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Akustik: Zur klingenden Einheit verschmolzen

Gekonnte Musik verlangt volle Hingabe. Bei Blasinstrumenten bestimmen sogar Mund und Rachen des Spielers mit, welcher Ton entsteht. Und genau dort ist der Unterschied zwischen Profi und Amateur zu suchen: Der Gelegenheitsmusiker hat sich selbst nicht ausreichend unter Kontrolle.
Lange ist es her, da musizierten im ZDF bei Wim Thoelkes Großen Preis der altkluge Hund Wum am Klavier und sein leicht naiver Elefantenfreund Wendelin an einem Blasinstrument. Das Plappern konnten sie dennoch nicht sein lassen – vor allem Wum war ständig am Reden, wohingegen Wendelin sich nur in seinen Pausen ausplaudern konnte. Schuld an dieser Ungerechtigkeit waren die verschiedenen Instrumente, wie Wum ganz richtig feststellte, "weil ich beim Spielen nicht ins Klavier blasen muss."

Doch damit nicht genug: Beim Spielen reicht es meistens nicht aus, einfach in ein Instrument hineinzublasen. Jenseits der Blockflöte muss der Musikus einige Tricks anwenden, um die begehrten Töne zu erzeugen. Und manchmal weigern sie sich trotz fleißigen Übens beharrlich, überhaupt zu erklingen. Denn manche Tricks sind so trickreich, dass die Profis selbst nicht wissen, was sie da eigentlich tun.

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Spielen im Dienst der Wissenschaft | Der Saxophon-Lehrer Col Loughnan begibt sich unter wissenschaftlicher Aufsicht auf den Weg zu den hohen Tönen der Profis. Die Amateure im Test erreichten die oberen Bereiche der Tonleiter dagegen nicht.
Am Saxophon tritt der Unterscheid zwischen bemühtem Amateur und begnadetem Künstler zutage, wenn es in die höheren Klangsphären geht. Beim G4 mit seinen 392 Hertz (Hz) ist die Welt noch fair und in Ordnung. Aber schon wenig mehr als eine Oktave höher, beim A#5 (im deutschen Sprachraum ais" oder b" genannt), dessen Frequenz bei 932 Hz liegt, ist das Spiel für die Hobbyisten aus – sie erreichen den Ton einfach nicht, obwohl sie scheinbar alles richtig machen. Sie blasen Luft in der richtigen Stärke durch das Mundstück in das Rohr, das einfache Rohrblatt vibriert und versetzt den kontinuierlichen Strom in die gewünschten Schwingungen. Heraus kommt allerdings ein tiefer Ton.

Wenn das Instrument nichts verkehrt macht, muss es am Spieler liegen, schlossen Jer Ming Chen, John Smith und Joe Wolfe von der australischen Universität von New South Wales und entwarfen ein Experiment, mit dem sie Musikern nicht nur auf, sondern gewissermaßen sogar in den Mund sehen können. Durch eine feine Bohrung im Mundstück des Saxophons leiteten sie einen Lautsprecherklang, der aus 224 Sinuskurven zusammengemischt war, in den so genannten Vokaltrakt des Spielers.

Dieser besteht aus den Hohlräumen des Mundes, des Rachens und der Nasenhöhlen und ist mit einer unregelmäßig geformten Luftsäule gefüllt, die beim gewöhnlichen Spiel wie im Experiment ebenfalls schwingt. Was das Publikum letztlich hört, ist die Kombination aus Instrumentenschwingung und Musikantenschwingung. Während erstere für Versuche sehr einfach zugänglich ist, gelang es den drei Australiern nun erstmals auch die Musikantenschwingung störungsfrei aufzunehmen. Das gelang, indem sie ein winziges Mikrofon durch die Bohrung im Mundstück führten.

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Genormte Tonkunst | Über einen Lautsprecher (speaker) gibt der Computer durch einen dünnen Kanal im Mundstück des Saxophons (capillary) ein Gemisch aus 224 Sinuskurven in den Vokaltrakt des Musikers. Über das Rohrblatt (reed) und das Mundstück (mouthpiece) besteht eine Verbindung zum Resonanzraum des Instruments. Den Anteil des Vokaltrakts am entstehenden Ton misst ein winziges Mikrofon (probe microphone), das seine Daten zur Auswertung an den Computer weiterleitet.
Die Analyse am Computer verriet, wie sich das Wechselspiel zwischen den beiden Zutaten im Laufe der Tonleiter ändert. Bei tiefen Tönen überwiegt der Beitrag des Instruments – das Saxophon macht im wörtlichen Sinne die Musik. In diesem Bereich halten Amateure gut mit, während Profis ihrem Vokaltrakt eine Pause gönnen und sich kaum um dessen Form kümmern. Ganz anders sieht es bei hohen Tönen aus: Nun dominiert der Einfluss des Vokaltrakts. Und um jetzt noch den Ton zu treffen, muss der Spieler seinen Resonanzraum so wählen, dass er zum gewünschten Ton passt. Nur wenn der Musiker es schafft, Mund, Rachen und Nasenhöhlen in passender Weise zu verformen, entstehen und bestehen die richtigen Schwingungen. Für Gelegenheitsspieler etwas viel verlangt.

Zumindest wissen verzweifelnde Saxophonisten jetzt, warum die Luft oberhalb von etwa 800 Hz plötzlich so dünn wird – und verzweifelte Nachbarn kennen den Grund für das Gequietsche. Wie wäre es mit einer CD vom könnenden Profi? Beim Zuhören kann einem schließlich die Theorie völlig egal sein.
08.02.2008

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 08.02.2008

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