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Kognition: Zwanghaftes Tagträumen

Die Gedanken ab und an schweifen zu lassen, beflügelt unsere Kreativität. Bei einigen wenigen könnte Tagträumen aber auch belastende Ausmaße annehmen, sagen Forscher.
Frau schaut in die Ferne

Lange wurde sie als nutzlose Zeitverschwendung verteufelt – doch in den vergangenen Jahren haben Psychologen und Neurowissenschaftler die Tagträumerei zumindest teilweise rehabilitiert. Die Gedanken schweifen zu lassen, entspricht demnach nicht nur der natürlichen Funktionsweise des Gehirns, sondern beschert uns auch kreative Einfälle. Einer Untersuchung zweier israelischer Forscher zufolge frönen jedoch manche Menschen dieser Tätigkeit so exzessiv, dass sie sich davon beeinträchtigt fühlen.

Die Psychologin Nirit Soffer-Dudek von der Ben-Gurion-Universität in Be'er Scheva und ihr Kollege Eli Somer von der Universität Haifa bezeichnen diesen Zustand als »maladaptives«, also fehlangepasstes Tagträumen. Für ihre Studie untersuchten sie mit 77 Personen erstmals in nennenswertem Umfang Menschen, die nach eigenen Angaben darunter leiden, dass ihre Gedanken zu oft und zu lange wandern.

Die Teilnehmer, die sie unter anderem über Online-Selbsthilfeforen rekrutierten, kamen aus 26 (hauptsächlich englischsprachigen) Ländern. Zwei Drittel von ihnen waren schon einmal in psychotherapeutischer Behandlung gewesen, am häufigsten wegen Depression, Angsterkrankungen, posttraumatischen Störungen und Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Ein Viertel der Probanden hatte bereits einen Suizidversuch hinter sich, fast die Hälfte war arbeitslos.

Die Probanden sollten über einen Zeitraum von 14 Tagen jeden Abend protokollieren, wie lange sie sich tagsüber mit ihren Fantasien beschäftigt hatten und welche anderen psychischen Symptome sie an sich beobachtet hatten. Durchschnittlich hingen sie vier Stunden täglich auf Kosten produktiveren Tuns ihren Gedanken nach. Je länger und je intensiver die Tagträume waren, als desto belastender wurden sie empfunden und desto mehr depressive Gefühle bemerkten die Befragten am entsprechenden Tag. Den stärksten Zusammenhang gab es jedoch zu Symptomen einer Zwangsstörung wie häufigem Kontrollieren. Diese gingen auch oft einem Tag mit besonders starkem Gedankenwandern voraus.

Fehlangepasstes Tagträumen sei eindeutig belastend für die Betroffenen, schlussfolgern Soffer-Dudek und Somer, und ähnele am ehesten Zwangsgedanken. Das entspreche der Erfahrung vieler Betroffener, sich kaum dagegen wehren zu können, in Fantasievorstellungen abzugleiten – selbst wenn sie dadurch wichtige Tätigkeiten im Alltag vernachlässigen. Da nur fünf der untersuchten Probanden schon einmal die Diagnose Zwangsstörung erhalten hatten, könne exzessives Tagträumen wohl nicht einfach als Unterform dieser Erkrankung gesehen werden. Beiden Leiden lägen aber eventuell ähnliche Mechanismen zu Grunde.

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