Direkt zum Inhalt

Seuchengeschichte: Pest und Zusammenbruch in Sibirien

Der schwarze Tod selbst im entlegensten Winkel Eurasiens? Skelettfunde erzählen die Geschichte einer vernichtenden Seuche im vorzeitlichen Sibirien. Doch stimmt sie auch?
Mehrere Schädel in einer Reihe, in einem Beinhaus mit Opfern der Pest in Paris.Laden...

Eine vorgeschichtliche Seuchenkatastrophe zeichnet sich in Skeletten aus der Region um den Baikalsee in Sibirien ab. Demnach gelangte die Pest etwa vor 4400 Jahren nach Sibirien – und genau zu jener Zeit schrumpfte die menschliche Bevölkerung dort anscheinend dramatisch. Das berichtet jedenfalls eine Arbeitsgruppe um Gülşah Merve Kılınç von der Universität Stockholm anhand von Gendaten von 40 menschlichen Überresten, die den Zeitraum von etwa 17 000 bis 550 Jahren vor heute überspannen. Wie das Team in »Science Advances« schreibt, fand es in zwei Skeletten von vor etwa 4400 und 3800 Jahren Spuren des Pesterregers Yersinia pestis – für genau jenen Zeitraum legen die Daten einen deutlichen Rückgang der genetischen Vielfalt nahe.

Die einfachste Erklärung für die geschrumpfte genetische Vielfalt ist, dass zu jener Zeit die Bevölkerung deutlich schrumpfte. Mit dem Pestbakterium präsentiert das Team auch gleich einen möglichen Übeltäter. Allerdings folgt aus dem Zusammentreffen noch nicht, dass damals tatsächlich eine große Seuche Sibirien entvölkerte. Womöglich hatte der genetische Flaschenhals in den Daten andere Ursachen, zum Beispiel großräumige Klimaveränderungen.

Dass der Fall keineswegs klar ist, zeigen auch die restlichen Genomdaten der Arbeitsgruppe. Die Verschiebung vor etwa 4400 Jahren ist nur eines von drei derartigen Signalen, die sie in den Knochendaten aufspürte und die auf ähnlich deutliche Veränderungen in der Bevölkerung vor etwa 9800 und etwa 6800 Jahren hinweisen. Was sie auslöste, dafür gibt es nicht einmal Indizien. Dass jedoch die Pest vor etwa viereinhalbtausend Jahren in Eurasien grassierte und auch das entlegene Sibirien nicht verschonte, ist ebenso aus anderen Funden bekannt. Und die Menschheitsgeschichte kennt genug Beispiele für die Macht der Seuchen, das Schicksal ganzer Kulturen zu verändern.

02/2021

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 02/2021

Lesermeinung

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnervideos