die Regierung Lula ist dieser Verlust an umweltfreundlicher, das Klima schützender regionaler Produktion und Nahrungsmittelvielfalt allerdings kein Thema. Ihr Motto lautet: mit Ethanolplantagen den Hunger in den Entwicklungländern bekämpfen – so diktierte es der Präsident zumindest 2007 der Accra Daily Mail in Ghana. Die Ethanolbranche soll quasi die Arbeitsplätze für die arme Landbevölkerung schaffen. Mit den Einkünften können sie sich dann die industrialisierten Nahrungsmittel des Weltmarkts im Supermarkt kaufen.

Um Haiti aus der "Hungermisere" zu helfen hat die brasilianische Regierung deshalb auch schon vor zwei Jahren – mit der von der Bevölkerung inzwischen abgelehnten – Regierung des Inselstaates ein Abkommen zur Förderung der Ethanolindustrie auf der Insel abgeschlossen. Statt Nahrung für die hungernde Bevölkerung anzubauen, sollte Haiti zum preisgünstigen Agrarspritproduzenten werden.
17.04.2008

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 17.04.2008

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