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Katharina von Medici: Zum Tanz auf die Bluthochzeit

Während ganz Frankreich in der Blutgier der religiösen Fanatiker versinkt, regierte Katharina machtbewusst, bedacht und unideologisch. Bis sie selbst die Geister ruft.
Bartholomäusnacht, Gemälde von François Dubois (1529-1584)Laden...

»Schaffen wir doch diese teuflischen Wörter ab, Hugenotten, Papisten! Ändern wir doch den Namen Christen nicht!« Es war der von humanistischen Idealen geprägte Michel de l'Hospital, der im Dezember 1560 die in Orléans tagenden Generalstände zu Mäßigung in religiösen Angelegenheiten aufrief und beide Konfessionen, Katholiken und Protestanten, an ihre gemeinsamen Wurzeln im Christentum erinnerte. Ihn, den Maßvollen, den vom Wahn seiner Zeit Ungetrübten, hatte Frankreichs Regentin, Katharina von Medici zu ihrem Ratgeber und Kanzler gemacht. Er sollte das von religiösen Leidenschaften und Hass aufgewühlte Land zur Ruhe bringen und Frankreich vor einem Glaubenskrieg bewahren.

Knapp ein Jahr war es nun her, dass König Heinrich II. seiner Turnierverletzung erlag. Sein Tod machte die am 13. April 1519 – heute vor 500 Jahren – geborene Florentinerin zur »Gouvernante de France«. Eine Rolle, in der sie fast 30 Jahre lang die Politik am französischen Hof maßgeblich bestimmen wird. Doch Katharina blickt mit gemischten Gefühlen in die Zukunft: Das Land ist tief gespalten, weil sich Katholiken und Protestanten immer unversöhnlicher gegenüberstehen und der konfessionelle Zwist auch den französischen Adel zu spalten droht. Zwar steht mit ihrem Sohn, dem 15-jährigen Franz II. (1544-1560), ein männlicher Nachfolger aus dem Hause Valois bereit, doch der wenig intelligente, physisch labile und stets kränkelnde Jüngling, dem nach allem der Sinn steht, nur nicht nach Regieren, erweist sich als keine große Stütze für das französische Königtum. Im Gegenteil: Der junge Monarch wirkt oft zerstreut und ist leicht beeinflussbar, was vor allem seiner Mutter Sorgen bereitet, die den Einfluss des Adels am Hof, besonders den der katholischen Scharfmacher zurückdrängen will.

Als der überforderte Teenagerkönig am 5. Dezember 1560, anderthalb Jahre nach dem Tod seines Vaters, stirbt, übernimmt Katharina als Königinmutter die Staatsgeschäfte für ihren minderjährigen Sohn Karl IX. Die 41-jährige Katharina, mit wachem Geist und »höfischer Geschmeidigkeit« ausgestattet, hat rasch begriffen, dass die beiden großen Adelsgeschlechter, die katholischen Guise und die protestantischen Bourbonen, sich weniger um ihren Gott als vielmehr um den Thron balgen. Der Konfessionsstreit ist nur vorgeschoben. Würde eine der Parteien siegen, wäre das Katharinas politisches Ende – und das Ende des Hauses Valois, jener Seitenlinie der Kapetinger, die seit dem Jahr 1328 bereits elf Könige von Frankreich gestellt hatte.

Und so finden wir die Nichte von Papst Clemens II. und Tochter von Lorenzo de' Medici auf der Seite der Vernunft. Sie steht dort nicht uneigennützig. Sie ist Dynastin, sie will ihren Söhnen die Krone Frankreichs retten und die Einheit des Landes bewahren. Und doch: Hatte nicht Niccolò Machiavelli (1469-1527), der Florentiner Philosoph und Staatsmann, ihr und ihres Vaters Lehrmeister, in seiner Schrift »Il Principe« (Der Fürst) geschrieben, der Herrscher solle gut sein – sofern er durch sein Gutsein keinen Schaden nimmt?

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Die schwarze Witwe | Nach dem Tod ihres Mannes trug Katharina schwarz. Für 30 Jahre lenkte sie die Geschicke des französischen Staats.

