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News: Zwei Seiten einer Medaille

Die Suche auf genetischer Ebene nach Ursachen für psychotische Erkrankungen gleicht häufig einem Tappen im Dunkeln. Licht in dieses Dunkel können da vielleicht neue Erkenntnisse über genetische Fehlfunktionen bei schizophrenen und manisch-depressiven Patienten bringen.
Dr. Jekyll und Mr. Hyde gelten als Paradebeispiel für Schizophrenie – zu Unrecht. Denn diese beiden – oder dieser eine, je nach Sichtweise – litten vielmehr unter einer multiplen Persönlichkeitsstörung. Bei Schizophrenen treten dagegen Halluzinationen, wie das Hören von nicht vorhandenen Stimmen, Wahnvorstellungen und Ich-Störungen auf, wobei sich die Betroffenen selbst als fremdartig erleben.

Ganz anders sieht das Krankheitsbild von Depression und Manie aus. Hier wechseln sich, wie der Name schon sagt, manische und depressive Phasen ab. Bei letzterer sind die Betroffenen meist traurig verstimmt, antriebslos und im Denken gehemmt. Hinzu kommen Schlafstörungen, Angst und Selbstmordgedanken. Dagegen zeichnet sich die Manie durch unangemessen gehobene Stimmung, Selbstüberschätzung, gesteigerten Antrieb und Enthemmung aus.

Haben beide Psychosen etwa gemeinsam? Wohl kaum – doch das Forscherteam um Sabine Bahn am Babraham Institute in Cambridge war sich da nicht so sicher.

Als die Wissenschaftler die Genaktivitäten von konservierten Hirnproben von 15 Schizophreniepatienten, 15 manisch-depressiven Fällen und 15 gesunden Personen untersuchten, entdeckten sie überraschenderweise, dass bei beiden Krankheiten teilweise die gleichen Gene herunterreguliert waren. Betroffen waren vor allem die Gene, die für die Produktion von Myelin sorgen. Diese von den Oligodendrocyten des Zentralnervensystems hergestellte Biomembran-Struktur ummantelt die Fortsätze der Nervenzellen wie ein Isolierband ein Stromkabel und sichert damit die Signalübertragung.

Wieder aufgetaucht aus den Tiefen der Genetik fanden die Wissenschaftler auch in der Statistik interessante Zusammenhänge: Der Zeitpunkt, zu dem beide Psychosen normalerweise auftreten, liegt häufig im frühen Erwachsenenalter. Und erst dann sind auch die Fortsätze der Nervenzellen in den untersuchten Hirnregionen beim gesunden Menschen vollständig myelinisiert, was für einen Zusammenhang zwischen den fehlregulierten Genen und den Erkrankungen spricht. Und last but not least: Angehörige von schizophrenen Menschen sind überdurchschnittlich häufig manisch-depressiv.

Gründe für die genetische Fehlfunktion seien, wie Robert Yolken, einer der beteiligten Wissenschaftler, erläutert, noch nicht bekannt. Er vermutet Infektionen des Zentralnervensystems als eine Ursache und verweist auf Studien, die aufzeigen, dass derartige Infektionen im frühen Kindesalter einen Risikofaktor für die Entwicklung der beiden Psychosen im Verlaufe des späteren Lebens darstellen können.

Nach Ansicht der Forscher liefern ihre Ergebnisse einen vielversprechenden Ansatz, mit dem die psychotischen Störungen in den Bereich der biologisch erklärbaren Erkrankungen gerückt werden können. Ob und wenn ja, welche Therapiemöglichkeiten sich in der Zukunft hieraus ergeben könnten, steht jedoch noch in den Sternen.

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