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Coronakrise: Zwanghaft während der Pandemie

Ausgiebiges Händewaschen, Abstand wahren: Was vor der Corona-Krise teils als zwanghaft angesehen wurde, ist nun Status quo. Experten befürchten eine Zunahme an Zwangsstörungen.
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In der schlimmsten Phase seiner Erkrankung wäscht sich Jonas 60-mal am Tag die Hände – so lange, bis auf dem Handrücken blutige Furchen zurückbleiben. Nach dem Einkauf reinigt er minutenlang sämtliche Lebensmittel: Wer weiß schon, wer das alles angefasst hat, sagt er sich. Der 20-Jährige, dessen richtiger Name eigentlich nicht Jonas lautet, hat ein Problem: Er gehört zu den zwei Prozent der deutschen Bevölkerung, die eine Zwangserkrankung haben.

Langfristig werden wegen der Corona-Pandemie mehr Patienten an Zwangsstörungen – vor allem Waschzwängen – erkranken, wie Psychiatrie-Facharzt Andreas Wahl-Kordon prognostiziert. Durch die hohe Präsenz der Pandemie in den Medien bekämen viele Angst, die sonst nichts mit Zwang und »Kontaminationsbefürchtung« zu tun hätten. Die derzeitige Lage treffe aber auch auf einen »guten Nährboden« bei Menschen mit bestehenden Zwangserkrankungen, wie Wahl-Kordon, der Direktor der Oberberg Fachklinik Schwarzwald, berichtet.

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In der Jugend wird Jonas gehänselt, wechselt oft die Schule und zieht sich zurück. 2011 stirbt Jonas' Vater an einem Herzinfarkt. »Da hat es angefangen«, sagt er. Der damals Elfjährige achtet genau auf den eigenen Herzschlag. Ergeht es ihm ähnlich wie seinem Vater? Bei Brustschmerzen geht er zum Arzt. Bei einem Knacken im Nacken denkt er an einen Genickbruch und fährt nachts ins Krankenhaus.

Laut Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, sind Zwangserkrankungen wie in Jonas' Fall häufig mit einem Schicksalsschlag verbunden. »Stress und schwer wiegende Lebensereignisse wie der Tod oder eine schwere Erkrankung von Angehörigen können eine Rolle spielen.« Aber auch familiäre Konflikte können Zwänge auslösen. Zwangsgedanken, aus denen später Zwangshandlungen entstehen können, basieren laut Wahl-Kordon ebenso auf genetischer Veranlagung.

Jonas denkt bald, dass er Tollwut haben könnte. Er liest online von der Virusinfektion, die meistens durch Tierbisse auf Menschen übertragen wird. Eigentlich findet er immer wieder den Hinweis, dass die Krankheit in Europa weitestgehend ausgerottet sei, dennoch fühlt er sich zunehmend bedrohter. »Die Ansteckungen liegen im Promillebereich, doch für mich fühlte es sich nach nächtlichen Recherchen im Internet wie eine zehnprozentige Wahrscheinlichkeit an«, sagt er. Er geht fortan nicht mehr in den Wald, weil er befürchtet, sich dort zu infizieren.

»Den Erkrankten muss klargemacht werden, dass die Angst nicht von draußen kommt, sondern von ihnen selbst«
(Oliviero Lombardi, Psychologe aus Stuttgart)

Zwangserkrankungen beginnen meistens in der Jugend, wie Wahl-Kordon sagt. Wer kurz vorm Verlassen des Hauses nachsieht, ob der Herd wirklich ausgeschaltet ist, sei nicht erkrankt, sagt er. Die Zwangshandlung müsse täglich vorkommen und insgesamt etwa eine Stunde andauern – dann spreche man von einer Erkrankung.

