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Restaurationsökologie: Zurück in die Eiszeit

Das Mammut ist tot. Es lebe das Mammut! So geistert es hin und wieder durch die Gehirne mancher Gentechniker und Zoologen. Wo aber sollte das Tier denn wieder leben? In Sibirien werden jetzt zumindest diese Voraussetzungen geschaffen: Ein Pleistozän-Park entsteht.
Was für ein Szenario: Eine große Herde Mammuts mit mächtigen Stoßzähnen und angeführt von einer kapitalen Leitkuh zieht über die schneebedeckte Steppe, im Hintergrund grast ein einzelnes Wollnashorn, und eine Herde aus Wildpferden und Büffeln flieht vor einem Rudel angreifender Höhlenlöwen. Das ist die Ära der Eiszeiten, in der nicht nur die Savannen Afrikas vor Großtieren nur so strotzen – auch der kalte Norden Europas und Nordamerikas hat seine Serengetis mit unzähligen Pflanzenfressern und ihren Beutegreifern.

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Jakutische Wildpferde | Sie leben bereits wieder in der Heimat ihrer Vorfahren: Jakutische Wildpferde sollen dazu beitragen, dass in Teilen Sibiriens wieder Kältesteppen wie im Pleistozän wachsen – anstelle der heutigen Tundren und Moorlandschaften.
Doch mit Anbruch des Holozäns hat die wilde Epoche ein Ende, denn ein neuer, sehr geschickter Jäger dringt in diesen Lebensraum ein und erkennt bald das schier unerschöpfliche Potenzial der vorhandenen wandelnden Nährstoffdepots: Der Mensch hat Sibirien entdeckt und erobert. Gleichzeitig ändert sich auch das Klima; es wird in vielen Gebieten feuchter und wärmer. Das Grasland zieht sich zurück, Sträucher, Moose und Flechten erobern die frei werdenden Räume.

Rasch verschwinden Mammuts, Wollnashörner und Büffel, später folgen ihnen die Pferde, Yaks und Moschusochsen, die Löwen und Säbelzahntiger nach. Nur Rentiere und Elche überstehen den Niedergang der pleistozänen Megafauna und leben bis heute in den zunehmend sumpfigeren oder strauchigeren Regionen Nordostsibiriens. Was allerdings verursachte diesen Blitzkrieg gegen die Tiere: der Mensch oder das Klima?

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Sibirien | Hier soll der Pleistozän-Park wieder entstehen: im tiefsten Jakutien. Im Endstadium wollen die Forscher wieder Tiger und Büffel hier ansiedeln. Nur die Wiederkehr des Mammuts erscheint etwas schwer.
Beide Thesen finden ihre Befürworter und strikten Gegner, für beides lassen sich Belege ins Feld führen. Der russische Wissenschaftler Sergey Zimov von der russischen Akademie der Wissenschaften möchte nun allerdings den letzten Schritt zur Beweisführung antreten, dass es die Eiszeitjäger waren, die aus den belebten Weidegründen von einst den artenarmen Morast von heute machten: Er plant eine Restaurierung der pleistozänen Kaltsteppen mit ihren Tierherden mitten im Herzen Sibiriens, in Jakutien.

Seine Argumente klingen schlüssig, denn so wie Afrikas Elefanten, Zebras und Gnus die Savannen frei von Bäumen halten, bewahrten wohl Mammuts, Saigaantilopen und Wildpferde ihr Grasland vor Sträuchern und Moosen. Sie fraßen die aufkommende Vegetation und führten dem Boden über ihre Verdauung die Nährstoffe wieder zu, sodass die anspruchsvolleren Gräser gegenüber den genügsameren Moosen, Flechten oder Birken im Vorteil waren. Gleichzeitig hielten die üppig wuchernden Steppenarten über die Transpiration den Lössboden trocken, und es konnten keine ausgedehnten Sümpfe entstehen.

Mit dem Exitus der Großtiere dagegen verschwanden auf lange Sicht die Gräser, da ihnen die Nährstoffe fehlten und die Konkurrenz nicht mehr vom Leib gehalten wurde. Die neue, holozäne Vegetation aus Sträuchern und Moosen verbrauchte zudem weniger Wasser, und vor allem die dichten Moosteppiche isolierten den Boden – Sümpfe bildeten sich aus. Sie sind jedoch ebenso trittempfindlich: Wo sie von Hufen zertrampelt werden, würden bald schon wieder Gräser prosperieren – ein Prozess der mit dem Aussterben der Herden zum erliegen kam.

Wo bleibt hier aber der tatsächlich vorhandene Klimawandel? Zimov verneint einen entscheidenden Anteil des aufkommenden Tauwetters im Holozän am Aus der Tiere. Wenn dem so wäre, hätten etwa Mammuts nicht noch weitere 7000 Jahre nach dessen Anbruch auf der ozeanischen Wrangell-Insel überleben dürfen, ebenso wie Büffel, Pferde und Moschusochsen in Nordsibirien. Die heutigen klimatischen Bedingungen in diesen Regionen unterscheiden sich kaum von jenen, die während der Eiszeiten in Mitteleuropa herrschten, wo einst alle diese Spezies prosperierten. Das Klima kann folglich nicht das Ende der nördlichen Tierparadiese herbeigeführt haben. Nach Zimovs Folgerungen durchbrach nur die Überjagung den steten Niedergang und Wiederaufstieg der Grasländer mit Hilfe der Grasfresser.

Auch in Jakutien herrschen heute noch pleistozäne Klimabedingungen – optimale Bedingungen für das Restaurationsprojekt Zimovs, das auf 160 Quadratkilometern Tiefland bei Kolyma bereits anläuft. Wie in der geologischen Vergangenheit Sibiriens streifen hier Rentiere, Elche, verwilderte Pferde, Moschusochsen, ein Haufen Kleingetier, Bären, Wölfe und andere Fleischfresser umher. Viele werden noch bejagt, und ihre Bestände wie auch ihr Einfluss auf die Vegetation sind noch gering. Das soll sich jedoch schon bald ändern. In einem zweiten Schritt planen dann die beteiligten Wissenschaftler im Pleistozän-Park die Einbürgerung amerikanischer Bisons, deren Verwandte ebenso in Sibirien lebten, und sibirischer Tiger.

Das hätte den schönen Nebeneffekt, dass die majestätischen Raubkatzen hier sicherer vor Wilderei wären und zudem in den mannigfaltigen Großtierherden ungeniert schlemmen könnten. In ihrem momentan letzten Refugium ist auch die aktuelle Beutedichte ein Problem für die Katzen. Und noch einen positiven Aspekt seines Projekts führt Zimov an: Grasland ist wesentlich produktiver als die Tundra, speichert mehr Kohlenstoff in seiner Biomasse sowie im Boden und hat ein höheres Rückstrahlvermögen als dunkle Mooslandschaften. Auf große Flächen Sibiriens angewendet, ließe sich so der neuerlich drohende Klimawandel vielleicht etwas abmildern.

In dieser Landschaft würde dann schließlich nur eines fehlen: echte Mammuts. Doch bis die Gentechnik überhaupt soweit sein wird, aus dem vorhandenen DNA-Material lebende Rüsseltiere des Pleistozäns zu erschaffen, werden wohl noch Jahrzehnte ins Land gehen. Es bleibt also viel Zeit für Zukunftsmusik und weitere sibirische Experimente.
10.05.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 10.05.2005

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