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News: Zur falschen Zeit am falschen Ort

Die Herkunft der Säugetiere und ihre Entwicklung zu den verschiedenen Stämmen schien bereits geklärt. Nun wurde ein neues Fossil in Australien gefunden, welches die bisherigen Theorien zumindest als überprüfenswert erscheinen läßt.
Die Zahnfee könnte nicht freundlicher sein. Es hat sich herausgestellt, daß ein Satz von vier Zähnen aus einem winzigen Kiefer, der am Anfang dieses Jahres an einem Strand in Südaustralien gefunden wurde, wahrscheinlich das älteste bisher entdeckte Säugetierfossil darstellt.

Thomas Rich, Paläontologe am Museum of Viktoria in Melbourne, vermutet sogar, daß es sich dabei um ein sehr un-australisches Säugetier handelt: um ein Placenta-Tier, also ein Säugetier, welches den sich entwickelnden Embryo in der Gebärmutter ernährt. Das würde bedeuten, daß es die Placentatiere in Australien schon 110 Millionen Jahre früher als bisher angenommen gab und die Vorstellungen der Paläontologen über die Entwicklung der Säugetiere über den Haufen werfen. Rich beschreibt seinen Fund in der Ausgabe von Science vom 21. November 1997.

Die meisten Paläontologen nehmen bisher an, daß die höheren Säugetiere – sowohl Placenta- als auch Beuteltiere – von einem gemeinsamen Vorfahren abstammen und sich während der frühen Kreidezeit, vor etwa 144 Millionen bis 98 Millionen Jahren auseinanderentwickelt haben. Basierend auf den Überresten bekannter Fossilien der Kreidezeit wurde außerdem angenommen, daß das Herkunftsgebiet der Placentatiere Asien ist, von wo sie dann nach Nordamerika auswanderten. Die Beuteltiere erreichten Australien früh. In bezug auf die landbewohnenden Placentatiere herrschte aber bisher der Glaube vor, daß sie nicht früher als vor fünf Millionen Jahren in Australien auftauchten.

Rich ist der Meinung, die fossilen Zähne und der Kiefer weisen Merkmale auf, die den Spitzmaus-großen Ausktribosphenos nyktos mit Placentatieren verbinden. Falls die Identifizierung sich als richtig erweist, können nach Meinung von Richard Cifelli, Kurator für Wirbeltier-Paläontologie am Oklahoma Museum of Natural History „beliebig Wetten angenommen werden”, woher die Placentatiere denn nun stammen. „Wenn sie zu dieser Zeit in Australien waren”, sagt er, „gibt es keinen Grund, wieso sie nicht ebenso in Südamerika, in der Antarktis und vielleicht in Afrika existiert haben sollen. Es könnte eine Argumentation für jeden Herkunftsort aufgebaut werden.”

Andere Wissenschaftler halten das Beweisstück allerdings für zweideutig. Sie merken an, daß der Kiefer eine sonderbare Mischung aus primitiven und fortschrittlichen Eigenschaften zeigt. Dies könnte darauf hinweisen, daß das Fossil gar kein Placentatier darstellt. Es könnte stattdessen ein bemerkenswertes neues Tier sein, dessen Entdeckung ein neues Denken über die Entwicklung der Säugetiere auf den südlichen Kontinenten in Gang setzt. Wie sagt Cifelli? „Es ist enorm wichtig, was auch immer es ist.”

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