Solange der Leidensdruck nicht hoch ist und man keine wichtigen Termine durch übermäßiges Händewaschen verpasst, hält Wolf Hartmann es nicht für problematisch. Er ist Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen (DGZ) und führt gerne das Beispiel eines Studenten in den USA an, der bei einem Tagestrip nach Mexiko schlechte hygienische Verhältnisse erlebt und mit Ekel zurück in die USA fährt. Wieder in seiner Unterkunft, erlebt er das Duschen als Wohltat nach einer Belastung und entwickelt später einen Zwang.

Bei 90 Prozent der Patienten mit Zwangsstörung hat ein Elternteil selbst eine Form von Angsterkrankung, sagt Psychologe Oliviero Lombardi aus Stuttgart. »Den Erkrankten muss klargemacht werden, dass die Angst nicht von draußen kommt, sondern von ihnen selbst«, sagt er.

»Stell dich nicht an!«

Die Bekannten, die von Jonas' Krankheitsängsten wissen, stempeln ihn ab: »Stell dich nicht an«, sagen sie ihm. Ihm wird bewusst, dass sein Verhalten ihn immer mehr im Alltag einschränkt. Jonas denkt über Selbstmord nach, bevor er sich im Februar 2020 für eine Therapie entscheidet. Die aktuelle Corona-Pandemie macht Jonas nun zusätzlich zu schaffen. Er ist noch etwas vorsichtiger als zuvor: Er wechselt die Straßenseite, um Kontakt mit anderen zu vermeiden, oder benutzt Handschuhe, wenn er Geld abhebt. Jonas hat Angst, dass seine Therapiefortschritte in der Corona-Welt mit Abstandsregeln und Maskenpflicht wieder zunichtegemacht werden.

Doch zur Furcht gesellt sich auch Erleichterung: »Jetzt benimmt sich jeder so, wie ich mich ohne Corona schon vorher verhalten habe«, sagt Jonas. In der Praxis von Psychologe Lombardi war erst kürzlich eine Klientin, die ihm sagte, wie herrlich es doch sei: »Endlich sind alle wie ich. Noch nie habe ich mich so gut gefühlt wie jetzt.« Oliviero Lombardi rechnet mit neuen Patienten nach der Pandemie – aber erst, wenn die reale Gefahr vorüber ist. Viele seiner Patienten hätten keine größeren Ängste wegen Corona, weil die Gefahr zu konkret sei. Oft dächten sie an Krankheiten, die abstrakter sind.

»Wenn die Krise vorbei ist, dann werden sicherlich eine ganze Menge übrig bleiben, bei denen sich eine Zwangsstörung bildet«
(Wolf Hartmann, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen )

»Wenn die Krise vorbei ist, dann werden sicherlich eine ganze Menge übrig bleiben, bei denen sich eine Zwangsstörung bildet«, sagt Hartmann von der DGZ. Die Bundespsychotherapeutenkammer hält eine Zunahme an Patienten mit Zwangserkrankungen in der aktuellen Situation für realistisch. Ganz sicher ließe sich das noch nicht sagen. Zwangsgedanken bei bereits erkrankten Menschen könnten sich durch Corona verschlimmern. Auch andere psychische Erkrankungen wie Depressionen könnten sich verschlechtern, oder Patienten erkranken sogar vermehrt neu daran.

Jonas lernt in Therapien verschiedene Techniken – zusätzlich nimmt er Antidepressiva ein. Was für andere das Laufen auf glühenden Kohlen ist, bedeutet für ihn, mit der Hand erst die Türklinke und dann sein Gesicht zu berühren. Um die Angst vor der Tollwut loszuwerden, streift er durchs Unterholz im Wald und fasst in Erdlöcher.

So werde es jedoch besser: »Wenn ich das durchgestanden habe, dann ist das ein schönes Gefühl. Wie als würde eine Last von einem abfallen.« In Zukunft will er sein Fachabitur im Gesundheitswesen machen. Das Händewaschen ist bereits weniger geworden. Für ihn ist das ein Erfolg: Täglich kommt er auf nur noch 10- bis 15-mal – in Zeiten von Corona ist das gar nicht mehr so unüblich.

(dpa/jde)

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