Entscheidungen: Wieso zwanghafte Menschen zaudern

Viele Menschen, die zwanghaftes Verhalten aufweisen, tun sich extrem schwer damit, Entscheidungen zu treffen. Warum das so ist, haben Forschende um die Psychologin Magdalena del Río vom University College London genauer untersucht.
In einer Online-Studie spielten rund 5200 Personen ein Spiel auf dem Smartphone: Auf einem Gitter mit 25 Feldern war auf jedem Feld eine von zwei Sorten Edelsteinen versteckt. Die Versuchspersonen konnten entscheiden, wie viele Plättchen sie aufdecken wollten, bevor sie sich festlegten, von welcher Sorte Edelsteine es insgesamt am meisten auf dem Spielfeld gab. Wenn jemand viele Felder vor der Entscheidung aufdeckte, wurde dies als Unentschlossenheit gewertet. Parallel dazu füllten alle Teilnehmenden einen Fragebogen zu zwanghaften Gedanken und Verhaltensweisen aus.
Personen, die stärkere Symptome einer Zwangsstörung aufwiesen, brauchten offenbar mehr Sicherheit: Sie deckten pro Runde mehr Felder auf, bevor sie tippten. Zugleich waren sie dabei weniger zuversichtlich, dass sie richtig gewählt hatten.
In der Auswertung interessierte das Team nicht nur, wie viele Informationen insgesamt gesammelt wurden. Es ging auch darum, wie aufschlussreich das letzte aufgedeckte Feld war. Die Größe des »Informationssprungs« – also wie deutlich sich die Wahrscheinlichkeit für etwas durch eine neue Information verändert – hat auf Entscheidungen normalerweise einen starken Einfluss. Bei Personen mit ausgeprägten Zwangssymptomen war dieser Effekt jedoch merklich abgeschwächt: Sie ließen sich von einer eigentlich starken neuen Information weniger leiten als andere.
Unentschlossenheit zeigt sich auf neuronaler Ebene
In einer zweiten Studie sollten 105 Personen eine ähnliche Aufgabe bearbeiten, während per Magnetoenzephalografie (MEG) ihre Hirnströme gemessen wurden. Unter den Teilnehmenden waren diesmal neben gesunden Kontrollpersonen auch solche mit einer Zwangsstörung sowie mit einer generalisierten Angststörung. Erneut zeigte sich, dass Menschen mit ausgeprägteren Zwangssymptomen die jeweils zuletzt gewonnene Information bei ihrer Entscheidung weniger stark berücksichtigten. Das spiegelte sich auch in den MEG-Daten wider – besonders gedämpft war die Aktivität in medialen präfrontalen Hirnarealen, denen eine zentrale Rolle bei der Überwachung und Bewertung von Entscheidungen zugeschrieben wird.
Die Forschenden schlussfolgern, dass Personen mit zwanghaften Eigenschaften neue Hinweise weniger stark nutzten, um ihr Bild der Lage zu aktualisieren, weshalb sich Zweifel bei ihnen länger halten. Dies könne ein möglicher neuer Ansatzpunkt für Therapien sein. Zu bedenken gibt das Team allerdings, dass Entscheidungsprozesse komplex sind. Wie gut sich die Ergebnisse auf andere Aufgaben und echte Lebensentscheidungen übertragen lassen, ist noch offen.
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