Die Medici hält sich daran. Sie sucht nach Ruhe und Frieden, sie strebt ein Gleichgewicht der Kräfte an und wünscht ehrlich, »einen Versuch mit der Toleranz zu machen«. Doch im 16. Jahrhundert ist das mit der Toleranz so eine Sache. Michel de l'Hospital wird ein Rufer in der Wüste bleiben, sein Werben um Verständnis und Duldsamkeit ungehört verhallen. Mörderische Rechthaberei und steriler Fanatismus – in diesen beiden Disziplinen stehen sich Katholiken und Protestanten in nichts nach – werden innerhalb weniger Jahre alle Brücken zerstören, an denen Katharina und ihr Minister zimmern.

Verfolgte Minderheit

Seit der Taufe König Chlodwigs um das Jahr 500 ist das Reich der Franken mit dem katholischen Christentum verbunden. Immer stärker sind Staat und Kirche zu einer Einheit verwachsen, deren Oberhaupt der Souverän von Frankreich ist. Dieser »allerchristlichste König« (roi très-chrétien) ist Herrscher von Gottes Gnaden (par la grace de Dieu) und hat seine Macht in den Dienst der Kirche zu stellen und den rechten Glauben zu verteidigen. Wer immer sie kritisiert oder sich ihrer Lehre zu entziehen sucht, stellt zugleich die Person des Herrschers und dessen Autorität in Frage.

Doch längst findet auch in Frankreich Luthers neue Lehre Gehör, genau wie die fundamentale Kritik, die der Mönch aus Wittenberg an der katholischen Kirche und ihren korrupten Amtsträgern übt. Sein Ruf nach einer kirchlichen Erneuerung gewinnt zunächst bei den ärmeren Bevölkerungsschichten, bald auch unter den Adligen Anhänger. Für das erzkatholische Frankreich und dessen Oberhaupt sind das allerdings ketzerische Töne, weshalb man die Protestanten gnadenlos verfolgt.

In Frankreich nennt man sie Hugenotten. Woher genau der Name kommt, ob vom alemannischen Begriff »Eidgenosse« (Eygenots) oder vom flämischen Wort für »Hausgenosse« (Huis Genooten), lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Auf jeden Fall sind die Hugenotten, deren Glaube stark von der Lehre des Genfer Reformators Johannes Calvin beeinflusst ist, seit den 1520er Jahren in Frankreich staatlichen Repressionen ausgesetzt. 1523, sechs Jahre nachdem Luther seine 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg genagelt hat, wird in Paris der erste französische Protestant öffentlich verbrannt. 1534 heizt die »affaire des placards« die Stimmung weiter an, als antikatholische Plakate in Paris und vier anderen Städten angeschlagen werden. Königliche Edikte und die 1547 eingerichtete »chambre ardente« – die glühende Kammer, ein außerordentlicher Gerichtshof – markieren den Beginn der Protestantenverfolgungen in Frankreich.

Just in dieser angespannten Situation zieht Heinrich II., ein strenger Katholik, noch einmal die Zügel an. Kurz vor seinem Tod verfügt er im Edikt von Écouen am 2. Juni 1559, dass fortan sämtliche protestantischen Häretiker ohne Prozess abgeurteilt werden sollen. Weitere Verordnungen des Edikts sollen den Lebensnerv der im Untergrund agierenden protestantischen Kirchenorganisationen treffen und die Anhänger der neuen Lehre einschüchtern: Häuser, die als Versammlungsorte dienen, sollen zerstört, Duldung oder Organisation geheimer Versammlungen mit dem Tod bestraft werden. Grundherren, die sich bei der Verfolgung konfessioneller Vergehen zu nachgiebig zeigen, werden ebenso Strafen angedroht wie denjenigen, die solche Vergehen nicht zur Anzeige bringen. Damit war der Denunziation von Protestanten Tür und Tor geöffnet.

Politischer Kurswechsel

Vier Wochen später bohrt sich ihm ein Lanzensplitter durch sein Auge ins Hirn. Der König erlebt die Folgen seiner repressiven Religionspolitik nicht mehr, es ist sein Erbe an die Gemahlin. Die »schwarze Witwe«, wie die Königinmutter fortan wegen des schwarzen Witwengewands mit dem weißen Kragen und der dunklen Haube genannt wird, fürchtet eine Radikalisierung des französischen Protestantismus. Längst haben Teile des französischen Adels sich mit dem neuen Glauben gemein gemacht. Und es besteht die Gefahr, dass das »religiöse Gift« auch die französische Aristokratie und das ganze Land infizieren könnte. Ein Flächenbrand droht.

Was der Königinmutter in diesen Tagen vor allem Sorgen bereitet, fasst Sabine Appel, die 2018 eine Biografie über Katharina von Medici vorgelegt hat, folgendermaßen zusammen: »Die Krone ihrer Söhne war in Gefahr, da die neue Religion auch den Adel ergriffen hatte, und dieser stand zur Krone in einem traditionellen Spannungsverhältnis von Loyalität und rivalisierender Opposition. Die fragile Monarchie ihrer unmündigen Söhne zwischen diesen beiden Kräften durchzulavieren, war ihr ganzes Sinnen und Trachten als Regentin von Frankreich.«

In dieser Situation vollzieht Katharina einen radikalen politischen Kurswechsel. Die Italienerin am französischen Hof wagt etwas ganz Neues: Sie setzt auf Ausgleich und Dialog. Wie es ihr Landsmann Machiavelli lehrte, verfolgt sie eine Politik ohne ideologische Scheuklappen. Religiös indifferent hat sie kein Problem damit, dass zwei Bekenntnisse nebeneinander in einem Staat unter einer Krone leben. »Dieser aufgeklärte Geist, der Toleranz und Mäßigung gegenüber Andersdenkenden zur Maxime seiner Politik machte, hatte die nicht einfache Aufgabe, das Porzellan, das Katharinas Gemahl Heinrich II. mit seiner restriktiven Religionspolitik zerschlagen hatte, wieder zu kitten«, so die an der US-amerikanischen St. Cloud State University lehrende Historikerin Marie Seong-Hak Kim. Als Zeichen des guten Willens wurde auf de l'Hospitals Veranlassung hin im Mai 1560 das hugenottenfreundliche Edikt von Romorantin in Kraft gesetzt, in dem sämtliche Ketzerprozesse vorläufig ausgesetzt wurden.

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Kanzler und Katharinas Vertrauter Michel de l'Hospital | Der humanistisch geprägte Michel de l'Hospital, auch L'Hôpital genannt, suchte den konfessionellen Ausgleich. Doch sein Kolloquium von Poissy scheiterte an der Unversöhnlichkeit und dem dogmatischen Starrsinn der Parteien.

Das Edikt wird gemeinhin als eine vertrauensbildende Maßnahme angesehen, um die erhitzten konfessionellen Gemüter abzukühlen und die Streithähne überhaupt zu Verhandlungen zu bewegen, wie denn auch Katharinas Tun und Handeln »mehr von staatspolitischem Kalkül als einem humanen Engagement« motiviert war, erklärt der französische Neuzeithistoriker Thierry Wanegffelen. Für die Pragmatikerin in Frankreichs Diensten, die mit allen Mitteln verhindern will, dass der religiöse Funke zündet und das Land ins Chaos stürzt, sei der Ausgleich zwischen den Konfessionen nur Mittel zum Zweck gewesen. Und Wanegffelen weiter: »Als Sachwalterin der Interessen der Monarchie erhofft sie sich durch die Ausbalancierung der katholischen und hugenottischen Interessen, die Stellung der Krone zu sichern und die monarchische Autorität gegenüber feudalistischen Ansprüchen zu stärken.« Dass diese Strategie dem Ritt auf einer Rasierklinge gleichkam, sollten die folgenden Jahre zeigen.

Religionsgipfel von Poissy

Im September 1561 entschließt sich Katharina zu einem für die damalige Zeit außergewöhnlichen Schritt: Sie lädt die konfessionellen Streithähne zu einem Meinungsaustausch ins Benediktinerkloster Poissy. Dort sollen die Vertreter des alten und neuen Glaubens alle religiösen Fragen offen miteinander diskutieren und ihren Disput am Verhandlungstisch austragen. Damit wählt Katharina eine Form der Konfliktbewältigung, wie sie seinerzeit für Europa einmalig ist und weit in die Moderne hineinreicht. De l'Hospital, auf den die Idee eines solchen interreligiösen Dialogs zurückgeht, hatte die Losung ausgegeben: »Für Unser Reich ist der Friede wichtiger als jegliches Dogma.«

Ein frommer Wunsch. »Gegen seine ursprüngliche Intention trug das Kolloquium von Poissy somit nachgerade dazu bei, die konfessionelle Kluft zu vertiefen, anstatt sie zu überbrücken«, fasst Rainer Babel, Abteilungsleiter für Frühe Neuzeit am Deutschen Historischen Institut Paris, das ernüchternde Resultat des Colloque de Poissy zusammen. Michel de l'Hospital bleibt ein einsamer Rufer in der Wüste, sein Werben um Verständnis und Duldsamkeit ungehört.

Tanz auf dem Vulkan

Für Katharina haben die theologischen Argumente ohnehin kaum Gewicht. Kopfzerbrechen bereitet ihr, dass ein Glaubenskrieg heraufzieht. Und der würde Frankreich zum Spielball auswärtiger Mächte machen. Das katholische Spanien unter Philipp II. und das protestantische England unter der Tudorkönigin Elisabeth I. warten nur auf eine solche Gelegenheit.

Nachdem das von ihr vermittelte Religionsgespräch mit den führenden Köpfen der Konfessionen keine Einigung erbracht hat, bemüht sich Katharina weiter um einen Ausgleich. Am 17. Januar 1562 lässt sie in Saint-Germain-en-Laye von ihrem Sohn ein Edikt unterzeichnen, das den Hugenotten eingeschränkte Glaubensfreiheit gewährt und ihnen erlaubt, an bestimmten Orten ihren Glauben zu praktizieren. Das wiederum geht den Altgläubigen zu weit. »Katharinas Tanz auf dem Vulkan«, wie der französische Historiker Jean-François Solnon den politischen Drahtseilakt der Regentin bezeichnet, kann den Ausbruch des Glaubenskriegs nicht verhindern. Angestachelt von gegenseitigen Schmähschriften, eskaliert nur wenige Wochen später am 1. März 1562 die Lage, als in Wassy (Champagne) Soldaten unter der Führung des erzkatholischen Franz von Guise einen protestantischen Gottesdienst überfallen und ein fürchterliches Blutbad anrichten. Wassy ist der Funke, der das Pulverfass zündet. Drei Hugenottenkriege brechen aus, die acht Jahre durch das Land toben – einer grausamer und entsetzlicher als der andere. Die Kontrahenten übertreffen sich gegenseitig an Mordwut, »als hätte man«, wie ein Zeitgenosse schreibt, »einen Preis ausgesetzt für den, der das meiste Unheil anrichtet«.

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Der entscheidende Funke | Das Massaker unter protestantischen Gottesdienstbesuchern, das der erzkatholische Scharfmacher Franz von Guise im Champagne-Städtchen Wassy anrichtet, löst den ersten Hugenottenkrieg aus.

Resigniert schreibt Katharina im Juni 1562 an ihre Tochter Elisabeth in Spanien: »Angesichts des beklagenswerten Zustands, in dem sich dieses Königreich befindet, und zwar durch die Leidenschaft und den Hass aller, unter dem Vorwande der Religion, habe ich immer versucht, zu beruhigen und auszugleichen, die Ehre Gottes verteidigend sowie den königlichen Ruf Eures Bruders. Doch Gott wollte nicht, dass dies gelinge, und es ist auch noch keinerlei Hoffnung in Sicht, die beiden Seiten anders als mit Waffen zum Frieden zu bringen.«

Die Gescheiterte muss mit ansehen, wie ihre größten Befürchtungen wahr werden: Frankreich wird zum Tummelplatz ausländischer Interessen. Im September besetzen die Engländer Le Havre, fast gleichzeitig überqueren spanische Truppen Philipps II. die Pyrenäen. Anfang 1563 wird der Katholikenführer Franz de Guise ermordet. Die Protestanten frohlocken, vor allem Gaspard de Coligny, das geistige Oberhaupt der Hugenotten, der das Attentat in Auftrag gab. Eine kurzsichtige Tat, denn der Mord an Franz de Guise darf nicht ungesühnt bleiben. Blutrache heizt den Krieg nur noch umso stärker an.

Erst sieben Jahre und tausende Tote später schließen die erschöpften Kontrahenten in Saint-Germain-en-Laye den »Frieden der Königin«. Er ist fair und gerecht: Die Freiheit des Gewissens bleibt unangetastet, der protestantische Gottesdienst wird erlaubt. Doch kaum unterzeichnet, beginnt er zu wackeln. Nach Ansicht der Altgläubigen trägt der Friedensvertrag allzu deutlich die Handschrift Katharinas, die dafür von den religiösen Scharfmachern heftig gescholten wird: »Wir siegen mit den Waffen, sie mit den verdammten Schriftstücken!«, ereifert sich der Blutsäufer und »Hugenottenfresser« Blaise de Montluc. Und aus den fernen Niederlanden poltert der Herzog von Alba, Spaniens Zuchtmeister in Flandern: »Ein Friede des Teufels.«

Blutige Hochzeit

Durch den Druck der Katholiken zum Handeln gezwungen, ersinnt Katharina ein Heiratsprojekt, das so umstritten ist wie noch keins in der Geschichte des Königshauses Valois: Sie, die Katholikin, bietet das Bett ihrer dritten Tochter Margarete dem protestantischen Prinzen Heinrich von Navarra aus dem Hause Bourbon an. Katharina kalkuliert darauf, mit der Verbindung die Konfessionen zu versöhnen und ihre Position und die der Krone zu stabilisieren.

Doch es kommt anders: Admiral Coligny, der große militärische Führer der Reformierten, stellt sich quer. Er sieht die Reformation durch die Ehe verraten, kündigt an, den Frieden von Saint-Germain mit eigenen Händen zu zerstören – und unterschreibt damit sein eigenes Todesurteil. Denn ohnehin ist Coligny zu mächtig geworden. Der überzeugte Calvinist, der glaubt, den inneren Frieden nur durch äußeren Krieg erhalten zu können, gewinnt immer mehr Einfluss auf Karl IX. – und Katharina sieht in ihm schon das Ende Frankreichs heraufziehen.

In dieser Situation erinnert sich die Florentinerin des Ratschlags ihres Landsmanns Machiavelli im »Principe«: »Ein Mensch, der immer nur das Gute tun will, muss zu Grunde gehen unter so vielen, die nicht gut sind. Daher muss ein Fürst, der sich behaupten will, auch im Stande sein, nicht gut zu handeln, wenn es die Umstände erfordern.« Und steht dort nicht auch geschrieben, dass man in Ausnahmesituationen über Leichen gehen muss, um seine Herrschaft zu bewahren – Macht als Selbsterhalt? Coligny muss verschwinden. Katharina plant den präventiven Mord.

Die Regentin, die das Staatsinteresse über die religiösen Parteien stellt, begeht den folgenschwersten Irrtum ihres Lebens, weil sie Verwerfliches mit Verwerflichem bekämpft – und beschwört damit die Apokalypse der Bartholomäusnacht herauf. Einen Tag nach den Hochzeitsfeierlichkeiten, am 22. August 1572, zu dem die führenden Köpfe beider Konfessionen gekommen sind, feuert ein gedungener Attentäter auf Coligny, doch der Anschlag misslingt. Um dem Gegenschlag der Hugenotten zuvorzukommen, beschließt Katharina, alle Anführer der Reformierten noch in derselben Nacht töten zu lassen. Dafür braucht sie die Zustimmung ihres Sohnes Karl. Sie inszeniert ein tränenreiches Rührstück mit sich selbst in der Hauptrolle und kann den jungen König dazu bewegen, das Todesurteil gegen jenen Mann zu unterzeichnen, der für ihn wie ein Vater war: »Nun denn, beim Gekreuzigten, es soll geschehen!«, heult er. »Man soll sie alle totschlagen!«

Zehn, zwölf Köpfe höchstens hatte Katharina anvisiert, eine begrenzte Mordaktion, keinen Massenmord. Doch schnell gerät die Lage außer Kontrolle, weil sich ihre taktische Metzelei zu einem Blutbad ausweitet, dem neueren Forschungen zufolge allein in Paris mehr als 2000 Protestanten zum Opfer fallen. Was Katharina immer vermeiden wollte, wozu Spanien und der Papst sie vergeblich gedrängt haben, das beginnt nun, weil sie die Lage falsch eingeschätzt hat: pogromartige Ausschreitungen gegen die religiöse Minderheit der Hugenotten. Während in Paris das Morden nach wenigen Tagen aufhört, halten die Verfolgungen im ganzen Land noch eine ganze Weile an: Angers, Bordeaux, Bourges, Lyon, Meaux, Orléans, Rouen, Saumur, Toulouse, Troyes sind nur die prominentesten Stationen, an denen die katholischen Schwertträger Gottes Jagd auf Hugenotten machen. Insgesamt, so neueste Schätzungen des Pariser Historikers Matthieu Gellard, bewegen sich die Opferzahlen in einer Größenordnung zwischen 5000 und 15 000 Getöteten.

Der spanische Gesandte Don Diego de Zuniga schreibt an seinen König: »Während ich schreibe, töten sie alle, sie reißen ihnen die Kleider vom Leib und verschonen nicht einmal die Kinder. Gepriesen sei Gott!« Es sind Sätze, wie sie Spaniens Monarch gerne liest. Er reibt sich vor Freude die Hände und notiert: »Das ist eine der schönsten Vergnüglichkeiten meines Lebens.« Frohlocken auch im fernen Rom, wo seine Heiligkeit Papst Gregor XIII. Freudenfeuer abbrennen, Gedenkmünzen schlagen und in allen Kirchen das »Te Deum« singen lässt. Die Pariser Bluthochzeit wächst sich zum vierten Religionskrieg aus, dem bald der fünfte und noch drei weitere folgen. Den Protestantismus zurückdrängen können sie nicht, er breitet sich in ganz Frankreich aus.

Am 30. Mai 1574 stirbt Karl IX. unerwartet mit nur 23 Jahren. Ihm folgt sein Bruder, der Herzog von Anjou, als Heinrich III. auf den Thron. Katharina erhofft sich viel von ihrem Lieblingssohn, sie weiß aber auch um seinen Leichtsinn. Kein französischer Herrscher ist auf dem Weg zur Krönung so wüst beschimpft und verflucht worden wie Heinrich III.

Paris ist eine Messe wert

1585 bricht der letzte Religionskrieg aus, der zwölf Jahre dauern soll. Heinrich III. ist daran wenig interessiert. Seine Narrenstreiche werden immer ausschweifender, die öffentlichen und privaten Finanzquellen versiegen. Katharina fühlt sich alt und verzweifelt. Kurz nach ihrem 69. Geburtstag übernimmt die radikalkatholische Liga unter ihrem neuen Führer Heinrich de Guise die Macht in Paris. Der König kann sich rechtzeitig nach Blois absetzen, während Katharina in der Hauptstadt bleibt. Zwar gelingt es Heinrich III., de Guise töten zu lassen, doch nur wenige Monate später rächt ein Mönch den Tod des Glaubensbruders und erdolcht den König am 1. August 1589 in einem Feldlager bei Paris. Damit ist der letzte Herrscher aus dem Hause Valois tot.

Grabmal Heinrichs II. und KatharinasLaden...
Grabmal Heinrichs II. und Katharinas | In der Basilika von Saint-Denis, der Grablege der französischen Könige, findet sich auch das Grab der am 5. Januar 1589 gestorbenen Florentinerin.

Katharina, die »Gouvernante de France«, erlebt das Ende ihres Sohnes nicht mehr. Sie stirbt am 5. Januar 1589. Trotz aller Ausgleichsbemühungen war es ihr zu Lebzeiten nicht gelungen, den Krieg der Konfessionen in Frankreich zu verhindern und die damit verbundene dynastische Krise abzuwenden. Gleichwohl hat Katharina von Medici ihren Platz in der Geschichte: als glühende französische Patriotin und visionäre Machtpolitikerin, die zur Stärkung der königlichen Zentralgewalt bereit war, sich neuer, für die damalige Zeit unkonventioneller Methoden zu bedienen. Indem sie Toleranz gegenüber Andersdenkenden übte und auf Dialog als Mittel der Konfliktbewältigung setzte, beschritt sie eine Politik, die sich von Theologie und Kirche zu lösen suchte. Manche Gelehrte, wie Sabine Appel, sehen deswegen in Katharina eine »Vorreiterin einer säkularen Staatsidee«.

Auch ihr Ziel, die Königswürde im Hause Valois zu halten, erreicht Katharina nicht: Nach dem Tod der großen Regentin greift ihr Schwiegersohn nach der Krone. Was sie und die Valois nicht geschafft haben, gelingt diesem zum Katholizismus konvertierten Bourbonen. In der Kathedrale von Chartres als Heinrich IV. zum König von Frankreich gekrönt, kann dieser ehemalige Calvinist fünf Jahre später im Edikt von Nantes die verfeindeten Lager befrieden und einen Schlussstrich unter ein Vierteljahrhundert Religionskriege ziehen. Heinrich IV. erweist sich als gelehriger Schüler Katharinas und der Vernunft. Seinen einstigen Übertritt zum Katholizismus kommentierte er lakonisch: »Paris ist eine Messe wert.« Aber vielleicht ist das nur eine Legende.

An einer Stelle hatten wir versehentlich von Elisabeth II. geschrieben. Das war falsch, gemeint war stets Elisabeth I. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen, die Red.

16/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 16/2019

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